, 7. März 2015
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«Die Globalisierung hat Mittelholzer in den Blick gerückt»

Fast 80 Jahre nach seinem Tod erinnert eine Ausstellung im Kulturraum am Klosterplatz an den St.Galler Flugpionier Walter Mittelholzer. Das Fazit der Ausstellungsmacher Wolfgang Steiger und Kaspar Surber: Bei seinen Afrikaflügen ging es auch um die Schweizer Identität.

Was bringt einen dazu, sich heute mit Mittelholzer zu beschäftigen?

Wolfgang Steiger: Für mich war Walter Mittelholzer, wie für viele St.Galler, eine Legende. Es gibt in Winkeln eine Strasse, die nach ihm benannt ist, es gibt sein Geburtshaus in der St.Galler Altstadt. Ich kannte seine Bücher, den Afrikaflug und andere. Den dringlichen Anstoss, sich mit ihm zu befassen, gab dann die Restauration seiner Filme. Sie wurden im Kinok gezeigt, ich schrieb dazu im Programmheft, und im Zug dieser Beschäftigung zeigte sich, dass man die Filme heute nicht mehr unschuldig anschauen kann. Sie kommen aus einer anderen Welt. Wie diese weissen Expeditionsschweizer in den Filmen auftreten, das verblüfft. Man versteht das heute nicht mehr.

Was verblüfft daran?

W.S.: Das koloniale Gehabe, das Gefälle zwischen den «überlegenen» Schweizern mit ihrem Flugzeug und den «nackten Wilden», die für sie tanzen müssen. Das ruft nach Auseinandersetzung.

Kaspar Surber: Ich bin auf das Thema gestossen, nachdem ich das Buch Europas Grenzen geschrieben hatte. Dort ging es um die Frage, wie die Schweiz heute mit Migration umgeht. Dann erschien der Sammelband Postkoloniale Schweiz, der nachzeichnete, wie die Schweiz als ein Land ohne Kolonien trotzdem am Kolonialismus teilgehabt hat. Zeitgleich kamen die Mittelholzer-Filme ins Kinok, so kreuzten sich unsere Wege. Und ich kam zur Überzeugung: Es ist dringend, sich dieser Frage der Beteiligung der Schweiz am Kolonialismus zu stellen.

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Originalbildunterschrift: «Dorfplatz in Abwong: Die Dinkas versammeln sich zum Opfertanz zu Ehren der Gäste.» Afrikaflug, 1927, Fotograf: Arnold Heim

Wie kann man den kolonialen Blick Mittelholzers beschreiben? Das Stichwort von den «nackten Wilden » ist gefallen, es erinnert an das seit der Aufklärung in Europa populäre Sujet der «natürlichen » Urvölker – eine Sehnsuchtsprojektion.

W.S.: Es gibt diese Optik, aber sie gilt weniger für Mittelholzer selber als für einen anderen Teilnehmer der Expeditionen, Arnold Heim, Sohn des berühmten Geologen Albert Heim. Er war ebenfalls Geologe, interessierte sich aber auch für die Reformbewegungen der 20er-Jahre, von Gesundheitsfragen bis zur Freikörperkultur. Die «unschuldigen» Wilden waren für Heim ein solches Symbol.

K.S.: Bevor man über Bildinhalte redet, muss man festhalten: Mittelholzer war nicht nur Flugpionier, sondern ein früher Medienunternehmer, er ist nicht einfach über die Alpen geflogen und ab und zu nach Afrika, sondern er flog vor allem nach Afrika. Und die Bilder, die er von dort mitbrachte, fanden eine massenmediale Verbreitung. Wir wollen diese Bilder nicht als «exotisch» wegschieben, sondern nehmen sie aus einer heutigen Sicht in den Blick. Darum heisst die Ausstellung «Die Afrikaflüge als Anlass ». Gemeint ist: Anlass zu fragen, was die Geschichte und Figur Mittelholzer – und damit auch die Gründung der Swissair, auf die wir bestimmt noch zu reden kommen – mit uns heute zu tun hat.

Afrika war demnach kein «Nebenprodukt» seiner Alpenüberquerungen, sondern er hat die Bilder gesucht, er hat sie etwa der «Schweizer Illustrierten » verkauft, bevor er sie geschossen hatte. Was war seine Motivation?

