Esther Burkhardt hat sich rar gemacht. Interviews gibt die heute 78-Jährige praktisch keine mehr, und öffentlich tritt sie auch nur noch selten auf. Sie sagt: Im Buch Zürich 68 (erschienen 2008) habe sie eigentlich alles gesagt, was es zu dieser Zeit zu sagen gebe.
Esther Burkhardt nahm 1968 als junge Frau aktiv am politischen Aufbruch teil. Sie war Mitbegründerin der Fortschrittlichen Studentenschaft Zürich, engagierte sich in der Frauenbefreiungsbewegung FBB und lancierte zusammen mit anderen den Verein Experimentierkindergarten Zürich. Sie lebte lange Zeit mit ihrer Familie in Wohngemeinschaften auf dem Land. Die Zürcher Historikerin ist eine exemplarische 68erin.
Gegen feudale Strukturen: Esther Burkhardt am Samstag im Frauenarchiv.
Für das Archiv der Ostschweizer Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte in St.Gallen machte sie am Samstagabend eine Ausnahme und nahm zusammen mit dem emeritierten Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder an einem Gespräch über die 68er-Bewegung teil. Ein Glücksfall. Denn: Esther Burkhardt weiss viel zu erzählen – und hat noch viel zu sagen. Obwohl sie, wie sie selber eingestand, langsam etwas müde sei.
Gegen die rigide Sexualmoral
Esther Burkhardt wuchs im damaligen Arbeiterquartier in Zürich-Wiedikon auf und wurde schon als 13-jähriges Mädchen durch ihre Patin – «eine absolute Frauenstimmrechtlerin» – politisiert. «Ich habe früh gemerkt, dass da eine grosse Ungerechtigkeit herrscht.» Dies sei auch die Motivation für ihren Aktivismus gewesen. Die junge Frau rebellierte gegen die streng gläubigen Eltern und die rigide Sexualmoral.
An der Uni – sie studierte Geschichte und Germanistik in Zürich – demonstrierte sie gegen die «feudalen Strukturen der Universität» und internationale Brennpunkte wie den Vietnamkrieg, protestierte gegen die Unterdrückung der Frauen, die autoritäre Erziehung und das konservative Leben.
Anfang der 1970er Jahren kaufte sie zusammen mit ihrem Mann Emilio Modena ein grosses Haus auf dem Land, nahe der Stadt Zürich. Dort wohnten sie mit ihren beiden Kindern – ein Mädchen und ein Bub – sowie zwei weiteren Familien und deren Kindern während mehreren Jahren in einer Wohngemeinschaft. «Es gab eine Hausordnung und alle 14 Tage eine Sitzung, an der wir festlegten, wer wann zuhause auf die Kinder aufpasst», erzählt Esther Burkhardt. Es funktionierte, «die Kinder waren wie Geschwister, und die Küche war auch immer picobello aufgeräumt».
Heute lebt sie alleine in einer Wohnung in einer kleinen Zürcher Gemeinde auf dem Land. Sie engagiert sich immer noch, wenn auch nicht mehr so stark wie früher – altershalber, wie sie sagt. Esther Burkhardt ist Mitglied der lokalen SP, hat den Verein Forum für Kinder- und Jugendpolitik gegründet und wirkt an der Aufarbeitung der Geschichte ihres Dorfes mit.
«Die Lust, selber zu denken, wurde geweckt»
Was aber ist geblieben von der 68er-Bewegung? Diese Frage ist 2018, 50 Jahre danach, zigfach diskutiert worden. Ueli Mäder hat sie auch gestellt, und zwar zahlreichen Zeitzeugen. Im Buch 68 – was bleibt? hat der Soziologe die Erfahrungen und Wahrnehmungen seiner Generation zusammengetragen.
Viele wichtige Impulse: Ueli Mäder im Gespräch.
Wie würde er, der als Militärdienstverweigerer, Gründungsmitglied der POCH und Demonstrant gegen Krieg, Diktaturen und Despoten ebenfalls aktiv an der Bewegung mitmachte, seine Frage beantworten? «Dank dieser Zeit haben wir heute andere gesellschaftliche Verhältnisse», sagt der 67-Jährige. «Viele wichtige Impulse wurden gegeben. Es wurde die Lust geweckt, selber zu denken und zu enttabuisieren.» Vieles scheine heute selbstverständlich, was damals erkämpft werden musste. «Die Beziehungen der Geschlechter beispielsweise haben sich demokratisiert und egalisiert.»
Die Politik durchgerüttelt
Für Esther Burkhardt war die damalige Frauenbewegung eine der «subversivsten Bewegungen» der Geschichte. «Mit unseren Forderungen nach mehr Mitspracherecht und freier Sexualität haben wir die Gesellschaft und die Politik durchgerüttelt.» Viele Tabus wurden aufgebrochen, wie etwa, Kinder zu kriegen ohne verheiratet zu sein. «Es freut mich auch zu sehen, dass viele junge Väter heute ihre Verpflichtungen innerhalb der Familie ohne Wenn und Aber wahrnehmen.»
Trotzdem gebe es noch viel zu tun: «Die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männer bleibt ein grosses Problem, ebenso die immer noch schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie.» Ihrer Meinung nach müsste die Teilzeitarbeit institutionalisiert werden. «Auch mit weniger Arbeit sollte genug Geld verdient werden, um leben zu können.» Ideen hat sie, doch kämpfen mag Esther Burkhardt jetzt, mit 78 Jahren, nicht mehr. Das wolle sie den Jungen überlassen. Manchmal allerdings sei sie schon etwas enttäuscht, wenn die jungen Leute heute nicht mehr so viel Leidenschaft und Engagement zeigten, wie ihre Generation damals.
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