Die Kirche in Trogen ist an diesem 14. November bis auf den letzten Platz besetzt – wie stets am monatlichen «Kantatenfreitag». Für einmal ist es aber keine der mehr als 200 Kantaten von Johann Sebastian Bach, welche den Kern und Existenzgrund der Konzerttätigkeit der J. S. Bach-Stiftung bilden, die hier aufgeführt wird, sondern eine der sechs Motetten des Thomaskantors, Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 225. Ein Werk, bei dem nicht Solist:innen und das Orchester im Zentrum stehen, sondern der Chor der Bach-Stiftung. Gross besetzt mit je acht Sopranistinnen und Altistinnen und je sechs Tenören und Bässen, jubelt sich der Chor durch das festliche, vor exakt 300 Jahren komponierte Stück, ein einziges Loblied auf den Gesang und das Musizieren zu Ehren Gottes «mit Pauken und mit Harfen». Hier sind es Streicher, Bläser und ein kostbar mit Theorbe besetztes Continuo, die dem Chor nicht minder virtuos zur Seite stehen. Dirigent Rudolf Lutz feuert seine Ensembles an bis zum Schlusschor, der dann tatsächlich so furios daherrauscht wie im Programmheft launig beschrieben: «Die Alleluia-Schlussfahrt gehört sicher zu den eindrücklichsten Erfindungen Bachs und ist etwas, das gelernte Thomaner noch heute in jeder Lebenslage ‹herunterorgeln› können.»
Die St.Galler:innen sind zwar keine Thomaner, aber ihren Bach haben sie nach inzwischen 20 Jahren Kantatenerfahrung so spürbar verinnerlicht und verkörperlicht, dass sich die Begeisterung Mal für Mal aufs Publikum überträgt. Und dass die Bach-Stiftung auch in Bachs Wirkungsstätte inzwischen ein gern gesehener Gast ist: Im Juni wird sie mit einer der begehrtesten Auszeichnungen im Bachuniversum geehrt, der Bach-Medaille der Stadt Leipzig. Diese wird damit erstmals an eine ganz der Bachpflege gewidmete Institution vergeben – und das erste Mal in die Schweiz.
Gewürdigt werden dürften mit der Auszeichnung nicht nur die musikalischen Leistungen der Stiftung, sondern auch die Formate, die sie zur Bach-Vermittlung entwickelt hat. Eine der auffälligen Setzungen ist die Konzertform in Trogen: Jede Kantate, mit Ausnahme einiger weniger sehr langer Kompositionen, wird am gleichen Abend zweimal aufgeführt, unterbrochen von einer Reflexion. An diesem Motettenabend ist der deutsche Soziologe Hartmut Rosa zu Gast. Er spricht über Resonanz, über aktives und passives Hören, die Wechselwirkungen von Singen und Hören, Mensch und Raum. Resonanz sieht Rosa als zentrales Element unserer Weltbeziehung. Der Mensch als prekär in die Welt geworfenes Wesen brauche Klänge, um in Kontakt zu kommen mit seiner Umwelt, aber auch mit dem Grund seiner eigenen Existenz. Bachs Motette und ihr gewaltiges Halleluja empfindet Rosa als ein Wunder an Resonanz. Und Bach als eine Art «Glücksdroge».
«Ein grandioses Gebirge»
Ist Bach eine «Glücksdroge», Ruedi Lutz? Der Dirigent nennt es anders: sein «Lebenselixier». Und die Quelle dieses Jungbrunnens sei für ihn die Partitur. Monat für Monat Bach zu studieren, die barocken Texte und ihre Theologie, die unerschöpflichen Einfälle, mit denen der Komponist sie in Musik setzt – hier, in der Kompositionswerkstatt des Meisters, komme er Bach am nächsten. Das sei die einmalige Chance dieses musikalischen Grossprojekts.
Erschöpfungsmomente? Gibt es die, nach inzwischen 199 Kantaten, monatlich seit dem November 2006, und dazu zahllosen Sonderkonzerten? Nein, sagt Rudolf Lutz beim Saiten-Gespräch an der Museumstrasse in St.Gallen, dem Sitz der Stiftung: «Ich freue mich auf jede nächste Kantate.» Anne-Kathrin Topp, die Geschäftsführerin der J. S. Bach-Stiftung, erlebt es auch so. Wenn die Musiker:innen jeweils hinten an der Türe der Kirche Trogen warteten, der Dirigent mit dem Chor bereit zum Auftritt: «Dann scharrt er mit den Hufen wie ein junges Pferd.»
Die Idee zum Langzeitprojekt entstand noch im alten Jahrhundert im Gespräch zwischen dem damaligen Wegelin-Bankier Konrad Hummler und Rudolf Lutz. Das vollständige Vokalwerk von J. S. Bach aufzuführen, über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg? «Ich war zuerst schockiert», sagt Lutz, aber heute sei er glücklich über sein damaliges Ja zum Projekt. Und inzwischen international als Bach-Spezialist zu gelten, freut ihn natürlich, auch wenn es weiterhin andere Leidenschaften gibt, Jazz mit den Lutz-Brothers etwa oder 2024 das Brahms-Requiem.