W.S.: Mittelholzer brauchte ja Sponsoren für seine Flüge. Er hat sich früh mit Leuten zusammengetan, die in der kolonialen Wirtschaft tätig waren. Dazu gehörte der ägyptische Baumwollhandel, der via Schweizer Unternehmen abgewickelt wurde. Ein wichtiger Geldgeber war die Familie Schmidheiny, die das Zementbusiness im Mittleren Osten aufgezogen hat. Der Wattwiler Textilunternehmer Heberlein gehörte ebenfalls zum Kreis der Donatoren. Das heisst: Es gab starke wirtschaftliche Interessen der Schweiz. Andrerseits wären diese Expeditionen nicht möglich gewesen ohne die Infrastruktur der Kolonialmächte. Mittelholzer flog ziemlich genau den englischen Kolonien nach.

Hat sich Mittelholzer dieses Interesse zunutze gemacht – oder ist er benutzt worden?

K.S.: Dass Mittelholzer sehr stark eingebettet war in die koloniale Ordnung, zeigt sich wie erwähnt etwa darin, dass er auf britischen Flugplätzen gelandet ist – wenn er nicht auf Seen wasserte. Es zeigt sich aber auch in seinem Auftreten in Kolonialherrenkleidung mit Tropenhelm. Die Mittelholzer- Unternehmungen fanden ganz klar innerhalb einer kolonialen Ordnung statt. Die Schweiz hatte aber bekanntlich selber keine Kolonien. Dasselbe galt in dieser Phase für Deutschland, das mit den Versailler Verträgen nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien verloren hatte und keine grösseren Flugzeuge mehr bauen durfte. Entsprechend wichtig waren für die Deutschen Mittelholzers Flüge. Die Beteiligung von Dornier Friedrichshafen an der Gründung des Flugplatzes Altenrhein war ein klassisches Umgehungsgeschäft nach den Versailler Verträgen, weil Dornier in Deutschland nicht bauen durfte. Die Dornierwerke und die Junckerswerke stellten Flugzeuge zur Verfügung. So kamen die kolonialen Interessen der Deutschen und der Schweizer zusammen.

W.S.: Das ist durchaus einer seiner Charakterzüge: Man konnte Mittelholzer gut instrumentalisieren, vielleicht war das auch das Erfolgsrezept seines späteren Renommees. Er war als St.Galler Bäckerssohn nicht in den oberen Schichten zuhause, musste sich hocharbeiten.

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Originalbildunterschrift: «Nach der Landung bei Abwong am Sobatfluss. Die Dinka-Neger haben sich vom ersten Schrecken erholt.» Afrikaflug, 1927, Fotograf: Arnold Heim, 1882–1965

Aber er beherrschte Metiers, die man brauchen konnte.

K.S.: Genau, er konnte zwei Dinge, die neu waren: Fliegen und Fotografieren. Und er war originell in der Inszenierung seiner Unternehmungen. So hiessen fast alle seine Flugzeuge «Switzerland», er hat sie zu Dunkelkammern umgebaut, um schon unterwegs Bilder entwickeln zu können. Die Flüge waren als «Expeditionen» inszeniert, obwohl zumindest Mittelholzer und Heim jeweils im Hotel übernachteten. Um damit noch einmal auf die Frage nach seinen Motivationen zurückzukommen und darauf, ob sich Mittelholzer instrumentalisieren liess: Wir haben seine Bilder. Schauen wir uns die an! In ihnen wird eine deutliche Hierarchie produziert und transportiert: das Bild einer überlegenen westlichen Expeditionsgemeinschaft, die nach Afrika reist. Ein sprechendes Zeugnis für diese Haltung ist jene Fotografie (Bild rechts), wo die «Switzerland» im Fluss ankert und die Schwarzen mit ihren Speeren auf dem Schwimmer posieren. Die archaische Welt der nackten Schwarzen wird in Kontrast gesetzt zum modernen Flugzeug. Dazu gehört auch die unablässige Suche nach Tänzen, die in anderen zeitgenössischen Berichten nicht die gleiche Rolle spielen.

