Die Ewigkeit endet 2028

Die J. S. Bach-Stiftung wird 20 Jahre alt und feiert im Januar das 200. Kantatenkonzert. Ein Gespräch mit Dirigent Rudolf Lutz und Geschäftsführerin Anne-Kathrin Topp.

Die Kir­che in Tro­gen ist an die­sem 14. No­vem­ber bis auf den letz­ten Platz be­setzt – wie stets am mo­nat­li­chen «Kan­ta­ten­frei­tag». Für ein­mal ist es aber kei­ne der mehr als 200 Kan­ta­ten von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach, wel­che den Kern und Exis­tenz­grund der Kon­zert­tä­tig­keit der J. S. Bach-Stif­tung bil­den, die hier auf­ge­führt wird, son­dern ei­ne der sechs Mo­tet­ten des Tho­mas­kan­tors, Sin­get dem Herrn ein neu­es Lied BWV 225. Ein Werk, bei dem nicht So­list:in­nen und das Or­ches­ter im Zen­trum ste­hen, son­dern der Chor der Bach-Stif­tung. Gross be­setzt mit je acht So­pra­nis­tin­nen und Al­tis­tin­nen und je sechs Te­nö­ren und Bäs­sen, ju­belt sich der Chor durch das fest­li­che, vor ex­akt 300 Jah­ren kom­po­nier­te Stück, ein ein­zi­ges Lob­lied auf den Ge­sang und das Mu­si­zie­ren zu Eh­ren Got­tes «mit Pau­ken und mit Har­fen». Hier sind es Strei­cher, Blä­ser und ein kost­bar mit The­or­be be­setz­tes Con­ti­nuo, die dem Chor nicht min­der vir­tu­os zur Sei­te ste­hen. Di­ri­gent Ru­dolf Lutz feu­ert sei­ne En­sem­bles an bis zum Schluss­chor, der dann tat­säch­lich so fu­ri­os da­her­rauscht wie im Pro­gramm­heft lau­nig be­schrie­ben: «Die Al­le­luia-Schluss­fahrt ge­hört si­cher zu den ein­drück­lichs­ten Er­fin­dun­gen Bachs und ist et­was, das ge­lern­te Tho­man­er noch heu­te in je­der Le­bens­la­ge ‹her­un­ter­or­geln› kön­nen.»

Die St.Gal­ler:in­nen sind zwar kei­ne Tho­man­er, aber ih­ren Bach ha­ben sie nach in­zwi­schen 20 Jah­ren Kan­ta­ten­er­fah­rung so spür­bar ver­in­ner­licht und ver­kör­per­licht, dass sich die Be­geis­te­rung Mal für Mal aufs Pu­bli­kum über­trägt. Und dass die Bach-Stif­tung auch in Bachs Wir­kungs­stät­te in­zwi­schen ein gern ge­se­he­ner Gast ist: Im Ju­ni wird sie mit ei­ner der be­gehr­tes­ten Aus­zeich­nun­gen im Bach­uni­ver­sum ge­ehrt, der Bach-Me­dail­le der Stadt Leip­zig. Die­se wird da­mit erst­mals an ei­ne ganz der Bach­pfle­ge ge­wid­me­te In­sti­tu­ti­on ver­ge­ben – und das ers­te Mal in die Schweiz.

Nächste Kantatenkonzerte

BWV 16 Herr Gott, dich lo­ben wir, 23. Ja­nu­ar; 

BWV 75 Die Elen­den sol­len es­sen, 20. Fe­bru­ar; 

BWV 183 Sie wer­den euch in den Bann tun, 20. März

al­le Kon­zer­te je­weils frei­tags um 19 Uhr in der evan­ge­li­schen Kir­che, Tro­gen

bach­stif­tung.ch
ba­chi­p­e­dia.ch

Ge­wür­digt wer­den dürf­ten mit der Aus­zeich­nung nicht nur die mu­si­ka­li­schen Leis­tun­gen der Stif­tung, son­dern auch die For­ma­te, die sie zur Bach-Ver­mitt­lung ent­wi­ckelt hat. Ei­ne der auf­fäl­li­gen Set­zun­gen ist die Kon­zert­form in Tro­gen: Je­de Kan­ta­te, mit Aus­nah­me ei­ni­ger we­ni­ger sehr lan­ger Kom­po­si­tio­nen, wird am glei­chen Abend zwei­mal auf­ge­führt, un­ter­bro­chen von ei­ner Re­fle­xi­on. An die­sem Mo­tet­ten­abend ist der deut­sche So­zio­lo­ge Hart­mut Ro­sa zu Gast. Er spricht über Re­so­nanz, über ak­ti­ves und pas­si­ves Hö­ren, die Wech­sel­wir­kun­gen von Sin­gen und Hö­ren, Mensch und Raum. Re­so­nanz sieht Ro­sa als zen­tra­les Ele­ment un­se­rer Welt­be­zie­hung. Der Mensch als pre­kär in die Welt ge­wor­fe­nes We­sen brau­che Klän­ge, um in Kon­takt zu kom­men mit sei­ner Um­welt, aber auch mit dem Grund sei­ner ei­ge­nen Exis­tenz. Bachs Mo­tet­te und ihr ge­wal­ti­ges Hal­le­lu­ja emp­fin­det Ro­sa als ein Wun­der an Re­so­nanz. Und Bach als ei­ne Art «Glücks­dro­ge».

