, 6. September 2018
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Erbstück: Die Krampfader

Ob materiell oder immateriell, individuell oder kollektiv, ausgeschlagen, vergessen, verdrängt oder freudig akzeptiert. Erbstücke haben ihre eigene Geschichte. Dieses hier tut weh. von Jonas Bischof

Zum ersten Mal fiel sie mir auf, als ich am Montag in der Morgendämmerung in einer der heissen Quellen von Santa Fé de Granada badete und langsam wieder runterkam. Die Schönheit der Welt fiel noch immer wuchtig in mich ein, auch wenn die allfarbigen Fibonacci-Fraktalmuster in jedem einzelnen Rhombus des Maschendrahtzauns vor mir nicht mehr sichtbar waren. Ich hatte am Sonntagmittag die Zunge rausgestreckt, als einer am Feuer vorschlug, den Rave mit LSD ausklingen zu lassen. Im Nachhinein erstaunt es nicht, dass ich irgendwann begonnen hatte, mir Vorhaltungen wegen meines Lebensstils zu machen. Ich fühlte mich vergiftet. Nicht vom LSD, sondern vom Mischkonsum aus Pilzen, Kokain, Alkohol, Tabak, Haschisch, MDMA und Speed. Und so kam es, dass mir im etwas zu heissen Wasser, worin ich mich nicht ganz entspannen konnte – denn ich war allein, niemand hielt mich fest, ich würde Wasser einatmen, und meine Freunde von der Tschechen-Mafia, die ich genau genommen gar nicht kannte, waren bereits wieder in die Stadt gefahren – plötzlich auffiel, dass ich eine beachtliche Krampfader an der rechten Wade habe. Und das, obwohl ich erst Anfang zwanzig war.

Das war im Frühjahr 2008 in Andalusien, zwei Wochen nach Beginn meiner ersten Reise. Um mich herum Olivenplantagen, schnurgerade Linien von Bäumen in alle Richtungen, bis zum Horizont. Ich kullerte, wach wie ausgeschüttetes Quecksilber, über die trocken gepresste, mit Abfall übersäte Erde. Jetzt würde sie wohl nicht platzen, doch ich spürte sie.

Ich habe die Krampfadergene von Vater und Mutter geerbt. Wir vererben der nächsten Generation ein geschändetes Paradies.

Als es eindunkelte, war ich mit meinem Rucksack unterwegs, ermuntert von einer alten Hexe und ihrem jungen Liebhaber, die mich in ihrem Wohnmobil aufgepäppelt hatten. Ich würde es schaffen. Verloren in Baumreihen und Abfall. Leider ohne Wasser. Stacheldraht, gelbe Fässer mit Totenköpfen.
Zunehmende Panik, ich könnte stürzen, Beinbruch, sterben, vergiftet wie die Erde um mich herum.
Endlich fand ich das Dorf, kaufte Wasser, der Bus wartete schon. Am nächsten Tag ging ich in die Notaufnahme. Es war eine Krampfader. Daran würden auch die Arztbesuche in Ecuador und Kolumbien in den folgenden Monaten nichts ändern.

Bis heute lerne ich, das Leben und die eigene Sterblichkeit zu lieben, bis heute muss ich rauchen. Die Krampfadern und Besenreiser wachsen langsam, manchmal gehen sie auch leicht zurück, vor allem, wenn ich die Beine morgens und abends in die Luft halte.

Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten.
Jonas Bischof raucht seit der Sommersonnenwende 2018 keinen Tabak mehr. Es war dann einfach vorbei. Noch zwei Züge, die Dose ins Feuer gekippt. Asche rein gefüllt. Bei Bedarf aufs Haupt.

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