Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Moderne im Kleinen (I): Der Linsebühl-Bau

In einer Serie führt Nina Keel zu St.Galler Bauten aus den krisengeprägten 1930er Jahren. Im Mai wäre zu dem Thema ihre Ausstellung «Die Moderne im Kleinen» eröffnet worden - im Linsebühlbau, der hier den Auftakt macht.
Von  Gastbeitrag , 
Fenster über Eck, konkave Krümmung - so baute der Zeitgeist. (Bilder: Stefan Indlekofer)

Er liegt zwischen Lämmlisbrunnen- und Linsebühlstrasse, die «Lange Stiege» führt an ihm entlang, ein verlebter Eindruck geht von ihm aus. Tatsächlich hat er eine umtriebige Geschichte hinter sich, der grösste St.Galler Bau der 1930er Jahre. Linsebühl-Bau oder Säntis-Komplex wird er genannt, initiiert hat ihn der Architekt Moritz Hauser im Jahr 1930.

Der Linsebühl-Bau von der Linsebühlstrasse (oben) und von der Lämmlisbrunnenstrasse her.

Drei Jahre später stand er da, als kleine Stadt in der Stadt. Und der Bruch mit Jugendstil-St.Gallen hätte grösser nicht sein können: kubische Formen, eine weiss verputzte Fassade ohne jegliche Ornamente, ein Flachdach, Dachterrassen, über Eck verlaufende Fenster, Leuchtschriftzüge. Die stilistische Merkmale des Neuen Bauens, der Linsebühl-Bau erfüllte sie alle. Mit acht Etagen und 23 Metern Höhe an der Lämmlisbrunnenstrasse präsentierte sich das erste Hochhaus von St.Gallen. Der Linsebühl-Bau vereinte 34 Wohnungen, ein Restaurant, eine doppelte Kegelbahn, Läden, ein Café mit Bar[1] – und «das modernste Lichtspieltheater auf dem Platze»[2].

Vier Gründe führten zur Errichtung dieses Gebäudekomplexes mitten in der Stickerei-Krise: Erstens wurde mangelhafte Bausubstanz ersetzt und das Linsebühl saniert – ein frühes Beispiel einer Gentrifizierung, die Bewohnerinnen und Bewohner davor und danach waren nicht dieselben. Zweitens erfuhr die Linsebühlstrasse eine dringend notwendige Verbreiterung – die Fahrbahn war kaum 5 Meter breit, durch die zunehmende Automobilisierung stieg die Zahl der Unfälle. Drittens verhalf der Neubau dem Baugewerbe in der Krise zu Arbeit. Viertens kam der Linsebühl-Bau dem Bedürfnis nach Kleinwohnungen mit zwei und drei Zimmern (inkl. Bad und Küche, ohne Feuerstelle, mit Zentralheizung und Warmwasser) nach.[3]

Wer für Arbeitsbeschaffung ist, stimmt: Ja!

1929 kaufte die Stadt die Liegenschaft Säntis an der Linsebühlstrasse mit der Idee, sie abzutragen und die Strasse zu verbreitern. Doch es geschah einige Monate nichts. Also ergriff Hauser die Initiative und wurde mit einem Neubauprojekt für das ganze Vorstadt-Gebiet und einer Renditeberechnung bei der Stadt vorstellig.[4] In seinen Augen war die finanzielle Unterstützung durch die Stadt unabdingbar. Der Stadtrat prüfte und bejahte, allerdings brauchte es die Zustimmung der Gemeinde.[5]

Im März 1931 kam das Projekt zur Abstimmung über eine Subvention von 270’000 Franken. Die Arbeiterzeitung «Volksstimme» unterstützte das Vorhaben mit zahlreichen Pro-Artikeln: Im Rückblick auf eine Versammlung der Arbeitslosen im Volkshaus steht, dass an die Abstimmung erinnert wurde: «Sind nicht unsere Arbeitslosen an der Ausführung dieses Projektes direkt interessiert? Wohl gibt es keine guten Wohnungen für sie – aber Arbeit.»[6] Der Artikel wurde unmittelbar neben der halbseitigen Abstimmungsempfehlung abgedruckt.