Ein KMU für Bach
Bachs Vokalwerk ist für Lutz «ein grandioses Gebirge». Es vollständig aufzuführen und ausserdem filmisch zu dokumentieren, habe «einen gigantischen Aspekt», stellt die 1999 gegründete Stiftung gleich selber fest. Das gilt musikalisch, aber auch organisatorisch und finanziell. Anne-Kathrin Topp nennt die Dimensionen: 4 Millionen Franken Jahresumsatz, 200 Lohnausweise, die sie jährlich ausstellt, zwei Stiftungen und eine AG als Trägerschaften. Der Tätigkeitsbericht listet neben Rudolf Lutz, Barbara Bleisch (Intendanz Reflexionen), Anselm Hartinger (Dramaturgie) und den Stiftungs- und AG-Gremien ein rundes Dutzend Angestellte im Bach-Team auf, Techniker:innen sowie allen voran die über 100 Solist:innen, Chor- und Orchestermusiker:innen.
Neben den regulären Kantatenfreitagen vertreibt der eigene Verlag DVDs und CDs aller Konzertabende, alle zwei Jahre finden die Appenzeller Bachtage statt, Tourneen führen Lutz und seine Ensembles in die halbe Welt: Im Dezember war das Bachfest Montreal Ziel, nächstes Jahr sind es Wien, Berlin und Leipzig, letzteres im Juni, mit Konzerten und der Übergabe der Ehrenmedaille der Stadt. Imposant ist auch die digitale Community der Stiftung rund um die Plattform bachipedia.ch. Auf ihr sind über 200 Konzertvideos kostenlos zu sehen, oder man kann dem künstlerischen Leiter unter «Ruedi to go» am E-Piano über die Schulter schauen. Wer Lutz kennt, weiss: mit hohem Unterhaltungswert.
Rund ein Drittel der Ausgaben spielen Konzerttickets, Abos und CD-Verkäufe, Projekt- und Unterstützungsbeiträge wieder ein. Den verbleibenden Löwenanteil tragen die Stifter:innen um Konrad Hummler. Öffentliche Gelder gebe es etwa für das Jugendprogramm und einzelne weitere Projekte – «sehr überschaubar», kommentiert die Geschäftsführerin. Überschaubar ist auch der Anteil jüngerer Besucher:innen an den Konzerten. Andrerseits seien jedoch die Jugendangebote sehr gefragt, präzisiert Anne-Kathrin Topp. Mit Schulen arbeitet man regelmässig zusammen, an den Bachtagen 2026 gibt es ein Jugendchor-Projekt, und die digitalen Angebote versteht die J. S. Bach-Stiftung ausdrücklich als Einladung an künftige Bach-Generationen.
Die Krux mit den Texten
Dass die Vermittlung der allegorisch aufgeladenen Texte und ihre religiösen Drohgebärden nicht gerade einfach ist, weiss Rudolf Lutz. Der «Höllenrachen» des Todes, die Furcht vor dem «ewigen Verderben», der «sündige» Mensch, der unablässig adressiert und zur Umkehr aufgefordert wird: Das treibt auch den Dirigenten um, und mit erhöhter Ernsthaftigkeit, sagt er, seit er 2021 einen Ehrendoktor in Theologie der Uni Zürich erhalten habe. «Ja, die Texte sind und bleiben schwierig.» Drum auch die Einführungen vor den Konzerten, drum die Reflexion jeweils in der Mitte der stets zweimal aufgeführten Kantate. Über die Musik ins Gespräch und über das Gespräch zur Musik kommen: So umschreibt Anne-Kathrin Topp die Haltung der J. S. Bach-Stiftung.
Was ist Johann Sebastian Bach für Rudolf Lutz geworden in all den Jahren? Ein guter Freund, ein Kollege? Er selber stände, sagt Lutz lachend, wohl immer noch auf Bachs Schülerliste. Ihn in Leipzig, in «seiner» Thomaskirche aufführen zu können wie 2022 oder nächsten Juni, sei eine grosse Sache. Noch näher sei er Bach aber in Eisenach gekommen, bei dem Taufstein, an dem klein Johann Sebastian 1685 getauft wurde. «Hier war er»: Dieses Gefühl werden Lutz und seine St.Galler Ensembles 2027 am Bachfest Eisenach mit der Johannespassion erneut haben.
Mit BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort fing es 2006 an. 2028 ist die «Ewigkeit» zu Ende, dann soll die letzte Kantate erklingen, welche, ist noch offen. Und danach? Ein Strategieprozess ist lanciert. Die Konzerttätigkeit werde in Projektform wohl weitergehen. Die Vokal- und Instrumentalensembles seien aufeinander eingespielt, der eigene «Sound» gefunden, die Strukturen da. «Bach und …» könnte die Zukunft heissen.