Saiten: Was sind deine Erwartungen für den Kulturherbst? Kommt das Publikum zurück?
Jacques Erlanger: Diesen Sommer hatte man ja das Gefühl, Corona sei vorbei – aber Long Covid bleibt in der Kultur, das wissen wir. Das Publikum ist zurückhaltender, Ängstlichkeit ist sicher ein Aspekt, aber nicht nur. Bei aller Ungewissheit, was die Gründe sind, kann man wohl sagen: Die Kultur ist aus dem Takt gefallen. Die Selbstverständlichkeit, mit der man vor der Pandemie Veranstaltungen besucht hat, ist verloren gegangen.
Wie waren die Erfahrungen für die von dir vertretenen Kompanien im ersten Halbjahr, nach dem Ende der Pandemie?
Der Frühling war schwierig. Die Aufführungen etwa von Play Schubert, kurz nach der Lockerung, waren mässig besucht. Schade, wenn coole Projekte nicht ihr Publikum finden, aber das waren noch die Nachwehen von Corona und dem Winter. Im Mai-Juni war das Publikum dann wieder da. Ich beklage mich nicht – es gab sehr viele gefreute Reaktionen.
Trotzdem baut ihr jetzt ein Streaming-Projekt auf, namens «Couchkult».
«Couchkult» ist als Transformationsprojekt entstanden. Es ist ganz klar ein Kind der Pandemie und auch eine Vorsichtsmassnahme für die Zukunft. Auf der Plattform kommen zwei Dinge zusammen: zum einen Livestreams, zum anderen Dokumentationen über die Arbeit der einzelnen Truppen. Die Plattform soll ein Sammelpunkt für die freie Szene werden und ihr eine Sichtbarkeit geben, die sie bisher nirgends hat.
Das Crowdfunding für «Couchkult» (im Bild Xenja Füger) läuft bis Ende August. Auf der Plattform bisher vertreten sind: DOXS Tanzkompanie, Dance Company ONE, Künstlerduo Schmalz/Gombas, Micha Stuhlmann, Rotes Velo Kompanie, ConFusionArt Collective, Nadika Mohn, Play Schubert, Company O. und Eolienne.
couchkult.ch
Von wem kommt die Initiative?
Von Xenja Füger und ihrer Schaffhauser Tanzkompanie DOXS. Mein Part ist die Internetseite und die Schnittstelle zur freien Tanz- und Theaterszene. Mit dabei ist auch Thomas Kolter von Monkey Productions für die Streaming-Technik. Damit, eine Kamera hinzustellen, ist es längst nicht mehr getan. Mehrere Kameras, professioneller Ton und eine Regie sind die Voraussetzung dafür, einen künstlerischen Mehrwert zu schaffen. Sonst wird Streaming nicht interessant.
Streaming war populär im Lockdown, hatte aber rasch auch einen schlechten Ruf als «abgefilmtes» Theater. Das Live-Erlebnis ist nicht zu ersetzen durch eine digitale Bildschirmpräsenz.
Absolut. Das neue Medium muss sich auch noch bewähren. Es geht jetzt darum, auszuloten, was der Mehrwert ist. Innensichten auf und von Künstler:innen sind möglich, die Kamera kann Einblicke bieten, die man als Live-Zuschauer nicht hat. Zudem bieten sich interaktive Formate an.
Ist der Name «Couchkult», bei allem Mehrwert, nicht doch ein fatales Signal an das Publikum: Bleibt zuhause, dort habt ihr es bequem und bekommt von uns trotzdem alles und noch mehr geliefert?
In der Praxis passiert das nicht. Wer gern ins Kino geht, geht weiterhin ins Kino, obwohl dort die Verführung durch das «Homekino» noch viel stärker sein könnte. Das Gleiche gilt fürs Theater. «Couchkult» ist keineswegs eine Aufforderung, zuhause zu bleiben – es ist vielmehr eine Chance, ohne geografische, mobilitätsbedingte oder epidemiologische Grenzen an Kultur teilzuhaben. Es ist eine Erweiterung, aber kein Ersatz. Die Magie eines Theaterspielorts ist durch nichts zu ersetzen.
