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Die Hände sind gebunden, doch die Finger haben Spiel

Zum Auftakt des zehntägigen Freiluftparlaments «Mobile» wurde am Freitagabend im St.Galler Frauenpavillon über die Situation von Sans-Papiers diskutiert. Eine ihrer Forderungen: mehr Fussballplätze.
Von  Corinne Riedener
J. erzählt seine Geschichte. (Bilder: Jürg Stucker)

Es ist schwül, der Regen drückt bereits, doch das Töggeli-Turnier ist noch in vollem Gang. Ein Dutzend Leute steht um den Tisch herum und feuert die Blauen oder die Roten an, andere sitzen auf farbigen Plastikwürfeln und unterhalten sich polyglott. Daneben prasselt es in der Feuerschale. Aynur ist am Kochen, es gibt ottomanischen Couscous, Salat, Gemüse, selber gemachten Yoghurt und Kürbisbrötchen – aber davor soll noch diskutiert werden.

Plötzlich ist das Gewitter da, es bleibt gerade noch genug Zeit, um den Couscous vom Feuer zu holen, das Spiegelklavier abzudecken und die Sitzwürfel ins Frauenpavillon zu fugen. Drinnen dampft die Luft, es ist stickig. Kein Wunder, schliesslich sitzen fast 40 Leute im kleinen Pavillon im Kreis und draussen giesst es in Strömen. Was aber der guten Laune keinen Abbruch tut.

Am Schluss hat das Wetter gewonnen.

In den nächsten zwei Stunden wollen sie über die Situation von Sans-Papiers in St.Gallen diskutieren. Die Gruppe ist so bunt wie die «Mobile»-Würfel, auf denen sie sitzen. Menschen mit und ohne Bleiberecht sind gekommen, alle leben hier, manche sind in St.Gallen aufgewachsen, andere in Afghanistan, Äthiopien, Peru oder Indien, manche arbeiten fürs Solinetz, für die Stadt oder als Künstlerin, andere dürfen von Gesetzes wegen gar keiner Arbeit nachgehen, engagieren sich aber in einem Verein oder in ihrer Nachbarschaft.

«Wieso dauert das so lange?»

Da ist zum Beispiel J. Er ist vor zehn Jahren aus Äthiopien in die Schweiz gekommen. Sein Asylgesuch wurde abgewiesen, darum lebt er im kantonalen, sogenannten Ausreise- und Nothilfezentrum Sonnenberg in Vilters-Wangs, eineinhalb Stunden Wegzeit von St.Gallen entfernt. Das ehemalige Internat im Sarganserland ist nur zu Fuss oder mit dem Auto zu erreichen. Die nächste Bushaltestelle ist 30 Gehminuten entfernt.

«Mobile» will «alle, die da sind» zum Mittun und Netzwerken anregen. Die Idee dahinter: Fragen ans Zusammenleben und an städtische Räume stellen, zuhören, verhandeln, austarieren.

Noch bis am 4. September gastiert das Freiluftparlament «Mobile» im Frauenpavillon im St.Galler Stadtpark, mit Performances, Diskussionen und Musik. Zum Abschluss, am 15. September, dem Tag der Demokratie, schlägt das es in Kooperation mit dem Kollektiv Ostwind seine Zelte am Marktplatz auf, um über den Zustand der Demokratie zu diskutieren.

Infos und Programm: freiluftparlament.ch

Morgens übernimmt er Putz-Ämtli im Sonnenberg, nachmittags hat er entweder Deutschunterricht oder geht spazieren – «um den Kopf frei zu bekommen». Die Ungewissheit in seinem Leben belaste ihn sehr, sagt J. Er würde gerne eine Lehre machen und danach einen Job finden, «um endlich selbständig zu sein».

