, 24. Mai 2016
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Die Fabrik wird zur Ton-Halle

Industrieräume in Rorschach waren Hör-und Schauplatz des ersten Auswärtsspiels in der bald dreissigjährigen Geschichte der Konzertreihe newart/contrapunkt. Das Collegium Novum Zürich zog viel Publikum an. Der Bericht von Daniel Fuchs.

In allen Räumen arbeiten sich die Musiker ab. Das Ganze ist ein Wechselbad von akustischen und optischen Eindrücken. Immer tönt es. Instrumente, Maschinen in Mixtur. Das Auge bleibt an der glimmenden Esse hängen. Da ist eine Wagnertuba, die Maschine dahinter gleicht ihr. Da sind Metallteile, Gitter, Dosen, eine Flöte, eine Bassklarinette. Da ist ein Dirigent, der Metallteile beackert. Die Wahrnehmung wird permanent verschoben. Und zuhinterst kann, durch ein vollgestelltes Regal hindurch, Seniormeister Zwissler bei der Arbeit an der Werkbank beobachtet werden, begleitet durch sanfte Harfentöne.

Schmiede heisst das Werk von Carola Bauckholt, das hier als Uraufführung erklingt. Die anwesende Komponistin hat die Schmitte Zwissler vorgängig besucht und ihr Auftragswerk auf die gegebenen Räumlichkeiten hin verfasst. Herausgekommen ist eine begehbare Komposition. Mit einer Fassung für kleines Ensemble der Serenata per un satellite von Bruno Maderna im Hauptraum der Schmitte sind die Zuhörer zuvor auf Kommendes vorbereitet worden: Die Instrumentalisten, in festen Positionen aufgestellt, holen aus dem einen Blatt Partitur feine, kammermusikalische Töne heraus.

Industriemusik abseits der Musikindustrie

In Zusammenarbeit mit studio-klangraum Basel hat das Collegium Novum Zürich eine Schweizer-Tournee durch fünf verschiedene, industriell geprägte Areale entwickelt. Wie gehen musikferne Räume und zeitgenössische Musik zusammen? Wie beeinflusst die Architektur des Raumes die Wahrnehmung von Musik? Wie verändert Musik die Wahrnehmung des Raumes? Ins Programm aufgenommen wurden in der Folge Werke, die den verschiedenen räumlichen Begebenheiten angepasst werden können. Eingeladen wurden auch Komponisten und Komponistinnen, um neue, auf die jeweiligen Räume hin konzipierte Werke zu schaffen. Das Konzept schlägt ein: Eine grosse Zuhörerschaft folgt dem fast vierstündigen Rorschach-Parcours mit Spannung.

Oh wie schön tönt Heidelberg

Wunderschöne Druckmaschinen der Marke «Heidelberg» stehen in der Lehner Druck GmbH. Für die ästhetischen Meisterwerke konzipierte der Zürcher Komponist Moritz Müllenbach sein Werk Heidelberg. Mit Hilfe eines Computer-Interface steuert Müllenbach die Rhythmen dreier typengleicher Maschinen. In drei Gruppen können die Anwesenden sich auf den erstaunlichen Farbenreichtum der von der Mechanik erzeugten Klänge und Geräusche einlassen. Fertige Druckkarten mit den Aufschriften «recht», «glauben», «frei» gibt es auf die Hand.

Draussen wird, bei herrlichstem Wetter, Rorschacher Kornhausbier und Mineralwasser serviert. Open-Air-Stimmung breitet sich aus. Es wird gewartet und diskutiert. Dann geht es auf in die anliegenden Räumlichkeiten der Firma Lagero. Umrundet von den Zuhörern, liefert Urs Walker im Vorraum der Büros eine stupende Interpretation von Deuterium für Violine solo des polnischen Komponisten Tomas Skweres. Das an der Kernphysik inspirierte Werk kann in der Gestik des Violinisten geradezu körperlich nachvollzogen werden. Dass man vorhin dezent auf die Grenzen der betretbaren Zonen hingewiesen wird, vergisst man dabei.