Die Abstimmung war hart umkämpft, es kursierten Flugblätter gegen das Vorhaben und moralische Bedenken (Kino!) wurden geäussert. Es kam zur Annahme – durch einen Schulterschluss zwischen liberalem Unternehmertum (27 St.Galler Firmen haben zusammen die Liegenschaften erworben und neu überbaut) und sozialdemokratischer Presse.

Vom Werkstatt- zum Grossstadtquartier

Der Linsebühl-Bau konfrontierte das von Handwerksbetrieben geprägte Quartier mit einer völlig anderen Stadtvorstellung. Die moderne Grossstadt war Orientierungspunkt: Zum einen mit Leuchtreklamen (SÄNTIS, BAR sowie beim Kinovordach), grossen Schaufenstern, der neuartigen Dimension. Zum anderen mit dem Freizeit-Angebot: Restaurant, Kino, Café mit Bar. All diese Angebote unter einem Dach sowie die zentrale Heizung und Warmwasseraufbereitung waren etwas völlig Neues für St.Gallen. Le Corbusiers Idee der «Wohnmaschine» mag als Referenz hinzugezogen werden, allerdings sind die Funktionen im Linsebühl-Bau in separaten Häusern untergebracht.

Der Linsebühl-Bau 1933 (Foto Gross – Stadtarchive St.Gallen)

Konkav und konvex verlaufen die Fassaden des Linsebühl-Baus, es entsprach dem städtebaulichen Zeitgeist: Der Verkehr hatte Priorität, mit Kurven statt Ecken begünstigte man seinen Fluss. Dies veränderte die Strassennetze und die angrenzenden Bauten übernahmen den Schwung in ihre äussere Gestalt. Ein prominentes Schweizer Beispiel ist das Zett-Haus am Zürcher Stauffacher, eine ähnliche Stadt in der Stadt, allerdings mit Büros und Swimmingpool auf dem Dach.[7]

Im Sommer oder Herbst 2020 wird im Linsebühl-Bau die ursprünglich für Mai geplante Ausstellung «Die Moderne im Kleinen» stattfinden, eine Zeitreise zu den Anfängen moderner Architektur in St.Gallen.

Nina Keel ist Kunsthistorikerin und Kuratorin in St.Gallen.

Die dynamische Wahrnehmung aus dem Auto hatte zunehmend Auswirkungen auf die städtische Architektur: Verschiedene Protagonisten der Moderne verwiesen darauf, dass kleinteilige Details bei höherer Geschwindigkeit keine Beachtung fänden. Der besseren Lesbarkeit wegen forderten sie einfachere Formen, glatte Fassaden, horizontale Fensterbänder sowie einen Massstabssprung[8] – alles Dinge, die der Linsebühl-Bau, der zentrale St.Galler Bau der 1930er Jahre, einlöst.

 

[1] Schweizerische Bauzeitung 103/104 (1934), Heft 6: Linsebühl-Bau in St.Gallen: eine Wohnhäuser-Gruppe mit Kino, Restaurant und Läden

[2] Moritz Hauser: Das Linsebühl-Bauprojekt vor der Vollendung, in: Die Ostschweiz, 16. November 1932, Abendblatt.

[3] Kurt Bendel (?): Linsebühlbaublock, in: St.Galler Schreibmappe 1932

[4] Ernst Graf: St.Gallische Baufragen, in: St.Galler Schreibmappe 1931

[5] Stadtratsbeschluss zur Subventionsleistung an die Neuüberbauung des Gebietes beim «Säntis», 3. Oktober 1930

[6] Volksstimme, 11. März 1931, Unsere Arbeitslosen und die Winterhilfe.

[7] Stanislaus von Moos, in: Das Neue Bauen in der Ostschweiz, S.I. 1989

Daniel Kurz: Die Disziplinierung der Stadt. Moderner Städtebau in Zürich 1900-1940, Zürich 2008

[8] Martino Stierli: Las Vegas im Rückspiegel – Die Stadt in Theorie, Fotografie und Film, Zürich 2010

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,