«Ein gran­dio­ses Ge­bir­ge»

Ist Bach ei­ne «Glücks­dro­ge», Rue­di Lutz? Der Di­ri­gent nennt es an­ders: sein «Le­bens­eli­xier». Und die Quel­le die­ses Jung­brun­nens sei für ihn die Par­ti­tur. Mo­nat für Mo­nat Bach zu stu­die­ren, die ba­ro­cken Tex­te und ih­re Theo­lo­gie, die un­er­schöpf­li­chen Ein­fäl­le, mit de­nen der Kom­po­nist sie in Mu­sik setzt – hier, in der Kom­po­si­ti­ons­werk­statt des Meis­ters, kom­me er Bach am nächs­ten. Das sei die ein­ma­li­ge Chan­ce die­ses mu­si­ka­li­schen Gross­pro­jekts. 

Er­schöp­fungs­mo­men­te? Gibt es die, nach in­zwi­schen 199 Kan­ta­ten, mo­nat­lich seit dem No­vem­ber 2006, und da­zu zahl­lo­sen Son­der­kon­zer­ten? Nein, sagt Ru­dolf Lutz beim Sai­ten-Ge­spräch an der Mu­se­um­stras­se in St.Gal­len, dem Sitz der Stif­tung: «Ich freue mich auf je­de nächs­te Kan­ta­te.» An­ne-Kath­rin Topp, die Ge­schäfts­füh­re­rin der J. S. Bach-Stif­tung, er­lebt es auch so. Wenn die Mu­si­ker:in­nen je­weils hin­ten an der Tü­re der Kir­che Tro­gen war­te­ten, der Di­ri­gent mit dem Chor be­reit zum Auf­tritt: «Dann scharrt er mit den Hu­fen wie ein jun­ges Pferd.» 

Die Idee zum Lang­zeit­pro­jekt ent­stand noch im al­ten Jahr­hun­dert im Ge­spräch zwi­schen dem da­ma­li­gen We­gel­in-Ban­kier Kon­rad Humm­ler und Ru­dolf Lutz. Das voll­stän­di­ge Vo­kal­werk von J. S. Bach auf­zu­füh­ren, über mehr als zwei Jahr­zehn­te hin­weg? «Ich war zu­erst scho­ckiert», sagt Lutz, aber heu­te sei er glück­lich über sein da­ma­li­ges Ja zum Pro­jekt. Und in­zwi­schen in­ter­na­tio­nal als Bach-Spe­zia­list zu gel­ten, freut ihn na­tür­lich, auch wenn es wei­ter­hin an­de­re Lei­den­schaf­ten gibt, Jazz mit den Lutz-Brot­hers et­wa oder 2024 das Brahms-Re­qui­em. 

Ein KMU für Bach

Bachs Vo­kal­werk ist für Lutz «ein gran­dio­ses Ge­bir­ge». Es voll­stän­dig auf­zu­füh­ren und aus­ser­dem fil­misch zu do­ku­men­tie­ren, ha­be «ei­nen gi­gan­ti­schen Aspekt», stellt die 1999 ge­grün­de­te Stif­tung gleich sel­ber fest. Das gilt mu­si­ka­lisch, aber auch or­ga­ni­sa­to­risch und fi­nan­zi­ell. An­ne-Kath­rin Topp nennt die Di­men­sio­nen: 4 Mil­lio­nen Fran­ken Jah­res­um­satz, 200 Lohn­aus­wei­se, die sie jähr­lich aus­stellt, zwei Stif­tun­gen und ei­ne AG als Trä­ger­schaf­ten. Der Tä­tig­keits­be­richt lis­tet ne­ben Ru­dolf Lutz, Bar­ba­ra Blei­sch (In­ten­danz Re­fle­xio­nen), An­selm Har­tin­ger (Dra­ma­tur­gie) und den Stif­tungs- und AG-Gre­mi­en ein run­des Dut­zend An­ge­stell­te im Bach-Team auf, Tech­ni­ker:in­nen so­wie al­len vor­an die über 100 So­list:in­nen, Chor- und Or­ches­ter­mu­si­ker:in­nen. 

