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Die Literatur selbst ist ein Fluss

Die 40. Solothurner Literaturtage sind gestern Sonntag mit einem Publikumsrekord zu Ende gegangen. Florian Vetsch war Mitglied der diesjährigen Programmkommission und hat eine Reihe von Lesungen moderiert. Hier seine Notizen in Tagebuchform.
Von  Gastbeitrag
Bild: pd

Donnerstag, 10. Mai

Sitze im Zug. Noch ganz voll von den Worten und den singulären Druckerzeugnissen, die Hans Georg Bulla am vergangenen Dienstag bei Noisma im Kult-Bau in St.Gallen vorgestellt hat. Habe seinen Band Weitergehen (edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1980) dabei, lese auf der Fahrt darin, unter anderem dieses Gedicht, das hängen bleibt, mich nachdenklich stimmt:

Der tote Nachbar

Redete mit den Vögeln,
den Blumen im Garten.

Ging langsam auf dem Kiesweg
dem hellen Enkelkind nach.

Liess mir den Vortritt im Laden,
ich hatte es immer eilig.

Checke in Solothurn im Literaturbüro ein, dann im Hotel Ambassador in Bahnhofsnähe. Besuche die Vernissage von Albertine im Künstlerhaus S11. Albertine ist ein Star im französischsprachigen Raum, bei uns ist sie noch eher unbekannt. Ihre Bilder sind federleicht, heiter, am meisten bezaubern mich, neben den grossflächigen bunten Bildern, ihre Livres d‘artiste.

An der Eröffnungsfeier schlägt Albertine im Duo mit dem Kontrabassisten Michael Pfeuti erneut zu, sie, die bereits von ihrer Erscheinung her mit dem lila Turban und dem weiten weissen Hosenkleid eine Wucht ist, federt am Projektor spontane Zeichnungen zu Pfeutis Improvisationen und den Akteur*innen hin. Unter letzteren muss ich den Stadtpräsidenten Kurt Fluri, Nationalrat und Ko-Präsident der parlamentarischen Gruppe Kultur, ausdrücklich loben: Selten habe ich eine so klare Stellungnahme eines Politikers pro Kultur gehört. Mit grosser Verve verteidigt er das im kantonalen Vergleich ausserordentlich hoch liegende Budget für die Kultur in all ihren verschiedenen Phänomenen. Er überzeugt nicht nur mich an der Eröffnungsfeier der 40. Solothurner Literaturtage; von dieser Haltung könnten sich so manche Politiker*innen unseres Landes eine Scheibe abschneiden!

Reina Gehrig, die Geschäftsführerin der Literaturtage und Programmleiterin, weist in ihrer Rede auf ein Wort Peter Bichsels hin, das sich erneut bewahrheiten soll: «Einmal im Jahr das einsame Geschäft des Lesens, das einsame Geschäft des Schreibens als ein gemeinsames empfinden – Solothurner Literaturtage.»

Apéro riche im Soleure, lebendige Gespräche bis in die Nacht. Gespannte Erwartung.

Freitag, 11. Mai

Treffe um 11:30 Uhr den jungen Dichter Levin Westermann vor dem Kino im Uferbau, wo der Poesiesalon der Literaturtage eingerichtet ist. Als um 11:45 Uhr erst ein paar wenige Leute da sind, meint Westermann, das sei normal bei Lyrik-Lesungen, er erwarte nicht mehr Leute, doch ich meine zuversichtlich, wir seien in der Schweiz und würden dann um 12 Uhr sehen… Und siehe da, um 12 Uhr ist der Poesiesalon gut gefüllt, um 12:02 Uhr werden die Türen geschlossen und los gehts.