Das Bild eines angeblich «kindlichen Naturzustands » der Bewohner Afrikas, wie Mittelholzer einmal schreibt, hat schon damals nicht mehr der Lebensrealität entsprochen?

K.S.: Mittelholzers Arbeit baut auf einem Konzept von Zivilisation, das den Westen als entwicklungsmässig fortgeschritten sieht, während die Völker in Afrika gewissermassen einen Einblick in unsere Vorgeschichte geben. So ist der Blick auch inszeniert worden. Ein anderes Beispiel dafür ist das Bild einer Frau, einer Angehörigen der sogenannten «Dinka-Neger», die nackt neben einer Hütte steht. Mit dieser gezeichneten Darstellung wurde als Kinoinserat in der NZZ für den Afrikaflug geworben. Als ich das Bild dort sah, kam es mir irgendwie bekannt vor, und tatsächlich findet es sich auch im Buch; dort sitzt neben der Frau aber ein junger Mann, bekleidet. Im Buch begeistert sich Mittelholzer, die Frau sei in ihrer Nacktheit «ein Kunstwerk der Natur». Der Film schliesslich zeigt den Moment vor der Fotografie: Hier trägt die Frau ein Kleid, das sie (auf Anweisung der Kameraleute, wie man vermuten kann – es ist ja ein Stummfilm) dann auszieht. Wenn man diese diversen Dokumente übereinander legt, sieht man, wie hier ein zivilisatorisches Muster, das Bild eines angeblichen Naturzustands, konstruiert wird.

Und der Gegenpol ist das Flugzeug, ist die Kamera: Symbole der Überlegenheit der technischen Zivilisation im Kontrast zur Natur, die natürlicher inszeniert wird, als sie es tatsächlich war.

W.S.: Inszeniert – und manipuliert. Wir stiessen auf ein weiteres Beispiel, ein Bild aus dem Tschadseeflug, das einen Schamanen mit einer Ovo-Büchse in der Hand zeigt. Im unmanipulierten Zustand, wie man es im ETH-Archiv sehen kann, zeigt das Bild den Mann mit einem kultischen Gegenstand, eine Art Schale. Die Ovo-Büchse wurde hineinmontiert – ein Fall von Product Placement, Photoshop anno 1930. Mittelholzer ist ungemein modern in solchen Dingen.

K.S.: Und das Ganze wirkt ja auch ein bisschen lächerlich: «der Neger und die Ovo-Büchse»… Insofern entsprechen solche Bilder in ihren Hierarchien präzis dem kolonialen Diskurs, der auch sonst in dieser Zeit dominiert. Die Schwarzen sind kindlich, naiv, nackt, sie tanzen, die Frauen können nicht reden, während die schwarzen Männer immerhin als sprechende und agierende Personen auftreten. Die Frauen sind Objekt der Begierde oder der Natur. Das sind die Erzählmuster.

Wie steht es um die zivilisationskritischen Äusserungen Mittelholzers – wenn er etwa die «europäische Hyperkultur» kritisiert, die «wie eine Walze » über Afrika hinwegfegt? Es gibt ja in dieser Zeit, Stichwort Futurismus, eine ungebrochene Technik-Verherrlichung, aber es gibt auch die Gegenstimmen: die Kritik an der Verkünstelung der europäischen Kultur.

K.S.: Der technologische Fortschritt und die Skepsis, die in jenen Krisenjahren auch zunimmt, sind nach meinem Eindruck zwei Seiten der gleichen Medaille. Und selbst im idealisierenden Bild des bedrohten «edlen Wilden» steckt wiederum eine Hierarchie, auch wenn das Bild wohlwollend gedacht sein mag. Die Vorstellung, dass wir Europäer weiter seien in der Entwicklung, ist eine zentrale Konstante dieser zivilisatorischen Erzählung. Wenn wir jetzt den Bogen in die Gegenwart schlagen wollen: Auch in der sogenannten Islamisierungs-Diskussion fällt immer wieder die Behauptung, der Westen sei fortgeschrittener, etwa punkto Freiheitsrechte. Das sind Motive, die immer noch wirkmächtig sind.

