, 24. März 2015
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Die fragwürdige Liebe zum Zigeunerischen

Maschinenfuturismus und Zigeunerromantik: Das bot das Migros-Classics-Konzert in der St.Galler Tonhalle. Geigerin Patricia Kopatchinskaja weckte Begeisterungsstürme – was wird da eigentlich genau gefeiert, fragt Charles Uzor.

«Rugby» hat der Schweizer Komponist Arthur Honegger 1928 sein Stück genannt. Unter dem Taktstock des Japaners Sakaro Omaro und mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra geriet das Stück trotz Dauerfortissimo überaus flink, manchmal fast als Ballett auf Spitzen. Dies ganz konträr zum Programm der Tondichtung, denn wie in «Pacific 231», Honeggers anderem «Mouvement symphonique», zeigt sich auch hier die Faszination für einen rohen Futurismus: Bei «Pacific 231» in der Gestalt der Maschine (einer Fahrt mit der französischen Dampflokomotive), in «Rugby» als rohe virile Energie, wo sich wie in einem Computerspiel die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit verwischen.

Die subtile Ordnung der kurzen Motive, die feine Führung der Themen vermag aber gerade durch ihre differenzierte Durchführung nicht wirklich das Bild des Rugbymatchs wiederzugeben. Das Resultat, und hier sind die Stockholmer meisterhaft, ist eine Ambivalenz zwischen Struktur und Chaos. Irgendwie ist das Stück zu gut komponiert und greift auf zu raffinierte Mittel, um das grobe Bild zweier aufeinander losstürmender Rugby-Mannschaften wiederzugeben – oder die Spielregeln im Rugby sind zu kompliziert für eine akustische Darstellung. Vielleicht ist das Stück als modernistischer Weckruf in einem romantischen Programm ideal, aber in seiner scheinbaren Kakophonie stimuliert es das Ohr zu wenig.

Unerhörte Süsse, plötzliche Klobigkeit

Das pure Gegenteil spricht aus Tschaikowskys D-Dur-Violinkonzert in der Fassung von Patricia Kopatchinskaja. Mit einem Hauch von Ton, dessen Anfang und Ende sich mit dem Nichts zu vermählen scheint, schleicht sich die moldawisch-österreichische (in der Schweiz lebende) Geigerin ins Ohr des Publikums. Der Beginn des irrsinnig schweren ersten Satzes breitet bereits das Können dieser Virtuosin aus. Die relativ schmale Ausdruckspalette zwischen unerhörter Süsse und plötzlicher Klobigkeit, launischen Tempi und grosser Ruhe, überspitzter Natürlichkeit und beschämender Künstlichkeit macht perplex. Doch sie animiert das Publikum schon nach dem ersten Satz zu spontanen Ovationen. Musik als gespieltes Drama oder schlichtweg als Unterhaltung, als Tanz vor dem imaginären König – als Zigeunertanz oder als flexible Liebe zum Zigeunerischen.

Was längst ins 19. Jahrhundert verbannt schien, taucht bei vielen Stars wieder auf, wird von ihren Agenturen imagebildend verstärkt und trifft den Nerv des Publikums: die bürgerliche Sehnsucht nach dem vordergründig Rebellischen, das Überschreiten von Grenzen, die wilde Entfesselung der Gefühle, eine spartenübergreifende Marktkompatibilität des Pop. Im zweiten Satz stutzt man. Plötzlich taucht ein schöner Ton auf, wird Kopatchinskajas Effekt verinnerlicht und leuchtet ihre Handschrift, ihr Bogen, ihre melodische Phrase durch den flockigen Klang des Orchesters. Tatsächlich erscheinen jetzt auch die Solopassagen im Orchester integriert – das Spiel befreit sich von der Show. Skepsis aber bleibt; die barfuss spielende Geigerin verkörpert ein Sehnsuchtsbild, während in der gesellschaftlichen Realität «Zigeuner» auf Ablehnung stossen.

Runendunkel und gleissendes Licht

Die Qualitäten des Orchesters kommen in Jean Sibelius’ erster Symphonie vollends zur Geltung – ein Werk, das die inneren Verstrickungen des finnischen Komponisten mit einer Fülle von klangfarblichen Texturen zeigt. Runenhaft Archaisches wird im ersten Solo der Klarinette, im langen Paukenwirbel wie aus der grossen Einsamkeit in gewaltige Orchestermassen hineingeführt. Wie Sakari Oramo und das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra dies darstellen, ist beeindruckend: die Wärme im Streicherkörper, die wunderbar phrasierten Soli im Holz, die rhythmische Energie der Pauken und das wie gleissende Licht in der Blechbläsergruppe – ein Orchester, wo selbst eine Harfe mitten im Tutti hörbar wird.

 

1 Kommentar zu Die fragwürdige Liebe zum Zigeunerischen

  • L.F. sagt:

    Heisst er jetzt Sakaro Omaro oder Sakari Oramo? Und ist er Japaner? Er heisst Sakari Oramo, sieht europäisch aus und ist Finne. Er startete als Konzertmeister der Helsiniki Philharmonic, wurde dann Chefdirigent in Birmingham, Helsinki, Stockholm und BBC-Symphony London, einer der besten Dirigenten heute überhaupt,
    Natürlich knüpft Kopatchinskaja an die Tradition des 19. und frühen 20.Jahrhunderts an, wo man noch fantasievoll und frei spielen durfte, wie Ysaye, Sarasate oder Hubermann, Das waren alles keine Zigeuner. Und wieso Skepsis, wenn ein klassisches Konzert nicht nur ein Totenhaus ist, sondern so lebendig wie ein Popkonzert?

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