, 15. April 2016
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Die Rache der Wutbürger

Von ungeniessbaren Bratwürsten über Leichtbier bis zu übermotivierten Sicherheitskräften bleibt einem im Stadion beinahe nichts erspart. In den Kommentarspalten der Boulevardpresse geht es zuweilen aber noch viel schlimmer zu und her. SENF hat das digitale Fussball-Wutbürgertum analysiert und eine Typologie erstellt.

SENF mit Erkenntnissen aus einem noch jungen Forschungsgebiet (Bild: bitsocialmedia.com)

Fussball weckt Emotionen. Diese können nicht nur im Umfeld von Fussballspielen überborden, sondern genauso gut auch zuhause vor dem Computer. Kurz nach Vorfällen rund um Fussballspiele, wenn die ersten verpixelten Fotografien und Handyvideos auf den einschlägig bekannten Online-Portalen aufgeschaltet werden, sind sie auch schon da: Die tastaturschwingenden, kuscheljustizhassenden Wutbürger mit Internetzugang und Mitteilungsbedürfnis.

Mit unablässigem Eifer, einer kaum zu übertreffenden Sachkenntnis und einem Demokratieverständnis, das sogar Erdoğan mit stolz erfüllen würde, wird in die Tasten gehauen, so, dass sämtliche Bindestrich-Journalisten vor Neid erblassen, weil ihre eigenen Wortkreationen («Pyro-Trottel» etc.) geradezu einfallslos erscheinen.

SENF hat nach eingehendem Studium der Kommentarspalten der Schweizer Boulevardpresse die häufigsten fünf Formen des Fussball-Wutbürgertums typologisiert:

Der Nostalgiker

Diese Spezies ist ziemlich leicht zu erkennen und gehört mitunter zu den harmloseren digitalen Zeitgenossen. Seine Beiträge beginnen in der Regel mit der Formulierung «Früher, als…», um danach den Ist-Zustand zu kritisieren und den eigenen Beitrag mit dem Verweis zu beenden, dass damals noch alles besser gewesen sei und man diese Probleme nicht gehabt hätte.

Dem Nostalgiker spielt es dabei keine Rolle, wie es in der Vergangenheit effektiv war oder ob ihm sein Gedächtnis eventuell einen Streich spielt. Das Einzige, was für ihn zählt, ist, dass es nicht so ist, wie er es gerne hätte, und er am liebsten schnellstmöglich zurück in die guten alten Zeiten möchte, wo das Wünschen noch geholfen hat.

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Der Insider

Der (vermeintliche) Insider gehört zu den mühsameren Zeitgenossen, dies weil er nicht müde wird, sein angesammeltes Halbwissen der Allgemeinheit kundzutun und damit den Besserwisser vom Dienst markiert. Der Insider tarnt seine Beiträge durch eine fachmännische Ausdruckweise sowie eine kaum erreichte Versiertheit in der Darlegung seiner «Wahrheit».

Dass er seine Informationen vom Kollegen eines Kollegen hat, der die ganze Begebenheit haargenau im Fernsehen gesehen hat (HDTV sei Dank!) und sein Fachwissen auf der wiederholten Rezeption verschiedenster Youtube-Videos beruht, spielt dabei keine Rolle – schliesslich kann man in den Weiten des Internets sein, wer immer man will!

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Der Problemlöser

Er ist wahrlich kein Freund der grossen Worte. Der Problemlöser würde viel lieber Taten statt Worte sprechen lassen und dem ganzen Treiben so im Nu Einhalt gebieten. Ihn erkennt man an seinem Hang zu blindem Aktionismus und der Forderung, dass die Politiker doch endlich Massnahmen ergreifen müssten.

Was dabei genau gemacht werden soll, ist ihm ziemlich egal. Hauptsache es wird gehandelt. Dem weitverbreiteten Typus des Problemlösers hat die Schweiz solch ruhmreiche Errungenschaften wie das Hooligan-Konkordat oder die Frisur Alain Sutters zu verdanken.

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Der Realitätsfremde

Dieser Typus besticht durch seine verzerrte Wahrnehmung der Realität und die damit zusammenhängenden fragwürdigen Aussagen zur jeweils aktuellen Problemlage. Das eigene Weltbild wird dabei solange zurechtgebogen, bis die Erde endlich wieder eine Scheibe ist und der Grasshopperclub Zürich nicht mehr im Stimmungsmoloch Letzigrund spielt.

Es spielt dabei keine Rolle, wie realitätsfremd und unwahrscheinlich die eigene Meinung ist. Schliesslich ist es dank Google & Co. jederzeit möglich, ein Gegenargument anzuführen und das eigene Weltbild damit zu festigen.

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Die schweigende Mehrheit

Dazu gehörst hoffentlich auch du, liebe/r LeserIn: Du hast dich aufgrund des reisserischen Titels zwar zu einem Klick verführen lassen und den Artikel mehr oder weniger interessiert gelesen (hoffentlich). Deine Interaktion mit dem jeweiligen Vorkommnis beschränkt sich jedoch auf die persönliche Meinungsbildung und einen eventuellen Austausch mit deinen Freunden im realen Leben.

Dies nicht zuletzt, da dir bewusst ist, dass man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was in den Medien geschrieben steht. Und weil hinter dem tastaturschwingenden Wutbürger möglicherweise lediglich ein gelangweilter SENF-Autor steckt.

 

Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

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