, 20. November 2018
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Die gefährliche Befreiung der Lust

Ausverkauftes Kinok an der Premiere des Dokumentarfilms #Female Pleasure der Winterthurer Regisseurin Barbara Miller. Sie porträtiert fünf Frauen, die alle auf ihre eigene Art für die gleiche Sache kämpfen: die Befreiung der weiblichen Sexualität.

Die Künstlerin Rokudenashiko im Kajak, dessen Konstruktion ein 3D-Print ihrer Genitalien zugrunde liegt

Deborah Feldman lebte in der ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft der Satmarer und trat mit 25 aus. Zu ihrer Familie und der erweiterten Religionsgemeinschaft hat sie heute keinen Kontakt mehr; nach eigenem Bekunden gilt sie dort als Verräterin, die es verdiene, verstossen und für tot erklärt zu werden.

Die Somalierin Leyla Hussein kämpft gegen rituelle Genitalverstümmelungen, die sie selbst als Kind erlitt. Rund 200 Millionen Frauen sind laut Schätzungen der Unicef weltweit davon betroffen. Die Folgen davon sind nebst allem psychischen Leid und Vertrauensverlust lebenslange und oft lebensgefährliche Verletzungen und eine massive Einschränkung des sexuellen Empfindens.

Rokudenashiko ist eine Künstlerin aus Japan, die sich mit ihren Arbeiten gegen das Ungleichgewicht des öffentlichen Umgangs mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen sowie die Tabuisierung der weiblichen Lust wehrt. Während der Penis in Statuen und grossen Zeremonien verehrt und ausgestellt wird, gilt die Vagina als absolutes Tabu. Aufgrund ihrer Werke und Performances wurde sie mehrfach verhaftet und angeklagt.

Die Inderin Vithika Yadav hat die Plattform «Love Matters» gegründet, mit der Aufklärung betrieben und auf weibliche Bedürfnisse hingewiesen wird. Im Land des Kamasutra sei die weibliche Sexualität tabu und die männlichen Bedürfnisse immer zentral – ein grosser Widerspruch. Yadav ist die Erste in ihrer Familie, die sich ihren Ehemann selbst ausgesucht hat. Sie arbeitet mit Jugendlichen Veranstaltungen und Performances aus, die sexuelle Gewalt und Vergewaltigungen thematisieren.

Doris Wagner spricht über ihre Zeit als Ordensschwester in einem römischen Kloster, wo sie regelmässig von einem Priester missbraucht wurde. Eine Anzeige und Briefe an Papst Franziskus blieben erfolglos, ihr wurde entweder in Standardbriefen geantwortet oder gesagt, sie selbst sei schuld daran, was passiert sei. Mittlerweile ist sie aus der Gemeinschaft ausgetreten und erzählt von dem Wert der Freiheit, den das «normale» neue Leben ihr bietet.

Jede dieser Geschichten steht in Zusammenhang mit einer der fünf grossen Weltreligionen und den damit verknüpften kultivierten Unterdrückungsmechanismen. Sie sind eindrücklich erzählt. Visuell wie sprachlich entwickelt der Film einen Sog, egal wie involviert man zuvor in das Thema war. Die Doppelmoral, die Ungerechtigkeiten, das sinnlose Leiden und die Hürden, welche der schlichten Existenz als biologisch-zufällig irgendwie-geschlechtlicher Mensch aufgebaut werden: All das wird beim Zuschauen deutlich, egal ob man es eher rational oder emotional angeht.

«Pleasure», wie es die Werbung will

Zu Beginn, bevor es um die fünf Protagonistinnen geht, werden Bilder aus Werbungen gezeigt, in denen Frauen in unterdrückten Haltungen halb oder komplett nackt vor Männern posieren. In diesen Bildern steckt viel Gewalt und die unumstössliche Vorstellung darüber, wie die Ordnung der Geschlechter zu sein hat. Ein ganz krummer und trauriger «lose-lose»-Effekt, der in etwa aussagt: «Als Frau musst du geil aussehen, um wahrgenommen zu werden, um Liebe, Anerkennung und Geld zu kriegen. Das kostet viel Energie und Aufwand. Trotzdem bist du, auch wenn du den Bildern, die wir uns wünschen entsprichst, noch lange nicht selbstbestimmt oder im Recht, mitzugestalten. Das einzige Recht, das du dann hast, ist von uns als Objekt benutzt zu werden.»