Lese in der Einführung ein wahnsinniges Zitat von der US-amerikanischen Dichterin Mary Ruefle, das Westermann seinem zweiten Poesieband 3511 Zwetajewa (Matthes & Seitz, Berlin 2017) vorangestellt hat: «I get so very tired of having to talk about literature. I didn’t begin writing because I wanted to sit in a room and talk about the construction of subjectivity in Wordsworth and Ashbery; I began writing because I had made friends with the dead: they had written to me, in their books, about life on earth and I wanted to write back and say yes, house, bridge, river, hair, no, maybe, never, forever.» Das entspannt alle, und Levin Westermann gibt eine punktgenaue Lesung, aufgelockert durch ein erhellendes Gespräch.

Treffe um 13:30 Uhr den frisch aus Marrakesch eingeflogenen Mahi Binebine. Im proppenvollen Stadttheatersaal moderiere ich um 14 Uhr seine Lesung, die mit einem Simultanübersetzer auf Deutsch und Französisch gehalten wird. Binebine erklärt, wie das Centre culturel Les Étoiles de Sidi Moumen entstanden ist, das in Marokko Schule macht, denn ihm sind inzwischen weitere solcher Stätten in Tanger und in Fes gefolgt: Für die Dreharbeiten zu Nabil Ayouchs Verfilmung von Binebines Roman Les ètoiles de Sidi Moumen (dt. Die Engel von Sidi Moumen, Lenos, Basel 2011), welcher die Hintergründe des Attentats von Casablanca aus dem Jahr 2003 beleuchtet, arbeiteten der Regisseur und der Autor mit jugendlichen Schauspielern aus Sidi Moumen, dem Elendsviertel, in welchem die Al-Kaida 14 Jugendliche rekrutiert und im Zeitraum von zwei Jahren in menschliche Bomben verwandelt hatte.

Nach den Dreharbeiten hatten sie die 14 Jugendlichen aus Sidi Moumen vor sich, ordentlich angezogen und auch etwas dicker geworden; was sollten sie mit ihnen tun? Sie einfach ins Bidonville – die totale Perspektivenlosigkeit – zurückschicken, das brachten sie nicht übers Herz, und so gründeten sie mit dem Geld, das Ayouchs Film einspielte, das Centre culturel Les Étoiles de Sidi Moumen.

Dieser direkte Humanismus provoziert im Publikum einen Spontanapplaus. Dann liest Binebine aus seinem brandneu auf Deutsch erschienenen Roman Der Hofnarr. Darin erzählt er die Geschichte seines Vaters, der zum engsten Vertrauten von König Hassan II., der Marokko von 1951 bis 1999 regierte, avancierte, zum Hofnarren eben, der ständig in der Nähe des Monarchen leben, ihn unterhalten und in den Schlaf erzählen musste. Mahi Binebines Bruder Aziz erlangte den Offiziersgrad in der marokkanischen Armee und wurde, ohne zu den Drahtziehern zu gehören, in das Attentat auf Hassan II. vom 10. Juli 1971 in Skhirat, einem Badeort zwischen Casablanca und Rabat, verwickelt.

Aziz, der im Roman Abel heisst, fällt der Rache des Königs zum Opfer und muss bis 1991 in einem der schlimmsten Kerker aus der traurigen Geschichte der Gefängnisse brüten, in Tazmamart, im wüsten Niemandsland am südöstlichen Rand des Atlasgebirges; die Höhe der Zelle beträgt kaum 1 Meter 50, für die Notdurft hat es ein Loch in der Ecke, selbst das Bett ist aus Beton, kein Tageslicht dringt in die Zelle, die Nahrung besteht aus brackigem Wasser und schimmligem Brot.

Die meisten der Insassen starben dort einfach ab. Von den 30 Häftlingen überlebten lediglich vier diese Horrorhaft, darunter Mahi Binebines Bruder Aziz. Der Vater musste diesen Sohn vor dem König in einem offiziellen Ritual verstossen, um seine Karriere weiter wahrnehmen zu können. Doch den Grund, warum Aziz überlebte und andere nicht, gibt Mahi Binebine nicht mit der körperlichen Konstitution seines Bruders an, sondern damit, dass es diesem gelungen ist, während der ganzen Zeit der langen Gefangenschaft keinen Hass in sich aufkommen zu lassen. Das ist eine starke Botschaft. So bezeugt dieser Roman die «magische Kraft, einem Berg voll Kummer Freude einzuhauchen», wie es einmal darin heisst.

