, 7. Dezember 2016
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Des Fussballs Teufelskreis

Ein internationales Recherche-Netzwerk deckt auf, was alle längst vermutet haben: Im Fussball gibt es viel Geld zu verdienen. Erst recht, wenn man sich nicht zu sehr mit moralischen Fragen abgibt. Nur: Beim Fussball geht es eigentlich um etwas ganz anderes.

Mehr zu den Football Leaks: «Der Speigel», Nr. 49, 2016

Der Aufschrei blieb verhalten, als letzten Samstag die «Football Leaks» veröffentlicht wurden. Unter diesem Stichwort hat der «Spiegel» zusammen mit seinen Recherchepartnern vom Netzwerk European Investigative Collaboration (EIC) erste Erkenntnisse aus Daten veröffentlicht, die Einblicke in das Fussballgeschäft geben. «Eine solche Enthüllung gab es noch nie», schreibt der «Spiegel», und kündigt für die nächsten Wochen weitere Veröffentlichungen an. Diese alle sollen aufzeigen, «wie das moderne System Profifussball funktioniert».

Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen haben sich längst damit abgefunden

Während das deutsche Magazin im Leitartikel einen Superlativ nach dem anderen auspackte, ebbte die Empörung in der (Medien-)Öffentlichkeit noch schneller ab als bei den «Panama Papers». Das ist schnell erklärt: Niemand hatte erwartet, dass es im Profifussball wirklich anders zu und hergeht. Wer den Fussball schon als sichtbarsten Ausfluss allen Übels ansah, fühlte sich bestätigt. Wer den Fussball schon immer als schönste Nebensache der Welt verstand, hatte sich mit dem Wissen über die Auswüchse längst arrangiert.

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Ronaldos Geldmaschine, aus: «Der Spiegel», Nr. 49

Die Gelassenheit, mit der wir – als ein aus eingefleischten Fussballfans bestehendes Kollektiv – über die «Football Leaks» berichten, mag erstaunen. Sie ist im Endeffekt aber nur konsequent. Für die an sich einfache Erklärung müssen wir trotzdem etwas ausholen.

Wir alle lieben Fussball. Und damit meinen wir in allererster Linie den Sport. Das Spiel zwischen zwei Teams, das auf der ganzen Welt auf Strassen, Plätzen, Feldern und sonstwo gespielt wird. Das Spiel, das durch seine Einfachheit Millionen in seinen Bann zieht. Bei der Begeisterung für Fussball geht es in seinem Kern kein bisschen darum, was die Leute auf dem Rasen verdienen, wie viele Kinder das Poster eines bestimmten Spielers in ihrem Zimmer hängen haben, wie viele Millionen ein als Fussballverein getarntes Unternehmen umsetzt. Es geht um Tore, 22 Spieler und 90 Minuten Wettkampf.

Die Teams pushen sich gegenseitig

Dieser Wettkampf kann fairer oder unfairer ausgetragen werden, er bleibt jedoch ein Wettkampf. Selbst in einer Alternativliga, die sich ja gerade durch den Fairness-Gedanken auszeichnet, geht es um Auf- und Abstiege und um Meistertitel. Die einen mögen mit einer Niederlage besser umgehen können als die anderen. Gewinnen wollen aber eigentlich alle.

Wer Spiele gewinnen will, muss besser sein als sein Gegner. Wer mehr Spiele gewinnen will, muss besser bleiben als sein Gegner. Weil dieser sich aber nicht damit abfinden wird, schlechter zu sein, wird er die Lücke schliessen wollen. Die Teams pushen sich gegenseitig. Je besser ein Team wird, desto weniger Platz ist für jene, denen es an Talent, Willen oder Lust mangelt. Wer in der Mannschaft keinen Platz mehr findet, muss die Spiele als Zuschauer verfolgen, wenn er doch noch nahe am Team bleiben will.

Bei einem Regionalfussballclub, wo es einem A-Junior nicht zum Sprung in die erste Mannschaft reicht, ist dieser Vergleich greifbarer. Bei einem professionellen Fussballclub trifft der Grundsatz aber genauso zu. Als unausweichliche Folge: Je besser ein Team ist, desto mehr Leuten bleibt nur noch das Zuschauen.

Zu diesen gesellen sich dann noch jene, die selber gar nie Fussball spielen wollten, aber trotzdem Interesse am Sport haben. Wir wollen ihnen nicht im Geringsten die Fussballkompetenz absprechen – Fussball ist ja eben durch seine Einfachheit so populär –, aber es ist wohl ein Faktum, dass kaum jemand, der selbst nicht Fussball spielt oder gespielt hat, sich Wochenende für Wochenende die Spiele einer 5. Liga-Mannschaft zu Gemüte führt. Viel eher werden sich diese Leute Spiele der oberen Ligen anschauen.