W.S.: Kritik an der Moderne sehe ich bei Mittelholzer nicht. Er kann im selben Atemzug von der «Walze der Zivilisation » schreiben und sein Flugzeug starten. Oder er schreibt mit Blick auf die Serengeti-Steppe, da sei noch so viel leerer Raum, in den die Europäer doch vorstossen könnten. Das ist die ungebrochene Kolonialattitüde, wie sie bis zum Zweiten Weltkrieg kaum bestritten war. Erst danach ging diese Ordnung unter.

K.S.: Weltweit standen weder vorher noch nachher je so viele Gebiete unter kolonialer Herrschaft. Und zugleich war es die hohe Zeit der Kolonialkultur in den Metropolen. Kolonien und Metropolen (wozu auch die Schweiz gehört) haben einen gemeinsamen Raum gebildet. Die Frage ist daher nicht nur: Was kommt in diesen Bildern zum Ausdruck, sondern auch: Was passiert mit diesen Bildern hier bei uns? Was mich daran interessiert, ist, dass damit auch das Schweiz-Bild und Fragen der Identität ausgehandelt wurden. Und dass dahinter Geschäftsinteressen standen.

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Kaiser Haile Selassie I. beim Empfang Mittelholzers. Abessinienflug, 1934, Fotograf: Walter Mittelholzer

Was heisst das konkret?

K.S.: Die Entwicklung der Zivilluftfahrt war sehr stark an den Kolonialismus gekoppelt – die Holländer mit KLM, die Belgier mit Sabena oder die Franzosen mit Air France gehörten zu den ersten, die Flugverbindungen in ihre Kolonien aufgebaut haben, was wiederum ihre Zivilluftfahrt massiv förderte. Man brauchte jetzt Flugzeuge, die weit fliegen konnten, für Post- und Personentransporte. Trotz fehlender Kolonien gab es auch in der Schweiz ein massives Interesse aus den Kreisen um Mittelholzer beziehungsweise seiner bereits genannten industriellen Donatoren wie Heberlein, Schmidheiny oder Schwarzenbach. Sie wollten eine nationale Airline, und Mittelholzer hat mit seinen Flügen jenen kolonialen Hintergrund hergestellt, den es dafür brauchte.

W.S.: Geflogen sind damals zwar nur die Reichen, finanziert wurde das Ganze aber mit Steuergeldern. Da spielte Mittelholzers massenmediale Wirkung eine zentrale Rolle. Auch als Figur hatte er die richtigen Eigenschaften; er wirkte nicht überheblich, er war eher der Bergbursche. Und durch seinen Tod 1937 hat er die Schwelle in die Neuzeit nicht mehr erlebt.

Damit sind wir bei der Nachgeschichte. Wir Kinder der 60er- und 70er-Jahre bekamen immer noch Mittelholzers Afrikabild vermittelt.

K.S.: Diese Bilder haben bis in die jüngere Gegenwart nachgewirkt. Typisch dafür ist eine Kasperlifigur wie der Schorsch Gaggo – sie schliesst nahtlos an Mittelholzers Flüge an. Erst in den letzten rund zwanzig Jahren hat sich ein breiteres Bewusstsein gebildet, wie problematisch diese Bilder sind. Letztlich geht es immer um Repräsentationen. Wie wird das Eigene und das Andre dargestellt? Wer kommt vor auf dem Bild, wer nicht? Wer spricht, wer schweigt? Diese Fragen kann man auch am Beispiel von Mittelholzer stellen. Heute sprechen viele vom «Erfolgsmodell Schweiz». Der Begriff, geprägt von Economiesuisse, erweckt den Eindruck, als entstehe der «Erfolg» einer Nation irgendwie naturhaft aus sich selber. Wie stark unser «Erfolg», unser Reichtum aber mit der Armut in anderen Ländern zu tun hat, kann man an Mittelholzer ins Bewusstsein rücken.

W.S.: Den nationalen Mythos hat Mittelholzer mitbegründet; Er bringt einmal gar den Vergleich mit der Schlacht von Marignano von 1515 und meint, heute könnte eine solche Eroberung gelingen, dank der Bezwingung des «Luftmeers».

Wie kann man eine Ausstellung über Mittelholzer machen, ohne die Bilder und damit sein Afrika- Bild zu reproduzieren?

