, 21. Februar 2020
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Die bitteren «ricordi» einer Nation

«Wer will nicht manchmal auf den nächsten Baum klettern und schreien?» Das sagt Christoph Keller in seiner Rede auf Fellinis Klassiker «Amarcord» – am Sonntag ist der Film noch einmal im St.Galler Kinok zu sehen. Danach spielt die Banda di San Gallo.

Am liebsten würde ich auf den nächsten Baum klettern und «Amarcord! Amarcord! Amarcord!» rufen. Denn ich habe die Ehre, diesen, Federico Fellinis vielleicht schönsten, berührendsten Film vorzustellen.

Vorab ein herzliches Dankeschön an die Romangnoli, die den modernen Barbaren Salvini in den Regionalwahlen in den Nebel geschickt haben. In der Emilia Romagna und vor allem der Küstenstadt Rimini spielt Amarcord, hier wurde Fellini vor hundert Jahren geboren, hier lebte er,  bis er mit neunzehn am Ende von I vitelloni den Zug nach Rom nahm. «Prima gli Italiani», Salvinis Slogan neben «In Italia non esistono i fascisti», ist ja gut und recht. Doch wenn uns Fellini, dieser «italienischte» aller Italiener, eines lehrt, dann ist es, offen zu sein, dem Fremden aus Übersee ebenso wie dem Fremden in uns. Fellinis Boote mögen untergehen, voll sind sie nie.

Erinnern und erfinden

«A m’arcord» heisst im Dialekt der Romangnoli «mi ricordo» – «ich erinnere mich». Ich dachte lange, im Titel würden sich die Wörter «amaro (bitter)» und «cuore (Herz)» verstecken, dachte also, dass uns Fellini hier sein bitteres Herz entblösst. Was linguistisch unsinnig ist, macht cineastisch durchaus Sinn. Dieser Film, den viele als leichte Komödie in Erinnerung haben mögen, ist durchaus etwas bitter, hat aber noch mehr Herz. Immerhin ist es ein Film über Pubertät, Katholizismus und Faschismus in den Dreissigerjahren Italiens.

Poetische Tatsache ist, dass Fellini dieses Wort wie in der Trance automatischen Schreibens nach einem üppigen Restaurantmahl auf einer Serviette ausprobiert hat. Zu verdanken hat er es seinem Drehbuchmitschreiber, dem Dichter Tonino Guerra, der zehn Kilometer von Rimini entfernt aufgewachsen ist und der den Ausdruck «a m’arcord» in einem Gedicht gebraucht hat. Für Fellini wurde es zum Zauberwort voller mysteriöser Poesie, zur Beschwörungsformel für einen magisch-realistischen Film, eine Buchstabenfolge, die man wie «asa nisi masa» aus Otto e mezzo nur vor sich hinmurmeln muss, um von unserer Welt in die echte transportiert zu werden.

Also aufgepasst, «a m’arcord» heisst bei Fellini nicht nur «ich erinnere mich», sondern auch: «ich erfinde», zaubere, erzähle Märchen, flunkere, fabuliere, fantasiere, beschwöre, halluziniere, verführe, vor allem aber «ich träume». Als Junge ging Fellini überraschend wenig ins Kino, hatte aber die vier Ecken seines Bettes nach den vier Kinos von Rimini benannt. Filme sind die Träume des 20. Jahrhunderts. Ich glaube, das sagt eine der Figuren von Susan Sontags Roman The Volcano Lover. So oder so trifft es genau auf Fellini zu.

Manine!

Der Film beginnt mit einem simplen Vorspann – weisse Schrift auf schwarzem Hintergrund –, über den, wie so oft bei Fellini, Nino Rotas berührende Musik schwebt. Wenige haben wie dieser Komponist so stimmig mit einem Regisseur zusammengearbeitet. Wenige haben es wie diese beiden verstanden, mit wenigen Takten einen auf einen Film einzustimmen, leitmotivisch durch ihn zu führen wie durch ein gelungenes Leben und zum konsequenten Ende zu bringen. Achten Sie darauf, wie auch in Amarcord ein Musiker, der eigentlich ausschliesslich in den Film gehört, die Musik des Films intoniert, als wolle er aus diesem heraustreten, um uns zu sagen, das alles sei doch nur – ein Traum.

Dann schneit es Baumwollflöckchen. Verzaubernd, dynamisch und damit lebende Gegenwart schaffend schweben diese ätherischen Wesen über die azzuro-blaue Leinwand. Sie erinnern mich an die Schneeflocken in Bruegels Das Wunder im Schnee – die Lichtwerdung Jesu –, dem im Römerholz in Winterthur zur Zeit eine Ausstellung gewidmet ist. Gleich, gleich, wie bei Bruegel, von dem gesagt wird, er habe den besten Schneefall gemalt, werden wir auch hier gleich mit unseren eigenen Augen eine Epiphanie erleben.