Oder Y. Er kam vor sechs Jahren ebenfalls aus Äthiopien in die Schweiz. Vier Jahre hat er auf seinen Asylentscheid gewartet. Negativ. Bis dahin lebte er in Gossau, dank der Hilfe von Freund:innen, die er in dieser Zeit gefunden hatte, lebt er mittlerweile in ein Wohnung in Rorschach und nicht wie J. in der Sarganser Pampa.

Y. besucht zweimal pro Woche den Deutschunterricht der Integra und isst hin und wieder im Solihaus. Das erleichtere ihm das Leben, sagt er. Arbeiten darf auch er nicht, obwohl er einen Vertrag für eine Schreinerlehre in Aussicht hätte. Im Juli 2021 hat er ein Härtefallgesuch gestellt, bis jetzt hat er noch nichts gehört. «Zuerst habe ich vier Jahre gewartet, jetzt warte ich schon wieder. Wieso dauert das so lange?», fragt er in die Runde.

Bewegung für die mentale Gesundheit

Ratlose Gesichter. «So viel ungenutztes Potenzial!», stellt jemand fest. Die anwesenden Sans-Papiers nicken. Viele von ihnen halten sich mit Sport mental über Wasser, zum Beispiel im Verein Akin (Aktion Integration).

Bei Akin trainieren Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen, sie spielen Fussball, gehen Schwimmen und Laufen oder treffen sich zum Yoga. Die Kosten für Geflüchtete oder Armutsbetroffene werden übernommen. «Wenn du nicht arbeiten darfst, musst du dich anderweitig beschäftigen», sagt A. aus Afghanistan, der bei Akin Fussball spielt. «Sport hilft mir, positiv zu blieben.» Seine Kollegen stimmen ihm zu.

Auch für C. aus Peru ist der Sport ein wichtiger Teil des Lebens. Er verbrachte die ersten Jahre in Genf und kam erst vor kurzem nach St.Gallen. Im Winter schlafe er im Bunker, im Sommer im Park, am Bahnhof oder am Flughafen, erzählt er. Oft werde er von diesen Orten vertrieben. Positiv zu bleiben sei wichtig. «Der Sport gibt mir Motivation und mentale Stärke – damit ich während ich auf die Behörden warte, wenigstens anderen helfen kann.»

«Die Schweizer denken, wir wollen nicht arbeiten, dabei dürfen wir ja gar nicht!», meldet sich Y. noch einmal. «Ich bin es so leid zu warten. Für die Leute beim Amt sind es vielleicht zwei Stunden, aber für mich hängt das ganze Leben davon ab.»

Y. erzählt seine Geschichte.

Sükran Magro, Eidgenössisch diplomierte Migrationsfachfrau und Geschäftsleiterin des Solinetz, kennt diese Nöte nur zu gut. Die verschärfte Gesetzgebung sei total paradox, erklärt sie. «Die Leute dürfen nicht schnuppern und auch keiner Freiwilligenarbeit nachgehen, aber wenn sie ein Härtefallgesuch stellen wollen, müssen sie Deutsch auf A2-Niveau beherrschen und einen Arbeitsvertrag vorweisen können – Wie soll das gehen, wenn man nicht einmal die Möglichkeit hat, beim Schnuppern einen Betrieb kennenzulernen?»

Was können wir tun?

Das versteht niemand. Alle sind froh, als Aynur von hinten ruft: «Abendessen ist fertig!» Jetzt werden zuerst einmal die Köpfe und das Pavillon gelüftet. Wer verdient, zahlt einen Solibatzen, für alle anderen ist der Znacht gratis. Danach folgt Teil zwei der Diskussion mit der Frage: Was können wir tun, um die Situation zu verbessern?

Aynur kocht ottomanischen Couscous.

Bereits zu Beginn des Abends kam von einigen Afghanen die Frage: «Was nützt es überhaupt, wenn wir reden. Ändert sich was?» Die ehrliche Antwort darauf ist deprimierend, denn auf gesetzlicher Ebene jagt seit Jahren eine Verschärfung die andere. Mehrmals am Abend fällt der Satz, sowohl von Sans-Papiers als auch von den anwesenden Personen aus Politik und Behörden: Uns sind die Hände gebunden.