W.S.: Im ETH-Archiv sind rund 20’000 Bilder digitalisiert und abrufbar für jedermann. Ganz ohne die Bilder geht es auch in der Ausstellung natürlich nicht – wir legen zudem die Bücher auf, das Kinok zeigt die Filme. Die Ausstellung ist nichts Fertiges, es ist eine Laborsituation. Wir sehen sie als Aufforderung, sich zu beteiligen an der Diskussion um die Kolonialgeschichte. Und sie handelt ja nicht nur von Afrika. Es geht auch um den Blick von oben, um die Entwicklung der Luftfahrt und anderes.

K.S.: Man wird tatsächlich immer vorsichtiger, je länger man sich mit diesen Bildern beschäftigt. Dass sie gerade jetzt wieder ans Licht kommen, hat natürlich damit zu tun, dass sie digitalisiert werden und dass die Filme dank Memoriav auf DVD herauskommen. Aber wieso genau diese Fotos? Das ETH-Archiv stellt sich wie Memoriav zur Aufgabe, Bilder «von nationaler Bedeutung» zu erhalten. Die Frage stellt sich gleich danach: Wem gehören diese Bilder, etwa jene vom Abessinienflug? Gehören sie zum nationalen Kulturerbe der Schweiz? Oder Äthiopiens?

Die Ausstellung müsste man also nach Afrika bringen – vielleicht mit einem Wasserflugzeug…

K.S.: Die Ausstellung bietet tatsächlich auch Beiträge zur Geschichte der Fliegerei, die es bisher so wohl noch nicht gab. Wir haben uns bei den Recherchen auch mit der Luftfahrt beschäftigt, haben die Dornier Merkur im Fliegermuseum Friedrichshafen angeschaut, auch den Bastelbogen gekauft, sind also nicht pauschalpolitisch an die Frage herangegangen… Aber im Ernst: Gerade weil Mittelholzer ein so starker Mythos ist, muss man aufpassen, dass man nicht selber Teil davon wird. Man muss sich auf Distanz halten. Erstaunlich überhaupt, dass sich bis dahin nie jemand intensiv mit ihm beschäftigt hat.

W.S.: Es gibt keine Biografie, wir mussten zahllose Details herausfinden. Ein Grund dafür könnte sein, dass er in dieser fernen Welt der Zwischenkriegszeit stehen geblieben ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg war man mit anderem beschäftigt.

Vielleicht will man nicht am Nationalhelden kratzen?

K.S.: Wie man sich mit Geschichte beschäftigt, sagt ja immer und vor allem etwas über die Gegenwart aus. Dass die Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialismus heute so virulent ist und Figuren wie Mittelholzer in den Blick rücken, hat sicher mit der globalisierten Gegenwart zu tun, in der wir nicht mehr einfach so tun können, als hätten wir unser Land quasi aus sich selber heraus erfunden. Um zu vergleichen: Ein Ernst S. ist in der Klassen- und Kulturkampf- Debatte der 70er-Jahre zum Thema geworden. Mit Kriterien des Klassenkonflikts allein wäre Mittelholzer hingegen schwierig einzuordnen.

W.S.: Dass das Thema jetzt brennt, liegt zweifellos daran, dass wir viel stärker mit schwarzen Menschen zusammenleben als früher. Da taugen die überlieferten Bilder nicht mehr. So kann man sagen: Die Realität hat Mittelholzer in den Blick gerückt.

K.S.: Entsprechend unrichtig wäre der Vorwurf, wir suchten in diesen Bildern «spezifisch den Rassismus». Es geht auch nicht darum, jemanden vom Sockel zu holen – dafür ist die Geschichte zu lange her. Aber man soll sich diesen Bildern stellen. Entsprechend wichtig ist uns das Begleitprogramm mit Referaten und Gesprächen.

 

Modell Mittelholzer. Die Afrikaflüge als Anlass: Kulturraum am Klosterplatz St.Gallen, 27. Februar bis 3. Mai.
Infos und Begleitprogramm: kultur.sg.ch, Mittelholzer-Filme im Kinok: kinok.ch

Dieses Gespräch erschien im März-Heft von Saiten.

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