Früher Zuschauerzahlen, heute vor allem Werbeverträge und Fernsehrechte

Die Teams, die mehr Zuschauer aufweisen, können von dieser Popularität profitieren. Früher ergab sich der Vorteil vor allem durch Zuschauereinnahmen. Mittlerweile spielen – zumindest in den grossen Ligen – andere Faktoren eine grössere Rolle: Werbeverträge und Fernsehrechte, um nur zwei zu nennen. Der Mechanismus bleibt aber der gleiche: Die Teams wollen besser werden.

Früher gab es hier für die Teams wohl so etwas wie eine natürliche Grenze. Die Mobilität der Spieler war eingeschränkt, Wechsel bis vor nicht mal so langer Zeit gar nicht möglich und danach gar nicht so einfach. Weil heute aber zumindest potenziell ein Klub alle besten Talente kaufen will, fällt diese Grenze weg. Man mag nun das Übel darin suchen, dass Spieler wild durch die Ligen wechseln. Dass Spieler heute einfacher den Verein wechseln können, ist grundsätzlich zu begrüssen. Mit welchem Recht sollte einem Spieler das verboten werden? Wenn heute von Spielerverkäufen die Rede ist, mag das nach Sklaverei klingen. In Tat und Wahrheit war es früher näher an der Sklaverei, als ein Wechsel selbst nach Auslaufen eines Vertrages nur mit Zustimmung des Vereins möglich war.

Weil die Vereine immer besser werden wollen, wollen sie auch die besten Spieler verpflichten. Entsprechend überbieten sie sich mit Angeboten, um sie zu ihnen zu lotsen. Der Spieler wird sich vermutlich nicht nur nach dem möglichen Verdienst richten, aber der wird eine grosse Rolle spielen. Damit Fussballer – die allermeistens sehr jung sind – in dieser Situation auf das grosse Geld verzichten, dafür müssten sie schon über eine sehr gefestigte Persönlichkeit verfügen.

Es ginge auch anders: Beispiel Ødegaard

Zusammengefasst – und hiermit wären wir endlich bei der versprochenen einfachen Erklärung – ist es schlichtweg eine Spirale, die sich kaum durchbrechen lässt. Sie liesse sich vermutlich nur stoppen, wenn mehr Väter (und Mütter) so denken würden, wie jener des jungen Norwegers Martin Ødegaard. Als das Jungtalent von Real Madrid verpflichtet wurde, schrieben spanische Anwälte dem Vater, wie er die Steuern seines Sohnes optimieren könnte. Der Vater schrieb gemäss «Spiegel» zurück: «Er wird sowieso viel Geld verdienen; deshalb ist es auch eine moralische Frage, wie viel Mühe er sich mit dem Versuch geben sollte, ein paar Steuern zu sparen, wenn andere viel mehr damit zu kämpfen haben, ihre Rechnungen zu zahlen.»

Es ist aber kaum davon auszugehen, dass diese Haltung Überhand gewinnen wird. Denn, wie es «Zwölf»-Chefredakteur Mämä Sykora beim Interview mit Radio SRF ausgedrückt hat: Wo viele Leute und viel Geld sind, kommt es zwangsweise zu Auswüchsen. Und auch wenn wir die Auswüchse zum Kotzen finden: Die Frage, die sich alle selber beantworten müssen, ist viel eher: Wo ziehe ich meine Grenze? Kann ich mit gutem Gewissen Champions League schauen? Oder doch nur Super League? Oder gar keinen Profifussball?

Hier scheiden sich die Geister. Eines dürften aber am Ende trotzdem alle Fussballfans denken: Ich schau mir alles an, aber verbunden fühle ich mich nur dem Verein, bei dem ich mit gutem Gewissen herzlich befreit jubeln kann, wenn in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit das siegbringende 2:1 fällt.

 

Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

2 Kommentare zu Des Fussballs Teufelskreis

  • Liebes Senf-Kollektiv

    Genau dort, wo Euer Artikel endet, ginge die richtige Diskussion über Spitzenfussball, Kapitalismus, Moral und Konsequenz erst richtig los. Und: „Es geht um Tore, 22 Spieler und 90 Minuten Wettkampf.“ – Das habe sogar ich schon gewusst!
    Schade.
    Hans Fässler, einsamer Kritiker des Spitzenfussballs

  • […] Beitrag erschien am 7. Dezember 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem […]

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