Die blauen Hunde von Tschernobyl
Selbstverständlich wollen wir das Bestiarium frei von Clickbait halten, aber bei einer Schlagzeile der Marke «Warum sind die Hunde in Tschernobyl blau?» wird auch der integerste Tierkolumnist schwach. Zu aufregend sind die Bilder, die sich umgehend vor dem inneren Auge auftun: Kunterbunt mutierte Tiere, die sich in der verseuchten Zone rund um den 1986 explodierten Reaktor austoben, zweiköpfig, nein, dreiköpfig, wie die Fische bei den Simpsons, ein durch den Fleischwolf gedrehtes Ökosystem, das Charles Darwin in seinem Grab rotieren liesse.
Die Wahrheit indes ist weit weniger spektakulär: Insgesamt drei blaue Strassenhunde wurden dieses Jahr in der 2700 Quadratkilometer grossen Sperrzone gesichtet, wo die Abwesenheit des Menschen eine blühende Artenvielfalt ermöglicht.
Bislang hatte vor allem die Farbe Schwarz für Schlagzeilen gesorgt, denn die lokalen Laubfrösche, für gewöhnlich giftgrün gefärbt, haben seit Jahren Schwarz zur Modefarbe erklärt – ein Umstand, der das Überleben der Amphibien sichert: Melanin, das Pigment, das für dunkle Färbung sorgt, schützt die Frösche, weil es freie Radikale neutralisiert und DNS-Schäden reduziert. Noch spannender mutet ein schwarzer Pilz an, der bereits Anfang der 90er in Tschernobyl entdeckt wurde und sich genau dort breit macht, wo die Strahlung am höchsten ist. Cladosporium sphaerospermum ist in der Lage, radioaktives Material zu zersetzen, und gedeiht prächtig in der Todeszone. Ein waschechter Atompilz!
Im Gegensatz dazu erscheint die Geschichte der Hunde, die auch in der HBO-Serie Chernobyl in klassischer Kill-the-Dog-Manier zur Emotionalisierung herhalten mussten, eher tragisch. Ein Grossteil der Fellnasen fällt Krankheiten und Raubtieren zum Opfer, ehe sich der Krebs überhaupt ausbreiten kann. Ihre Erbsubstanz hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar stark verändert – das ist aber nicht der Grund für die blaue Färbung.
Ende November gaben Nachrichtenportale rund um den Globus des Rätsels vermeintliche Lösung bekannt: Das ukrainische Staatsunternehmen SSE Ecocentre, das sich um die Beobachtung der Zone kümmert, gab selbstbewusst zu Protokoll: «Die Hunde werden sterilisiert und danach blau gekennzeichnet.» Dabei hinterfragte scheinbar niemand die Tatsache, dass es ja Mitglieder der Tierschutzorganisation «Dogs of Chernobyl» waren, die die blauen Hunde zuerst gesichtet hatten – und zwar während eines Sterilisierungseinsatzes.
Mittlerweile ist klar: Die Antwort ist noch viel banaler! Die Farbe stammt aus einem alten Dixieklo, wo eine blaue Flüssigkeit zur Reinigung eingesetzt wird. Und offenbar hatten die Hunde genau in dieser Brühe ein ausgiebiges Bad genossen. Hunde machen halt Hundesachen!
JEREMIAS HEPPELER, 1989, lebt und arbeitet als Künstler, Musiker und Autor im Donautal und irgendwie auch überall sonst in den intermedialen Zwischenräumen dieser Welt. In seiner Kolumne streift Heppeler literarisch durch das kunterbunte Tierreich des Popkultur-Planeten Erde – auf der Suche nach den seltsamsten Lebewesen, den absurdesten Fakten und den erschreckendsten Umweltsünden. Die Illustration stammt ebenfalls aus seiner Feder.
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