, 6. Juni 2020
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Die Entdeckung des Abstrakten

Hilma af Klint war eine radikale Pionierin und ihren männlichen Kollegen um Jahre voraus. Jetzt läuft der Dokfilm «Jenseits des Sichtbaren» über die schwedische Malerin im Kinok.

Hilma af Klint. (Bilder: Mindjazz-Pictures)

Sie wollte «einen tiefen Blick in die menschliche Existenz werfen», sah sich als «Atom im Universum», welches sie nach und nach zu erfassen versuchte. Hilma af Klint war Künstlerin und Forscherin, eine Beobachterin ihrer Zeit. Sie war fasziniert von der Theosophie, vom Spiritismus, bezeichnete sich als Medium – und sie erfand die Abstrakte Kunst.

Ihre Bilder sind eine Wucht. Leuchtend, flächig, floral, geometrisch. Sie strahlen ein tiefes Glück aus, berühren auf eine Weise, die schwer zu erklären ist und angesichts ihrer bemerkenswerten Geschichte nochmal eine ganz besondere Kraft entwickeln.

1944 sind drei der bedeutendsten abstrakten Künstler gestorben. Piet Mondrian, Wassily Kandinsky und Hilma af Klint. Nur ist letztere nicht im abstrakten Kanon vertreten. «Das ist ein Skandal», sagt Kunstkritikerin Julia Voss, die soeben eine Biografie über die radikale Pionierin veröffentlicht hat. «Wir müssen die Kunstgeschichte umschreiben.» Voss ist eine der zahlreichen Stimmen im Dokfilm Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint von Halina Dyrschka, der jetzt in die Kinos kommt. Am Ende dieser 93 Minuten ist klar: Das Umschreiben der Kunstgeschichte ist das mindeste, denn af Klints Werk wirkt bis in die Gegenwart und hält auch dem Kunstmarkt den Spiegel vor.

Leben in einer Zeit der «unsichtbaren» Entdeckungen

Af Klint kommt 1862 in Schloss Karlberg im schwedischen Solna zur Welt, wo sie auch aufwächst. Sie wird in eine Familie von Karthografen hineingeboren, der Vater ist Offizier bei der schwedischen Marine. Sie wird im Umfeld einer Seekadetten-Schule ausgebildet, erhält Privatunterricht in Astronomie, Mathematik, Navigation. Ihr Vater, zu dem sie das engste Verhältnis in der ansonsten wohl eher kühlen Familie pflegt, fördert aber auch ihre anderen Talente und schickt sie 1880 auf die Schwedische Kunsthochschule und danach an die Königliche Akademie der freien Künste, die sie als eine der ersten Frauen und äusserst erfolgreich abschloss.

Jenseits des Sichtbaren im Kinok St.Gallen:

7. Juni, 13 Uhr (Premiere)
8. Juni, 18:15 Uhr
14. Juni, 11 Uhr
17. Juni, 14 Uhr
20. Juni, 14:30 Uhr
24. Juni, 18 Uhr
28. Juni, 11 Uhr

kinok.ch

Nach dem Studium bewohnt sie jahrelang ein eigenes Atelier über «Blanch’s Café» in Stockholm, damals ein «Hotspot der Künste», und verdient ihren Lebensunterhalt als selbständige Illustratorin, Portrait- und Landschaftsmalerin. «In mir liegt so eine Kraft, die mich vorwärtsdrängt», sagt sie einmal. «Ehe und Familienglück sind nicht für mich gemacht.» So bleibt sie kinderlos und hat auch nie einen offiziellen Partner oder eine Partnerin an ihrer Seite. Damals keine Seltenheit unter den gebildeten Frauen, da sie dank ihrer Ausbildung selbst für sich sorgen konnten.

Schon früh wendet sich af Klint der Theosophie zu, eine der wenigen Glaubensrichtungen damals, wo Frauen keine untergeordnete Rolle spielten. Sie veranstaltet Séancen, 1886 gründet sie mit vier weiteren Frauen die Gruppe «Die Fünf», wo sie auch als Medium fungiert.

