, 30. September 2015
keine Kommentare

Die Magie des Widerhalls

Indoor war einmal: Nach Moderne Pilger in der Kletterhalle St.Gallen verlegt das Panorama Dance Theater seine Kletterpartien in den Alpstein: ECHOS wird zum Trip in die Höhe – für die Mitwirkenden und fürs Publikum, schreibt Saiten-Tanzexperte Stefan Späti.

Warum man sich so etwas antut? Weil es sich lohnt! So viel vorneweg. Aber erst einmal zurückgespult: Wer ECHOS (von Kompanie-Mitgründer Tobias Spori) mit vier Tänzerinnen, einem Tänzer, einem Sänger und zwei Musikern sehen will, muss hoch hinauf. Ab Brülisau gehts los zu Fuss bis zum Fälensee. Gleich mal wird es anstrengend, und das nicht zu knapp: Der Weg zum Plattenbödeli ist ein Saucheib, ein steiler.

Nach und nach verstummt die eben noch redselige Gruppe regulärer Städter, die an diesem späten Nachmittag einem irregulären Freitagabend-Programm entgegenkeucht. Dann jedoch, nach gut zwei Stunden, die Belohnung. Die Stille da oben, der Blick auf die umliegenden Gipfel in der Abendsonne – und schliesslich der Fälensee unterhalb des Gasthauses Bollenwees, der seelenruhig und gestochen scharf die umliegenden Felswände, Hänge und Bäume spiegelt.

Naturgeformte Arena

Nach kurzer Rast im Gasthaus Bollenwees geht die Performance los. Ann Katrin Cooper, Produktionsleiterin und Panorama Dance Theater-Mitbegründerin, führt das Publikum zum Wanderweg neben dem Gasthaus. Das Setting ist minimal: Auf der Wiese neben dem Weg stehen vereinzelte Scheinwerfer. Unten am Seeufer liegen fünf rote, zu Häufchen zusammengeraffte Tücher. Und dort am Wasser sitzt auch Karl Schimke, Tubist im St.Galler Sinfonieorchester, der jetzt mit dem Alphorn den Start der Performance signalisiert.

Der Klang des Instruments hallt von den umliegenden Felswänden wider und vervielfacht sich in den Ohren des mucksmäuschenstillen Publikums. Dann kommt Bewegung in die Ruhe. Die fünf Tänzerinnen und Tänzer steigen von verschiedenen Seiten die steilen Grashänge zum See hinab. Zu hören sind nur das Plätschern von Quellwasser und die Schritte der Akteure, die sich schliesslich bei den Tüchern bereitstellen. Das Publikum blickt hinunter in eine massive, von der Natur geformte Arena.

Ein schönes erstes Bild entsteht, wenn Tänzerinnen und Tänzer Steine über die Wasseroberfläche gleiten lassen. Eine kurze, wellige Nervosität, und schon liegt der See wieder ruhig. Der darauf folgende Bewegungsteil wirkt dagegen etwas unbeholfen auf dem steinigen Untergrund. Fast stören die synchron angelegten, organisiert wirkenden Bewegungen die bisherige Ruhe und Natürlichkeit.

Spiderwoman an der Felswand

Die Abendsonne, die auf der Wanderung noch real zugegen war, wird nun vom orangen Licht der Scheinwerfer auf den senkrecht abfallenden Felsen hinter den Zuschauenden projiziert. Die Akteure haben mittlerweile ihren Standort am Wasser verlassen und sind über die Wiese zum Publikum hochgeklettert. Eine erste Tänzerin wird am Seil hochgezogen, hängt über den Köpfen der Umstehenden und bewegt sich langsam und gelenkig in der Luft. Dazu die Stimme von Sänger Jordan Shanahan, dessen Gesang samt Echo an ein arabisches Abendgebet erinnert.

Furchtbar hoch hinauf geht es dann für Tänzerin Emma Skyllbäck, die ganz nach oben gezogen wird, bis dorthin, wo Büsche und kleine Bäume aus der Felswand wachsen. Kurz verweilt sie, um sich anschliessend zu drehen und wie eine Spinne kopfüber die steile, glatte Wand runterzukraxeln.

Vom Fuss des Felsens kommt ihr Kollegin Sandra Klimek entgegen. Die beiden Frauen treffen sich in der Mitte, und nun beginnt, was zum eindrücklichsten Teil der Performance werden soll. Zu den rhythmischen Klängen von Manolo Riederer am Schlagzeug beginnen die beiden ein dynamisches, kraftvolles Duett, das mit seiner beeindruckend synchronen Ausführung in den Bann zieht. All das hängend an einer Felswand, leicht bekleidet, bei gefühlten oder auch realen fünf Grad Celsius. Und wieder einmal zeigt sich, was Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Körpern, der ihnen eigenen Koordination und Konzentration schaffen, wenn sie sich darauf einlassen – weit entfernt von einem Ballettsaal mit Spiegeln, Stangen und elastischem Schwingboden.

Von der Felswand zur Spielwiese

Alphornklänge und Gesang lotsen zum letzten Teil der Performance direkt vor dem Gasthaus. Langsam wird es dunkel. Düsterer Nebel umhüllt den gegenüberliegenden Berggipfel, die Kälte kriecht dem Publikum die Beine hoch. Alle Akteure sind nun gemeinsam versammelt. Musiker und Sänger auf einer Anhöhe, Tänzerinnen und Tänzer auf einer leicht vertieft gelegenen Grasfläche, die durch die weissen, zu exotisch anmutenden Bäumchen zusammengebundenen Ballons zur Spielwiese wird.

Die Bewegungen sind anfangs zaghaft, steigern sich jedoch zum schneller werdenden Schlagzeugbeat. Die Mimik der Akteure und die weissen Kostüm-Oberteile sind dagegen von einer Harmlosigkeit, die sich nach dem kraftvollen Part an der Felswand nicht ganz erschliessen lässt. Der Song, interpretierbar als Hymne an die Natur, den alle Mitwirkenden zusammen zum Schluss anstimmen, macht dann schliesslich klar: So harmonisch menschengemachte Klänge sein mögen, sie können mit der stillen Kraft dieser Berglandschaft nicht konkurrieren.

Das Lied klingt aus, das Stück ist zu Ende. Begeisterter Applaus für eine weitgehend ästhetische, kraftvolle und kreative Performance, welche die Herausforderung, einer solch magischen Landschaft als Kulisse gerecht zu werden, fast durchgehend schafft. Man möchte hoffen, dass es nicht bei dieser einen Vorstellung bleibt.

Taschenlampe raus – Jackenkragen hoch: Die Wandergruppe macht sich an den Abstieg nach Brülisau. Am Ende noch einmal der steile Saucheib, der in entgegengesetzter Richtung und kompletter Dunkelheit nicht sympathischer wird. Er setzt jedoch den prägnanten Abschluss für einen aussergewöhnlichen Abend, nach dem ein entspanntes Wochenende guttut. Auch wenn man nicht getanzt hat.

 

Vergangenen Freitag war die bisher einzige geplante Vorstellung. Mehr Infos zur Kompanie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!