Es wäre interessant gewesen, über diesen Zweig des Problems, der mehr mit Geld und Marketing zu tun hat als mit alten Religionen, mehr zu erfahren. Es bleibt aber bei diesen Bildern, von ziemlich pathetischer Musik unterlegt. Schade, denn künstliches Pathos hat der Film nicht nötig.

Nackte, subtil eingeölte Männer

Ebenfalls schade ist, dass es nie wirklich um Lust im positiven Sinn geht. Sie wird zwar immer wieder genannt, sie soll genauso stattfinden dürfen wie die männliche Lust, ist gleichwertig und allen zu Wort kommenden Frauen wichtig. Aber konkrete Fantasien, Wünsche, Vorstellungen davon, was gute gelebte weibliche Lust alles sein kann, bleiben aus.

Vielleicht ist das auch Thema für einen Anschlussfilm und wäre hier zu viel gewesen. Trotzdem blieb in dieser Hinsicht ein unbefriedigtes Gefühl zurück. Wenn sie endlich und global ihren öffentlichen Platz einnehmen soll, gleichwertig präsent wie die altbekannten Bilder, die Männer für sich inszenieren, dann muss sie sichtbar werden. Wobei man es sich aber auch nicht so leicht machen darf, die Dinge bloss umzukehren oder auf rein Körperliches zu reduzieren. Es braucht andere Bilder als nackte, subtil eingeölte Männer, die vor mächtigen Businessfrauen knien. Machtmissbrauch, in welche Richtung auch immer, ist sowieso falsch. Ein Spiel der Macht, ob beim Sex oder sonstwo, bei dem alle Beteiligten nach den gleichen Regeln spielen, wäre hingegen ein erster guter Schritt. (Hier dazu ein ausführlicherer Text)

Bis es solche Filme nicht mehr braucht

Nächste Vorstellungen:
21. und 27. November,
weitere Vorstellungen im Dezember
kinok.ch

Das macht die Debatte, egal ob nach #Metoo oder #Female Pleasure, oft so schwierig und kompliziert. Es gibt nicht «die Frauen» und «die Männer», die alle genau so sind und genau das wollen. Es gibt einen Haufen Menschen, und parallel dazu gibt es strukturelle Gewalt. Menschen sind aber keine binäre Masse, die man je nach Thema klar einordnen kann. Wenn Frauen strukturell benachteiligt werden, muss sich das ändern. Wenn eine Frau Lust hat, beim Sex unter Umständen in irgendeiner Form dominiert zu werden, muss sie sich dafür aber nicht schämen oder sich als schlechte Feministin fühlen, denn die beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun.

Es sollen keine neuen Regelwerke aufgefahren werden, wie Männer oder Frauen sich zu verhalten haben. Es soll möglich werden, sich als Mensch, egal mit welchem Geschlecht man geboren wurde, frei zu fühlen, seine Lust zu entdecken und seinen Gegenübern diese Freiheit ebenfalls zu gewähren. Ich als Frau will leben, ohne die Passage «ich als Frau» ständig mitdenken zu müssen. Und ich will mit Männern zu tun haben, die sich nicht gezwungen fühlen, alles immer «als Mann» zu tun. Fixierte Rollenbilder sind langweilig, anstrengend und führen zu unnötigem Leid. Bis das selbstverständlich ist, braucht es Filme wie #Female Pleasure.

Im Anschluss an den Film, der mit lautem Publikumsapplaus verklingt, tritt Barbara Miller nach vorne für ein Gespräch mit SRF-Kulturredaktorin Noëmi Gradwohl. Sie sagt – und so steht es auch im Abspann –, dass es ihr in erster Linie darum ging, Frauen weltweit zu stärken. «Ein Film über weibliche Sexualität im Zusammenhang mit Religion zu machen, das wird auf jeden Fall furchtbar anstrengend, am besten gar nicht damit anfangen», bekam Miller von verschiedenen Seiten zu hören, als sie noch in der Planungsphase stand. Und sie erzählt auch, dass nach der Premiere am Filmfestival Locarno einige Männer auf sie zukamen, um sich für den Film zu bedanken.

 

 

 

 

 

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