«Manine» heissen die Flöckchen auf Italienisch, also «Händchen», und das ist auch das erste Wort, das in Amarcord auf die Musik folgt, und, das sei verraten, es ist auch das fast letzte im Film. Dieses poetische Naturerreignis läutet den Frühling ein. Wir begleiten die Riminesi durch die Jahreszeiten, bis ein Jahr vergangen ist. Allerdings ist es ein Fellinijahr, das sich von 1933 bis 1937 streckt: immer wieder finden sich Hinweise, ein Lied, das es schon 1934 gab, ein Film, der erst 1937 herauskam, dass hier chronologisch nicht alles lupenrein ist.

Amarcord: 23. Februar, 16.45 Uhr, Kinok St.Gallen.
Anschliessend um 19 Uhr spielt La Banda di San Gallo zum Abschluss der Fellini-Retrospektive im Theatersaal der Lokremise.

Da fängt Riminis Dorftrottel Giudizio eine dieser «manine» auf, dreht sich zur Kamera und fängt mit unserer Geschichte an. Schon sind wir bei Macbeth, der ja gesagt hat, unser Leben sei nichts als eine Geschichte «told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing.» Von Baumwollflocken zum vielleicht nihilistischsten Shakespeare-Zitat, das muss einer Fellini mal nachmachen. Und mit dieser Leichtigkeit! Genau diese unwahrscheinliche Spannweite, dieser unmögliche Schwebezustand ist es, was den gewichtigen Zauber Amarcords ausmacht.

Lügen, um die Wahrheit zu sagen

Ich will aber Fellini nicht zum Shakespeare mit Kamera hochstilisieren, dafür ist dieser Verfechter des prallen Lebens zu sehr Nicht-Nihilist. Dennoch lässt er uns von einem Idioten erklären, was es mit diesen Flocken auf sich hat: Flüchtig sind sie nämlich. Gleich sind sie wieder weg. Und sie gehören uns allen.

Lügen, um die Wahrheit zu sagen, das hat nicht nur Fellini gesagt. Immer ging es Fellini um mehr als um «Autobiografisches»: Oft hat er sich dazu geäussert – und natürlich immer übertrieben: alles in seinen Filmen sei erfunden, deshalb sei alles umso wahrer. Und die Figuren in Amarcord, macht er im Vorspann klar, seien «puramente casuale», rein zufällig.

Die falsche Fährte ist gelegt, und schon sind wir auf der richtigen. Der Film nämlich zeigt eben nicht nur die Erinnerungen – und alles, was damit gemeint ist – des fünfzehnjährigen Tittas oder jene Fellinis oder jene Guerras, seines Drehbuchautors, oder Erinnerungen, die «puramente casuale» sind. Nein, Amarcord, und deshalb ist es ein so gelungener, grosser Film, zeigt die Erinnerungen einer Nation, jener Italiens während einer äusserst schwierigen, überaus peinlichen Epoche, der Mitte der Dreissigerjahre. Es ist ein «unangenehmer Film», dies der Regisseur über das eigene Werk.

Spiegel für das heutige Italien

Fellini filmt nicht in Rimini, nicht einmal die berühmte Szene mit dem Ozeandampfer Rex hat er an der adriatischen Küste gedreht. Bereits für I vitelloni, seinen anderen Rimini-Film, hat er alles anderswo gedreht. Diesmal aber geht er noch weiter und lässt Rimini nachbauen – und nachgebaute Erinnerungen, die einer ganzen Nation, präsentiert er denn auch hier. So lässt sich Italien umso eindrücklicher der Spiegel vorhalten. Die Warnung, doch bloss nicht wieder auf diese Salvini-Typen, die er in Amarcord als lächerliche, gefährliche Clowns vorführt, hereinzufallen, wirkt umso nachhaltiger.

Der Spiegel ist nach fast einem halben Jahrhundert nicht blind geworden: Als Salvini und seine Mannen angerückt kommen, bremst sie der Bürgermeister von Rimini mit einem Zitat aus dem Film: «Wir sind hier in Rimini, also antworten wir dir wie in Amarcord: Du bist hier nicht der Kater! Sei artig, geh nach Hause.»

Mag man auch die berühmte Onkel-Teo-Szene im Kopf haben, so hat man doch vielleicht deren hinterlistige Komik und stechende Tragik vergessen – verdrängt, wie wir es eben mit unangenehmen Erinnerungen machen. Es ist die Not, in solchen Zeiten leben zu müssen, in denen die Leute wie Onkel Teo verrückt werden oder einfach den Mantel überhängen und zur Arbeit gehen, als sei das alles normal. Aber ist Onkel Teos Reaktion nicht eigentlich die gesündere auf diesen Wahnsinn? «Was kann man tun?», sagt sein Doktor, nachdem er ihn mit Hilfe einer «Zwergnonne» aus dem Baum gelockt hat? «An manchen Tagen ist er verrückt, an andern völlig normal. Aber das ist ja bei uns genau das gleiche.»

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Onkel Teo ist der Normalste von uns allen. Wer will, auch in unseren Zeiten, nicht manchmal auf den nächsten Baum klettern und schreien? Nach einer «donna», einem Mann, nach Liebe, nach Verstand, nach menschlicher Vernunft.

Der St.Galler Schriftsteller Christoph Keller hat diese Rede bei einer vergangenen Vorführung des Films im Kinok gehalten. Keller hat zuletzt im Herbst den Roman Der Boden unter den Füssen (Limmat Verlag) veröffentlicht.

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