, 6. Juni 2017
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Die Ostschweiz: literarisch unterbelichtet?

Vor einer guten Woche sind die Solothurner Literaturtage zu Ende gegangen. Ein kritischer Nach-Ruf aus Ostschweizer Sicht. von Richard Butz

Es scheint vermessen, sich überhaupt kritisch zur Institution der Solothurner Literaturtage, die über die diesjährigen Auffahrtstage zum 39sten Mal stattfanden, zu äussern. Denn angesichts einer Auswahl von 78 zum Teil sehr bekannten, von nah und fern herkommenden Autorinnen und Autoren, 13 Übersetzerinnen, einem Kinder- und Jugendprogramm, einer Veranstaltung für ein Fachpublikum, einem Zukunftsatelier über Literatur und Digitalität, einer Late-Night Bar, einer Offenen Bühne, zahlreichen Gastveranstaltungen und noch anderem mehr (das Programmheft ist 140 Seiten stark), ist Mäkelei schwierig.

Und es gab denn auch Hörenswertes, nachzulesen zum Beispiel hier.

An Lohnendem fehlt es nicht
Dennoch muss Mäkelei sein – aus Ostschweizer Sicht jedenfalls. Auf Seite 116 des Programmheftes heisst es: «Die Solothurner Literaturtage sind neben einer Werkschau des vergangenen Literaturjahrs der viersprachigen Schweiz auch Ort des Dialogs und Austausches.» Die Ostschweiz, also die beiden Appenzeller Kantone sowie St.Gallen und Thurgau, kann damit nicht gemeint sein. Sie war in diesem Jahr in Solothurn nur gerade zwei Mal und nur stadtsanktgallisch vertreten: mit der guten Wahl des Romanciers, Lyrikers und Dramatikers Christoph Keller und mit der Illustratorin und Performerin Lika Nüssli im Kinder- und Jugendlichenprogramm sowie in der Late Night Bar zusammen mit dem Bassisten Marc Jenny und dem Fotografen Herbert Weber.

Das war es, und mehr Ostschweiz erschien der elfköpfigen Programmkommission anscheinend nicht interessant oder nicht wichtig genug. Das gilt offensichtlich sogar für die monumentale Appenzeller Anthologie Ich wäre überall und nirgends, die gegen 200 Autorinnen und Autoren von 1900 bis heute dokumentiert. Sie hätte eine stimmige Vorstellung verdient gehabt. Das gleiche Schicksal der Nichtbeachtung hatte übrigens auch die 2005 erschienene Anthologie Bäuchlings auf Grün ereilt, die einen möglichst vollständigen Blick auf die Lyrik des Kantons St.Gallen im 20. Jahrhundert versuchte.

Es darf vermutet werden, dass sich die Programmkommission beispielsweise nicht beim Waldgut Verlag (Frauenfeld) oder beim Orte Verlag (Schwellbrunn) umgesehen hat. Gleiches gilt für einzelne Namen wie Frédéric Zwicker oder Lisa Elsässer (letztmals 2012 in Solothurn) und ihre aktuellen Neuerscheinungen. Das hat, muss angenommen werden, eine gewisse Tradition. Es gibt zahlreiche Ostschweizer Autorinnen und Autoren, unter ihnen Max Peter Ammann, Verfasser des grossartigen Romans Die Gottfriedkinder (2011), die Lyriker Fred Kurer und Ivo Ledergerber oder Claudia Vamvas mit ihrer originellen Twitter-Lyrik Sitze im Bus (2016), die es bisher nicht nach Solothurn geschafft haben. Andere sind seit langem nicht mehr in Solothurn zu hören gewesen, so etwa Christine Fischer, die seit ihrem 1993 in Solothurn vorgestellten Erstling Eisland sieben weitere Romane und einen Band mit Prosa und Lyrik veröffentlicht hat. Diese Liste könnte beliebig fortgesetzt werden.

Programmkommission mit West-Drall

Zuständig für die jeweilige Auswahl ist die Programmkommission. Die jetzige Zusammensetzung könnte einen Fingerzeig geben. Vertreten sind die Westschweiz (2 x), Bern (2x), Innerschweiz (2x) Zürich (2 x), je einmal Tessin und Basel sowie der in Birwinken (TG) und Paris lebende Publizist Christoph Kuhn. Er kann kaum als Vertreter der Ostschweiz angesehen werden, und darum lautet das Fazit: Einmal mehr reicht die literarische Schweiz nur bis Zürich oder höchstens bis Winterthur.

Einzuräumen ist: Eine ausgewogene Regionalvertretung kann nicht das wichtigste Kriterium dieser Veranstaltung sein, an erster Stelle muss die Qualität stehen. Aber daran mangelt es dem Ostschweizer Literaturschaffen nicht, und darum ist aus der Sicht des Schreibenden und gemäss dem eigenen Anspruch der Solothurner Literaturtage diese Mäkelei berechtigt.

 

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