, 22. Januar 2015
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Die Hipster werden den Haar-Affen lieben

St.Gallen macht mobil: Seit kurzem kann man sich im Army Liq Shop wieder mit Unkaputtbarem eindecken. Zwischen Generatoren und Klappspaten verkauft die Armee auch trendige Accessoires.

Als erstes trifft einen, fast wie ein Schlag, der Geruch: Wie die Luft aus hundert Kellerlöchern, ein nostalgisch angehauchter Siff, man denkt an Papas alte und irgendwie verbotene Armeekiste. Im Army Liq Shop St.Gallen ist dieser Geruch Programm. Hier wird vom Ankergewicht (13 kg) über den Fleischbehälter (sagenhafte 50 Liter!) bis zum Zeltpflock (23cm) alles verkauft, was einst der Schweizer Landesverteidigung dienen sollte.

Die Landesverteidigung scheint, auch wenn oft keine Pflicht mehr, ein doch noch gern gepflegtes Hobby zu sein: Auf jeden Fall brummt das Geschäft im Army Liq Shop. Vor einer Woche wurde er er nach vierjähriger Pause neu eröffnet. Seither wurden bereits etwa 50 «Fahrräder 93» verkauft, schätzt Shop-Leiter Markus Vetter. «Die sind ein Renner.» Wenn auch nur im übertragenen Sinn, wiegen die Velos samt Ausrüstung doch 24 Kilo.

Ausserdem gingen in der Eröffnungswoche auch zwei Kisten Feldstecher weg, alle vorrätigen Lederhandschuhe und sogar schon ein paar Generatoren. «Einige Leute sorgen halt gern vor», meint Vetter. Angesichts all der anderen praktischen Dinge – Klappspaten, Notkocher, Lötkolben, Pferdewolldecke – bekommt man fast selber Lust, wieder einmal sinnlos im Dreck zu wühlen und den eigenen Keller als Gefechtsbunker einzurichten.

Hüdeli gefällig?

Der Shop-Katalog umfasst etwa 200 Artikel, die teils wunderliche Namen haben. Absolutes Lieblingswort: Hüdeli, ein Lappen, mit dem in der RS das Sturmgewehr geputzt werden musste.

Am späten Donnerstagnachmittag ist der Shop gut gefüllt. Ein junger Typ mit Kopfhörern kauft sich ein Megafon. FCSG-Ultra, demonstrierender Gewerkschafter oder einfach Openair-Gänger, der die Zeltnachbarn terrorisieren will?

Ein Pfadfinder kauft hier ein, weil das Material günstig und robust sei. «Solche Qualität findest du im Obi oder der Landi schon lange nicht mehr», sagt er. Ein Büezer im Übergwändli legt einen Stapel Arbeitskleidung auf den Ladentisch.

Wie Markus Vetter sagt, zieht der Army Liq Shop – einer von dreien in der Schweiz – auch viele Kunden aus dem grenznahen Ausland an. Auch Norditaliener seien diese Woche hier gewesen, «extra für den Shop nach St.Gallen gefahren sind die». Zudem schauten auch Sammler vorbei. Für die dürften Artikel wie der MP-Tragriemen oder das Pistolenholster gedacht sein, hoffentlich.

Der Army Liq Shop als Touristenattraktion? Das scheint uns Schweizern, die wir oft ein gespaltenes Verhältnis zur Armee haben, absurd – aber offenbar zieht das Label Schweizer Qualität noch immer. Trotz starkem Frankenkurs.

Nicht Vintage, sondern echt

Aber wer mit etwas Ausdauer wühlt, findet im Armeelager durchaus auch Accessoires, die Kult-Potential haben: Für einen fellbezogenen Ledertornister wie den Haar-Aff (der heisst wirklich so) zahlen Hipster sonstwo schnell mal 200 Franken, wenn er von einem skandinavischen Designer kommt. Die Armee hingegen verjasst den Haar-Aff für faire 70 Franken. Und hier ist der Vintage-Touch nicht designt, sondern echt.

Zu diesem Tornister würden etwa die Arbeitshemden aus grobem Jeansstoff passen, die es in allen Grössen gibt. Und aufs Design-Tischchen zuhause stellt man sich vielleicht das Armee Telefon 53 in Kiste. Nicht unbedingt praktisch, dafür unkaputtbar – und damit irgendwie ein schönes Sinnbild für die Schweizer Armee.

 

 

Der Army Liq Shop St.Galllen befindet sich an der Burgstrasse 50 im Zeughaus bei der Kreuzbleiche.

 

 

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