Vorderhand mag das stimmen, trotzdem gibt es im Kleinen Handlungsspielräume. Öffentlichkeit schaffen zum Beispiel. Den Menschen, die unsichtbar gemacht werden, eine Stimme geben. Idealerweise, indem man sie selber sprechen lässt, wie es das Freiluftparlament vorbildlich macht an diesem Abend.

Auch die Stadt hat gewisse Möglichkeiten. Peter Tobler der Dienststelle Gesellschaftsfragen, angereist mit seinem Partizipations-Cargobike, weibelt für den Bevölkerungsvorstoss, den die Stadt mit der Einführung des neuen Partizipationsreglements upgedatet hat. 15 Unterschriften braucht es dafür, man muss nur in St.Gallen wohnen und älter als 13 sein. Leider wird diese Möglichkeit noch viel zu selten genutzt, auch im Frauenpavillon haben viele noch nie etwas davon gehört.

Die Stadt für alle

Auch SP-Stadtparlamentarier Chompel Balok ruft dazu auf, sich via Bevölkerungsvorstoss zu engagieren, nimmt aber auch die Stimmberechtigten in die Pflicht: «Es ist ein Armutszeugnis, dass unsere reiche Gesellschaft den Ärmsten nicht hilft.» Die Stadt St.Gallen könne eine Vorreiterinnenrolle übernehmen, indem sie zu einem sicheren Ort für alle werde – zum Beispiel mit einer St.Galler City Card.

Wünscht sich die Stadt als Vorreiterin: Chompel Balok.

Die City Card basiert auf dem Prinzip des Urban Citizenship und ist ein städtischer Ausweis, der für alle Bewohner:innen einer Stadt gilt, unabhängig ihrer Herkunft und ihres Aufenthaltsstatus. Sie kann den Behörden und der Polizei gegenüber als Identitätsnachweis genutzt werden. Ausserdem erleichtert eine City Card den Zugang zu verschiedenen öffentlichen und privaten Dienstleistungen (mehr dazu hier).

Im September 2020 wurde das Postulat für eine St.Galler City Card vom Stadtparlament für erheblich erklärt. Die Direktion Soziales und Sicherheit hat nun den Auftrag, eine City Card-Lösung zu prüfen und Bericht zu erstatten. Wann der Bericht vorliegt, ist unklar. Vorsteherin Sonja Lüthi hofft, dass es noch in diesem Jahr soweit ist. Der offizielle Beantwortungstermin wäre im September 2022, der Stadtrat hat aber eine Verlängerung bis September 2023 beantragt.

20 Leute am Spielfeldrand

Die Forderungen der anwesenden Sans-Papiers sind wesentlich bescheidener bzw. betreffen direkt den Lebensalltag: Sie wünschen sich besseren Zugang – idealerweise kostenlos – zu den öV, um Deutschkurse zu besuchen oder Freunde zu treffen. Und sie wollen mehr Hallen und Plätze zum Fussball spielen. Das Interesse sei sehr gross, erklärt A., aber es gebe einfach zu wenig Platz. «Teilweise warten 20 Leute am Spielfeldrand. Es wäre schön, wenn sie auch mitspielen könnten. Viele warten die ganze Woche darauf.»

Die Stimmung nach der Diskussion ist nachdenklich, aber gut und da und dort ist auch ein Aufbruch zu spüren. Manche mussten grad im Anschluss den Zug erwischen, um noch nach Vilters-Wangs, ins Rheintal oder eine andere Asylunterkunft kommen, andere diskutieren noch weiter, tauschen Nummern aus oder stellen sich einander vor. Das Netzwerk greift. Eine gelungene «Vernissage der Kunstform des miteinander Diskutierens», wie es Moderator Lineo Devecchi am Anfang des Abends genannt hat.

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