Fussball weckt Emotionen. Diese können nicht nur im Umfeld von Fussballspielen überborden, sondern genauso gut auch zuhause vor dem Computer. Kurz nach Vorfällen rund um Fussballspiele, wenn die ersten verpixelten Fotografien und Handyvideos auf den einschlägig bekannten Online-Portalen aufgeschaltet werden, sind sie auch schon da: Die tastaturschwingenden, kuscheljustizhassenden Wutbürger mit Internetzugang und Mitteilungsbedürfnis.
Mit unablässigem Eifer, einer kaum zu übertreffenden Sachkenntnis und einem Demokratieverständnis, das sogar Erdoğan mit stolz erfüllen würde, wird in die Tasten gehauen, so, dass sämtliche Bindestrich-Journalisten vor Neid erblassen, weil ihre eigenen Wortkreationen («Pyro-Trottel» etc.) geradezu einfallslos erscheinen.
SENF hat nach eingehendem Studium der Kommentarspalten der Schweizer Boulevardpresse die häufigsten fünf Formen des Fussball-Wutbürgertums typologisiert:
Der Nostalgiker
Diese Spezies ist ziemlich leicht zu erkennen und gehört mitunter zu den harmloseren digitalen Zeitgenossen. Seine Beiträge beginnen in der Regel mit der Formulierung «Früher, als…», um danach den Ist-Zustand zu kritisieren und den eigenen Beitrag mit dem Verweis zu beenden, dass damals noch alles besser gewesen sei und man diese Probleme nicht gehabt hätte.
Dem Nostalgiker spielt es dabei keine Rolle, wie es in der Vergangenheit effektiv war oder ob ihm sein Gedächtnis eventuell einen Streich spielt. Das Einzige, was für ihn zählt, ist, dass es nicht so ist, wie er es gerne hätte, und er am liebsten schnellstmöglich zurück in die guten alten Zeiten möchte, wo das Wünschen noch geholfen hat.
Der Insider
Der (vermeintliche) Insider gehört zu den mühsameren Zeitgenossen, dies weil er nicht müde wird, sein angesammeltes Halbwissen der Allgemeinheit kundzutun und damit den Besserwisser vom Dienst markiert. Der Insider tarnt seine Beiträge durch eine fachmännische Ausdruckweise sowie eine kaum erreichte Versiertheit in der Darlegung seiner «Wahrheit».
Dass er seine Informationen vom Kollegen eines Kollegen hat, der die ganze Begebenheit haargenau im Fernsehen gesehen hat (HDTV sei Dank!) und sein Fachwissen auf der wiederholten Rezeption verschiedenster Youtube-Videos beruht, spielt dabei keine Rolle – schliesslich kann man in den Weiten des Internets sein, wer immer man will!
Der Problemlöser
Er ist wahrlich kein Freund der grossen Worte. Der Problemlöser würde viel lieber Taten statt Worte sprechen lassen und dem ganzen Treiben so im Nu Einhalt gebieten. Ihn erkennt man an seinem Hang zu blindem Aktionismus und der Forderung, dass die Politiker doch endlich Massnahmen ergreifen müssten.
Was dabei genau gemacht werden soll, ist ihm ziemlich egal. Hauptsache es wird gehandelt. Dem weitverbreiteten Typus des Problemlösers hat die Schweiz solch ruhmreiche Errungenschaften wie das Hooligan-Konkordat oder die Frisur Alain Sutters zu verdanken.
Der Realitätsfremde
Dieser Typus besticht durch seine verzerrte Wahrnehmung der Realität und die damit zusammenhängenden fragwürdigen Aussagen zur jeweils aktuellen Problemlage. Das eigene Weltbild wird dabei solange zurechtgebogen, bis die Erde endlich wieder eine Scheibe ist und der Grasshopperclub Zürich nicht mehr im Stimmungsmoloch Letzigrund spielt.
Es spielt dabei keine Rolle, wie realitätsfremd und unwahrscheinlich die eigene Meinung ist. Schliesslich ist es dank Google & Co. jederzeit möglich, ein Gegenargument anzuführen und das eigene Weltbild damit zu festigen.
Die schweigende Mehrheit
Dazu gehörst hoffentlich auch du, liebe/r LeserIn: Du hast dich aufgrund des reisserischen Titels zwar zu einem Klick verführen lassen und den Artikel mehr oder weniger interessiert gelesen (hoffentlich). Deine Interaktion mit dem jeweiligen Vorkommnis beschränkt sich jedoch auf die persönliche Meinungsbildung und einen eventuellen Austausch mit deinen Freunden im realen Leben.
Dies nicht zuletzt, da dir bewusst ist, dass man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was in den Medien geschrieben steht. Und weil hinter dem tastaturschwingenden Wutbürger möglicherweise lediglich ein gelangweilter SENF-Autor steckt.
Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.