Lopez_Blaeserquinett

In den Rorschacher Himmel

Draussen auf der Rampe der Firma haben sich inzwischen fünf Bläser zur Aufführung von Jorge E. Lopez Blechbläserquintett gerüstet. Gedacht war, mit diesem Werk den Industrieraum in einen Konzertsaal zu verwandeln. Die Umstände und das schöne Wetter führen aber zu einer Verlagerung an die Freiluft. Tatsächlich fällt es schwer, sich eine Aufführung dieses Stückes in einem Innenraum vorzustellen. Das sind dann schon teilweise heftige, abrupte Klänge, die sich unter Leitung von Peter Tilling in den Rorschacher Himmel entladen.

Die Einspielung konkreter Klänge bieten da etwas Hörhilfe, um dem sich an einer Traumlogik orientierten Quintett zu folgen. Bei aller Avantgardistik kann sich diese Musik dem Geschmack nach Harmoniemusik nicht gänzlich entledigen. Aber das ist vielleicht auch so gewollt.

Ein Klang ist ein Klang ist ein Klang

Eine enges Treppenhaus führt hinauf in die oberste Etage der ehemaligen Feldmühle. Einzig Absperrbänder, die an Tatorte erinnern, und einige gestapelte Paletten befinden sich noch in dieser riesigen Halle. Verteilt sind einige Stühle zum Sitzen, Wände zum Anlehnen gibt es mehr als genug oder man kann auch irgendwo im Raum stehen. Vorerst wird mit einer Version von John Cages Variation IV der Raum hörbar gemacht. Instrumentale Töne schweben mit langem Echo durch die Halle. Geräusche von zerrissenem Papier, rollende Kugeln bringen den Boden zum Klingen, ein Radio strahlt knisternde Laute hinaus. Ein Klang ist ein Klang ist ein Klang. Das ist Hörschulung à la Cage, sind Meditationen für das Ohr. Anything goes.

Wundersames musikalisches Babylon

Die Ausführung einer zweiten Version der Serenata per un satellite von Bruno Maderna, diesmal im grosses Ensemble interpretiert, entwickelt sich zu einem Meisterstück interpretatorischer Kunst. Im Setting perfekt, wird aus dem Partiturblatt die Balance zwischen Bestimmtem und Unbestimmten gefunden. Aufgespannt in die grosse Halle der Feldmühle gewinnt das Stück  die intendierte Dreidimensionalität.

Die sich auf dem Blatt kreuzenden Notensysteme werden von den Musikern gleichsam abgeschritten. Monologe bleiben im Raum, bis zum Verklingen. Auf dem Weg finden Instrumente zusammen, dialogisierend. Musiker bilden Gruppen, die sich wieder auflösen. Am Ende verschwindet unser Satellit im All und der Raum ist offen für ein Entr’acte mit Ausschnitten aus Mauricio Kagels Der Turm zu Babel, ein Einwurf, den Contrapunkt-Präsidentin Barbara Camenzind als Vokalistin gleich selbst übernimmt.

Eine Art Abschiedskonzert

Leider ist das Fotografieren aus sicherheitstechnischen Gründen in der Feldmühle verboten. Allzu gerne würde man das grandiose Panorama der Halle und den Ausblick über die Stadt Rorschach auf den See hinaus festhalten.

Eigentlich weiss man, dass Musik eine Zeit-Kunst ist. Die Erfahrung lehrt das. Doch im Finale des Parcours mit James Tenneys Form I lernt man es neu. Das reine Fliessen des Klangs aus der Tiefe des Raums, in die Tiefe des Raums hinein lässt die Zeit kippen. Man wünscht sich, immer in diesem sonoren Klang verbleiben zu können. Für eine gute Viertelstunde darf man drin bleiben. Und am Ende ist nicht ganz klar, ob sich nicht auch ein Hauch von Wehmut in diese Töne eingeschlichen hat. Denn das im Gedächtnis an Edgar Varèse geschriebene Stück wird hier zu einer tönenden Verabschiedung eines Gebäudes, das demnächst abgerissen werden soll. Grossartig.

 

 

 

 

 

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