In dieser Zeit werden einige grosse Entdeckungen in der Welt des Unsichtbaren gemacht. Die Intelligenzia diskutiert über die Quantentheorie, über Radiowellen, Röntgenstrahlen, Atome. All das hat af Klint aufgesogen und auf ihr Schaffen übertragen. Für sie war klar: Wenn die Welt mehr ist, als das, was wir sehen, reicht es nicht mehr, nur das zu zeigen, was wir sehen.

Sie wählt den Weg in die Abstraktion. Und sie geht ihn wesentlich schneller als ihre männlichen Kollegen. Wofür Kandisky und andere mehrere Jahre brauchen, braucht af Klint nur wenige Wochen. Dabei sieht sie sich nur bedingt als Urheberin ihrer Bilder, sondern vielmehr als Medium, durch das hindurch die Werke entstanden sind.

Kandinsky reklamiert das allererste Bild der abstrakten Malerei für sich, entstanden ist es 1911. Af Klint war jedoch ihren männlichen Kollegen um Jahre voraus. Der Film zeigt das eindrücklich mittels einer Gegenüberstellung ihrer Werke mit jenen von Mondrian, Klee oder Malewitsch. Die Parallelen sind frappant.

Der Schwan, Nr. 17, Serie SUW, Oktober 1914 bis März 1915, Öl auf Leinwand, 155 × 152 cm, Stiftung Hilma af Klints Verk, Stockholm

1908 sucht af Klint Unterstützung in Form eines Mentorats bei Rudolph Steiner, doch der spätere Gründer der Anthroposophie bezeichnet ihre Bilder als «unangemessen» und unzeitgemäss – was ihn aber nicht davon abhält, einige Fotografien davon Kandinsky zu zeigen. So zumindest geht das Gerücht. In der Folge hört sie vier Jahre lang auf zu malen und zieht sich aufs Land zurück, auch weil sie ihre erblindete Mutter pflegt.

Unstritten, unzeitgemäss, unangebracht

Steiner ist nicht der einzige, der ihre Kunst unangemessen findet. Auch ihre Freundinnen, mit denen sie zum Teil lebenslange enge Netzwerke pflegt, sind nicht wirklich überzeugt von af Klints Arbeiten. In der Familie gilt sie als umstritten. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, ihrem enormen Schaffensdrang nachzugehen. Zum Glück für die Nachwelt: Af Klint hinterlässt 1500 gross- und kleinformatige Gemälde und etwa 125 Notizbücher mit über 25’000 Seiten, in denen sie ihr Denken und Schaffen kartographiert hat.

Zu Lebzeiten hat sie ihr abstraktes Werk weder öffentlich gezeigt noch Teile davon verkauft. Sie hat alles zusammengehalten und kurz vor ihrem Tod ihrem Neffen Erik vermacht mit der Bedingung, dass er nichts davon verkaufen und die Arbeiten erst 20 Jahre nach ihrem Tod öffentlich zeigen darf.

Ein kluger Schachzug einerseits, da sie so den Kunstmarkt ausgehebelt hat. Ein derart vollständiges und konsistentes Werk würde heute Unsummen einbringen, doch af Klint hat sich kurzerhand selbst vom Markt genommen. Mit ihr lässt sich kein Geld machen.

Andererseits bot sie der männlich dominierten Kunstwelt damit auch eine Art Steilvorlage. Das Museum of Modern Art in New York, «der Vatikan der Abstrakten Kunst», wie es einmal im Film heisst, verwehrte ihr lange Zeit den gebührenden Platz in der Kunstgeschichte mit der Begründung, sie habe ja zu Lebzeiten nie wirklich ausgestellt und ausserdem sei man sich nicht sicher, ob af Klints Werke überhaupt als abstrakte Kunst funktionierten.

Die grosse Retrospektive, die 2013 in Stockholm erstmals gezeigt wurde und seither in vielen anderen Museen zu sehen war, sowie auch Halina Dyrschkas Film beweisen, wie fatal dieser Irrtum war. Und wie gross die Ignoranz. Das «Genie» ist nicht männlich.

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