Um 18 Uhr geht es an die Moderation von David Signers Erzählsammlung Dead End (Lectorbooks, Zürich 2017), wieder im Stadttheatersaal. Wie ich sage, dass David Signers euro-de-zentristisches Schreiben eine echte Alternative in der oft recht biederen Landschaft schweizerischer Erzählkultur darstelle, geht ein Raunen durch das gut gefüllte Theater. Auch nach dieser Lesung gehen die Bücher weg wie warme Semmeln.

Signer ist der einzige Ostschweizer Autor an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen. Die Programmkommission folgt im Unterschied etwa zu den Bundesratswahlen keinem regionalen Verteilschlüssel, deshalb ist die in Saiten immer mal wieder angestimmte Klage, es seien zu wenig Schreibende aus der Ostschweiz vertreten, müssig.

Trinke im Anschluss an die Veranstaltung mit Susann Klossek und David Signer einen Apérol Spritz. Beschliesse den Abend mit Signer im Akropolis, einem vorzüglichen Griechen.

Samstag, 12. Mai

Stehe heute weniger unter Hochdruck als gestern. Muss lediglich am Mittag die Lesung von Thilo Krause im Poesiesalon moderieren. Thilo liest aus seinem im März in der Edition Lyrik Kabinett erschienenen dritten Gedichtband Was wir reden, wenn es gewittert (Hanser, München 2018). Unter vier Augen meint er, dass die Verse, die ich in der Einführung zitieren werde, diese:

Ich glaube an die Dinge
die mich umgeben.

Ich glaube an die Strömung
hell hinter den Steinen im Bach.

dass diese Verse einen Teil der zeitgenössischen Dichterinnen und Dichter vor den Kopf gestossen hätten. Das verwundert mich nicht. Als ich zum Willkommen vor dem bis auf den letzten Platz gefüllten Poesiesalon betone, dass die heurigen Literaturtage lyrikstark seien, und mit erhobener Faust «Vive la poésie!» rufe, jubelt das Publikum mit.

Beim Gespräch auf der Bühne kommt es zu einer witzigen Situation, als ich Thilo Krause nach ostasiatischen Einflüssen auf sein Schreiben frage und behaupte, dass Laotse, Tschuang Tse und der Kalte Berg, der Zen-Dichter Han Shan, ihre Freude an gewissen seiner Gedichte haben könnten, und Krause tatsächlich aus seiner schwarzen Arbeitstasche eine englische Ausgabe von Han Shan zückt – wie ein Zauberer ein weisses Kaninchen aus dem Zylinder!

Nachmittags höre ich auf der Aussenbühne die Kurzlesung von Franz Hohler. Auch er ein Zauberer, wenn er locker ein französisches Gedicht, dann ein englisches, dann eine schweizerdeutsche Übersetzung eines Shakespeare-Sonetts aus dem Ärmel schüttelt. Ein Vollprofi. Seine Geschichte von dem Fussballspiel der Lebenden gegen die Toten ist auch 40 Jahre nach ihrer Niederschrift noch hieb- und stichfest, ein kleines Juwel.

Hohler erheitert und verblüfft alle Lauschenden, die an der prallen Sonne neben der Aare stehen oder sitzen. David Signer ist darunter und erzählt mit einem Lächeln auf den Stockzähnen, dass Franz Hohler gestern Abend nach der Lesung im Theatersaal Dead End gekauft und zwei Geschichten daraus noch in der Nacht gelesen habe; heute Morgen sei er von Hohler gefragt worden, wieviel denn aus seiner Story Das Kreuz, die eine exzessive Nacht im Drogen- und SM-Milieu in Berlin schildert, auf Empirie beruhe, worauf er geantwortet habe: «120 Prozent!»