Genannt ist in der Ausschreibung die «Kunst- und Tanzszene». Theater ist nicht mitgemeint?
Doch, Theater und auch Performance. Längerfristig können auch Musikproduktionen ein Thema sein. Generell greifen die einzelnen Genres immer mehr ineinander. Der Anstoss kam aber hier aus der Tanzszene. Und man kann nicht von Anfang an alles machen.
Die Startfinanzierung scheint zu klappen mit Transformationsgeldern und Crowdfunding – aber Streaming ist, wie bereits angetönt, teuer. Die bisherigen Erfahrungen sind: Die Menschen schauen sich Streams an, aber sind kaum bereit, dafür zu zahlen.
Man kann ein solches Angebot nicht mit Abos à la Spotify oder Netflix finanzieren. Für die Livestreams wird es eher eine Lösung mit Spendenbutton geben, wo man sich entscheidet, was einem eine Produktion wert ist. Paywalls oder Verschlüsselungen werden kaum funktionieren. Das Ziel der Streams ist auf jeden Fall, selbsttragend zu sein.
Zu den normalen Produktionskosten kommt jetzt die Streaming-Technik hinzu. Läuft das insgesamt nicht auf eine starke Verteuerung von freien Produktionen hinaus?
Die Mehrkosten liegen im Bereich von vielleicht 5 bis 7 Prozent der Gesamtkosten einer Produktion, wenn eine versierte Equipe am Werk ist. Aber die Finanzen sind ein Aspekt, klar, ähnlich wie bei Coachings für freie Produktionen, die auch notwendig sind und Geld kosten und wofür man finanzielle Lösungen finden muss.
Jacques Erlanger, 1965, ist Kulturvermittler und Soziologe und bietet seine Dienste in der freien Kulturszene seit 2016 an.
Solche Mehrkosten belasten auch die öffentlichen Fördertöpfe. Irgendwoher müssen die höheren Einnahmen kommen.
Das ist grundsätzlich richtig. Aber die Praxis ist jetzt schon, dass die meisten Kompanien auf einem professionellen Niveau ihre Arbeit dokumentieren, und damit ist man nicht weit weg von einem Livestream. Ohne Live-Mitschnitte geht heute kaum noch etwas – insofern ist es eine Weiterentwicklung. Transformationsgeld gilt im Übrigen nicht eigentlich als Kultur-, sondern als Wirtschaftsförderung und speist sich nicht aus den bestehenden Kultur-Fördertöpfen.
Was wird man als erstes im Livestream auf «Couchkult» sehen?
Z.trone, die neue Produktion von DOXS, wird ab 22. September gestreamt. Die anderen bisher am Projekt beteiligten Gruppen werden vorerst mit Dokumentationen auf der Plattform vertreten sein. Ab Anfang September sollen erste Beispiele auf couchkult.ch zu finden sein.
Gibt es Interesse von weiteren Gruppen aus der freien Ostschweizer Szene, über die von dir vertretenen Kompanien hinaus?
DOXS hat im Vorfeld abgeklärt, ob es weitere Interessent:innen gibt. So haben etwa das Tanzfestival Winterthur und der Tanzplan Ost Interesse bekundet. Ein Teil der Evaluation wird es sein, Feedback von weiteren Kunstschaffenden einzuholen. Für diese kostet eine Beteiligung an der Plattform nichts, es reicht quasi, einen Videolink einzureichen. Anders ist es natürlich mit Livestreams; die muss man finanzieren. Einige wird das interessieren, andere weniger. Die Digitalisierung findet so oder so statt – da ist unglaublich viel im Gang und ich bin überzeugt, dass die Mittel, insbesondere die Covid-Transformationsgelder, für diese Entwicklung gut eingesetzt sind.
Dieser Beitrag erscheint im Septemberheft von Saiten.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.