Ne­ben den re­gu­lä­ren Kan­ta­ten­frei­ta­gen ver­treibt der ei­ge­ne Ver­lag DVDs und CDs al­ler Kon­zert­aben­de, al­le zwei Jah­re fin­den die Ap­pen­zel­ler Bach­ta­ge statt, Tour­neen füh­ren Lutz und sei­ne En­sem­bles in die hal­be Welt: Im De­zem­ber war das Bach­fest Mont­re­al Ziel, nächs­tes Jahr sind es Wien, Ber­lin und Leip­zig, letz­te­res im Ju­ni, mit Kon­zer­ten und der Über­ga­be der Eh­ren­me­dail­le der Stadt. Im­po­sant ist auch die di­gi­ta­le Com­mu­ni­ty der Stif­tung rund um die Platt­form ba­chi­p­e­dia.ch. Auf ihr sind über 200 Kon­zert­vi­de­os kos­ten­los zu se­hen, oder man kann dem künst­le­ri­schen Lei­ter un­ter «Rue­di to go» am E-Pia­no über die Schul­ter schau­en. Wer Lutz kennt, weiss: mit ho­hem Un­ter­hal­tungs­wert.

Rund ein Drit­tel der Aus­ga­ben spie­len Kon­zert­ti­ckets, Abos und CD-Ver­käu­fe, Pro­jekt- und Un­ter­stüt­zungs­bei­trä­ge wie­der ein. Den ver­blei­ben­den Lö­wen­an­teil tra­gen die Stif­ter:in­nen um Kon­rad Humm­ler. Öf­fent­li­che Gel­der ge­be es et­wa für das Ju­gend­pro­gramm und ein­zel­ne wei­te­re Pro­jek­te – «sehr über­schau­bar», kom­men­tiert die Ge­schäfts­füh­re­rin. Über­schau­bar ist auch der An­teil jün­ge­rer Be­su­cher:in­nen an den Kon­zer­ten. And­rer­seits sei­en je­doch die Ju­gend­an­ge­bo­te sehr ge­fragt, prä­zi­siert An­ne-Kath­rin Topp. Mit Schu­len ar­bei­tet man re­gel­mäs­sig zu­sam­men, an den Bach­ta­gen 2026 gibt es ein Ju­gend­chor-Pro­jekt, und die di­gi­ta­len An­ge­bo­te ver­steht die J. S. Bach-Stif­tung aus­drück­lich als Ein­la­dung an künf­ti­ge Bach-Ge­ne­ra­tio­nen.

Die Krux mit den Tex­ten

Dass die Ver­mitt­lung der al­le­go­risch auf­ge­la­de­nen Tex­te und ih­re re­li­giö­sen Droh­ge­bär­den nicht ge­ra­de ein­fach ist, weiss Ru­dolf Lutz. Der «Höl­len­ra­chen» des To­des, die Furcht vor dem «ewi­gen Ver­der­ben», der «sün­di­ge» Mensch, der un­ab­läs­sig adres­siert und zur Um­kehr auf­ge­for­dert wird: Das treibt auch den Di­ri­gen­ten um, und mit er­höh­ter Ernst­haf­tig­keit, sagt er, seit er 2021 ei­nen Eh­ren­dok­tor in Theo­lo­gie der Uni Zü­rich er­hal­ten ha­be. «Ja, die Tex­te sind und blei­ben schwie­rig.» Drum auch die Ein­füh­run­gen vor den Kon­zer­ten, drum die Re­fle­xi­on je­weils in der Mit­te der stets zwei­mal auf­ge­führ­ten Kan­ta­te. Über die Mu­sik ins Ge­spräch und über das Ge­spräch zur Mu­sik kom­men: So um­schreibt An­ne-Kath­rin Topp die Hal­tung der J. S. Bach-Stif­tung. 

Was ist Jo­hann Se­bas­ti­an Bach für Ru­dolf Lutz ge­wor­den in all den Jah­ren? Ein gu­ter Freund, ein Kol­le­ge? Er sel­ber stän­de, sagt Lutz la­chend, wohl im­mer noch auf Bachs Schü­ler­lis­te. Ihn in Leip­zig, in «sei­ner» Tho­mas­kir­che auf­füh­ren zu kön­nen wie 2022 oder nächs­ten Ju­ni, sei ei­ne gros­se Sa­che. Noch nä­her sei er Bach aber in Ei­sen­ach ge­kom­men, bei dem Tauf­stein, an dem klein Jo­hann Se­bas­ti­an 1685 ge­tauft wur­de. «Hier war er»: Die­ses Ge­fühl wer­den Lutz und sei­ne St.Gal­ler En­sem­bles 2027 am Bach­fest Ei­sen­ach mit der Jo­han­nes­pas­si­on er­neut ha­ben. 

Mit BWV 60 O Ewig­keit, du Don­ner­wort fing es 2006 an. 2028 ist die «Ewig­keit» zu En­de, dann soll die letz­te Kan­ta­te er­klin­gen, wel­che, ist noch of­fen. Und da­nach? Ein Stra­te­gie­pro­zess ist lan­ciert. Die Kon­zert­tä­tig­keit wer­de in Pro­jekt­form wohl wei­ter­ge­hen. Die Vo­kal- und In­stru­men­tal­ensem­bles sei­en auf­ein­an­der ein­ge­spielt, der ei­ge­ne «Sound» ge­fun­den, die Struk­tu­ren da. «Bach und …» könn­te die Zu­kunft heis­sen.

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