Auch Gion Mathias Caveltys Kurzlesung aus seinem fantasmagorischen Roman Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete (Lectorbooks, Zürich 2017) lausche ich gebannt. Besuche anschliessend im Theatersaal Christian Kienings Lesung aus Letzte Züge (Weissbooks, Frankfurt am Main 2018), einer akribisch aufgearbeiteten deutschen Familiengeschichte.

Abends findet das opulente Autorenessen im legendären Kreuz statt – Albertine habe, höre ich, eine vierfache Portion von den Desserts abgetischt; nun, wer so viel Liebe für die Welt hat wie diese Künstlerin, braucht schon etwas mehr Zucker… Danach steigt die von Pablo Haller organisierte Disco im Kino im Uferbau: Autor*innen sollen die DJs geben. Sibylle Schreiber, die Coop-Zeitungsautorin und Erzähl-Debütantin mit Sophie hat die Gruppe verlassen (Salis, Zürich 2018), outet sich dabei als tanzlüsterne Anhängerin lateinamerikanischer Rhythmen, während Cavelty in ohrenbetäubender Laustärke mit der norwegischen Death-Metal-Band Dimmu Borgir ins zaghafte Tanzgemenge einfällt.

Bevor ich mich aus dem Staub mache, legt Raphael Urweider auf. Es ist viel Ausgelassenheit im Raum, wo Christian Uetz tänzerische Bewegungen hinschlenkert, Pedro Lenz munter auf den Füssen wippt und Judith Keller in red shoes übers Parkett wirbelt, um nur drei weitere Anwesende zu nennen. Urweider hat bei Hanser, München, neue Gedichte nachgelegt unter dem schönen Titel Wildern (2018), Uetz ebenso Lyrik, den Band Engel der Illusion (Secession, Zürich 2018), Pedro Lenz hat die Spoken-Word-Geschichten Hert am Sound veröffentlicht und Judith Keller ihr Roman-Debüt Die Fragwürdigen (beide im Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017)

Sonntag, 13. Mai

Um 13 Uhr moderiere ich die Dichterin Lioba Happel. Sie liest aus ihrem Gedichtband Puls (Pudelundpinscher, Wädenswil 2017), einer Auswahl aus 30 Jahren Arbeit an der Sprache, angereichert durch neue Texte. Der Poesiesalon ist nicht mehr so voll wie in den Vortagen, aber noch immer gut gefüllt. Im Publikum sitzt unter anderem der irische Dichter Padraig Rooney, der den zweisprachigen Band Landing Craft / Angelandet (Wolfbach, Zürich 2017) an den Solothurner Literaturtagen vorgestellt hat.

Ein zum Zeitpunkt der Literaturtage passendes Beispiel mag hier die Leichtigkeit zeigen, mit welcher die Dichterin Lioba Happel assoziationsreiche Bilder aufs Papier tuscht und mit welcher Sorgfalt sie diese zarten, sinnlich unterminierten Bilder wieder zerstreut, auflöst und in die interpretatorische Offenheit entlässt:

Und jetzt wendet sich der Tod ab
und geht eine Weile spazieren

Wie auch nicht es ist Mai
Der Mai / lacht

Wir wollen ihm die Dämonie des Kirschbaums verzeihen
und ihn loben

bis seine Rosenfarbe
herab / fällt

Im Atelier de traduction im Landhaus besuche ich zum Abschied den Workshop von Regina Keil-Sagawe und Mahi Binebine zur Übersetzung von Binebines Roman Le fou du roi (Stock, Paris 2017). Mein Blick schweift aus den Fenstern zum Fluss. Gemächlich zieht die Aare vorbei. Die Literatur selbst ist ein Fluss, denke ich, ein fliessendes Tuch, an dem Hundertscharen von Einzelnen weben und weben.

Im Zug greife ich wieder zu Hans Georg Bullas Band Weitergehen, lese ihn zu Ende.

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