, 16. Oktober 2013
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Die Kamera als Spiegel

Die St.Galler Filmemacherin Gabriela Betschart zeigt «Ein Stück Wahnsinn» im Kinok: das Dokument eines Theaterprojekts mit psychisch kranken Menschen. Andreas Wöhrle war an der Filmpremiere und denkt über Kino als Therapie nach.

Wer sich nicht mehr unbedingt den spektakulären Wahnsinn von One flew over the Cuckoo‘s Nest (Milos Forman, USA 1975) ansehen will, sondern den Umgang mit einem Stück Wirklichkeit, das als Wahnsinn bezeichnet wird, sollte sich diesen Film nicht entgegen lassen. Im Zentrum der Handlung stehen drei junge Erwachsene, die aus verschiedenen Gründen in der psychiatrischen Klinik gelandet sind. Sie versuchen, mit ihren Schwierigkeiten klarzukommen und wieder ein Leben in einem besseren psychischen Gleichgewicht zu führen.

Interessant ist nun, dass sie in ihren Bemühungen durch ein Theaterprojekt unterstützt werden. Dies verlangt, dass sie den Rahmen dieses Angebotes annehmen. Der Film verfolgt diese Auseinandersetzung und hält sie in Bildern fest, die nicht nur im Verlaufe der Dreharbeiten, sondern auch nach Fertigstellung des Films ihre Wirkung entfalten. Dadurch wird nicht nur ein zusätzlicher Blick auf die Arbeit der Protagonistinnen und Protagonisten geworfen, sondern auch auf die Funktion des Bildes und des Kinosaales.

Die Suche nach neuen Bildern

Die Theaterarbeit beabsichtigt, Bilder der eigenen Befindlichkeit, das damit zusammenhängende Empfinden und die entsprechenden Gefühle zu schaffen. In diesem Bemühen gleicht das Projekt der Psychotherapie, in der fixierende und hindernde Bilder durch neue, überraschende sogar, ergänzt werden können. Im Film wird dies konkret angesprochen und konkretisiert sich im Ausdruck und Spiel der Beteiligten. Dies geschieht nicht in einem isolierten Raum, sondern in lebendiger Auseinandersetzung. Dadurch geraten wie in der Psychotherapie auch untaugliche und dennoch stabilisierende psychische Strukturen ins Wanken.

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Dass diese Vorgänge im Film nicht erklärt werden, könnte kritisiert werden. Doch scheint der Film nicht nur für das Kinopublikum, sondern vor allem für die Beteiligten gedreht worden zu sein. Er diente während der Dreharbeiten und auch danach als Spiegel. Spiegel helfen den Schauspielerinnen und Schauspieler oft, sich besser in ihrem Spiel und Ausdruck wahrzunehmen. Dadurch entsteht die Möglichkeit, dass Bruchstücke neuer Bilder auftauchen können. Die Spiegel wieder- und widerspiegeln das Geschehen, was in einem psychotherapeutischen Kontext gesehen Voraussetzung dafür ist, dass Neues sich nicht nur zeigt, sondern auch erkannt werden kann.

Psychische Krankheiten enttabuisieren

Auf diesen Umstand bezogen sich auch die drei im Zentrum stehenden Personen: Über psychische Krankheit müsste vermehrt in der Öffentlichkeit geredet werden. Das von ihnen anvisierte Ziel sind neue Bilder über psychisches Kranksein und seine Entstehung. Dieser Diskurs wird zwar in der Öffentlichkeit offener geführt als noch vor Jahrzehnten – was nicht heisst, dass sich die Situation in der Psychiatrie dadurch verbessert hätte. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die neuen Bilder, die sich aber nicht aus den geschichtlichen Zusammenhängen der Patientinnen und Patienten ergeben, sondern aus den technischen Errungenschaften unserer Zeit, den bildgebenden Verfahren. Es schien daher nicht primär um diesen Diskurs zu gehen, sondern um das eigene Wagnis, sich zu formulieren und sogar umzuformulieren.

Der Kinosaal als Couch

In diesem Zusammenhang kommen der Kinosaal und die Funktion des Films in der Öffentlichkeit ins Spiel. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Film noch nicht reden konnte, wurde versucht, mittels neuer Bilder wieder Leben in eine erstarrte psychische Landschaft eines Menschen zu bringen. Dafür brauchte es ein interagierendes Gegenüber, was von Freud (1912) beschreiben wurde. Es wurde nun versucht, ob diese spiegelnde Funktion ebenfalls vom Film übernommen werden könnte, z.B. in Léonce Peret‘s  Le Mystère des Roches de Kador (F 1912).

Wir alle, nicht nur als Patientinnen und Patienten, nehmen in Filmen verschiedene Aspekte unserer selbst wahr. Um sich «neu zu sehen», braucht es zusätzlich einen Ort, einen Raum, der dieses Geschehen umrahmt. Einen Kinosaal eben, der ermöglicht, sich gemeinsam auch verstörenden Bildern auszusetzen und darüber zu reden. Diese Funktion kann von einer Projektion im privaten Kämmerlein weniger übernommen werden.

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Auch wenn Ein Stück Wahnsinn im Vergleich mit seinem berühmten Vorgänger Rhythm is it! (Regie Thomas Grube, Enrique Sánchez Lantsch, D 2004) nicht ganz mithalten kann, lohnt sich eine Begegnung mit seiner Wirklichkeit allemal.

«Ein Stück Wahnsinn», von Gabriela Betschart und Anna Thommen (CH 2013), Kinok St.Gallen, weitere Vorstellungen 20.Oktober 16.45 Uhr und  23.Oktober 17.15 Uhr

Andreas Wöhrle ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in St.Gallen 

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