, 29. November 2019
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Die Revolution ist kein Tsunami

Die Schweizer Journalistin Marguerite Meyerist seit September im Libanon. Und geriet unerwartet mitten in eine Revolution. Ein paar persönliche Gedanken aus Beirut.

Die Proteste haben auch viele unpolitische junge Leute politisiert. (Bilder: Alhasan Yousef)

So ist das also, in einer Revolution. Ich sitze in Beirut auf dem Balkon, es ist November. Die Sonne scheint, es hat 24 Grad. Ich baumle im Hängesessel, das Kätzchen streicht mir Liebe suchend um die Beine. Meine Mitbewohnerin hat sie halb verhungert beim Hafen gefunden, da war sie sechs Wochen alt. Seither päppeln wir sie auf. Wir haben sie passenderweise «Fluka» getauft, kleines Boot auf Arabisch.

Fluka gibt der ganzen WG im Laufe der ersten Wochen einen Hautausschlag, weil sie ständig in unseren Betten schläft. Das nehmen wir gerne in Kauf, zu herzig ist sie. Nun miaut sie zu meinen Füssen, während ich diese Zeilen tippe. Versteht sie, dass ich sie bald werde verlassen müssen?

Unter meinem Balkon die Geräusche der kleinen Werkstatt, in der Waschmaschinen repariert werden. Von weiter weg das ewige Hupen der stets zu vielen Autos, an deren halsbrecherischen Strom ich mich gewöhnt habe. Strassen überquert man hier am besten im Tetris-System: Zwischen den Autos hindurchschlängeln – und dabei ein bisschen beten, dass nicht ein Töff aus der Gegenrichtung dahergesaust kommt.

Die Nachbarin hängt Weihnachtsdekorationen auf. Die Luft ist voll von Abgasen und dem Geruch von Herbst und Müll; auch daran habe ich mich gewöhnt. Das WLAN lahmt wieder. Mein Mitbewohner bringt mir ein halbes Sandwich, dann wendet er sich wieder der Playstation zu.

Swipe right for «thawra»

Ich dachte irgendwie immer, Revolutionen seien steter Aufruhr. Als brächen sie wie Tsunamis über Orte herein. Gut, ich hatte keine Ahnung. Die Revolution hier besteht aus vielen Menschen und aus vielen Momenten des Wartens.

Manchmal tröpfeln die Augenblicke vor sich hin. Zwischendrin ein Blick auf Twitter: Was passiert in Tripoli? Wurde die eine Strassenblockade geräumt? Öffnen die Banken morgen nach Wochen wieder? Streiken die Tankstellen immer noch? Was ist das neueste Revolutions-Meme?

Und dann wieder: Proteste, Tanzen, Strassenblockaden, Diskussionen, Gesänge. Blitzen gleich, die in einer Gewitternacht aufflackern, um sich dann wieder zu legen; im Hintergrund stets ein leises Grollen, das sagt: Wir sind hier und wir gehen nicht weg.

Die Revolution bedeutet hier: Ausbruch aus der Lähmung.

Die Revolution vergessen, das geht nicht. Nicht im Gespräch mit Freund*innen, nicht am Nachbartisch im Café, nicht an der Kasse im Laden. Nicht mal auf Tinder, von dem ich mir erhofft hatte, ein paar gedankenlose Momente auf der Kloschüssel zu verbringen. Das war illusorisch; swipe right for «thawra».

Den neutralen Blick gibt es nicht

Normalerweise trage ich Kontaktlinsen. In meinen Monaten hier wird mir meine Brille bewusst, die ich nie ablege. Es gibt keinen neutralen Blick. Aber ich trage keine Schwezer Brille, merke ich erstaunt. Sie ist europisch durch und durch.

«Wie, die Schweiz ist nicht in der EU?», fragt ein Freund erstaunt. Sein Unwissen befremdet mich nicht mehr als die Fragen von Schweizer Freund*innen vor meiner Abreise: Gibt es da Kamele? (Nein.) Musst du da Kopftuch tragen? (Nein.) Gibt es da Alkohol? (Ja, in rauen Mengen.) Die Ratio versagt, wenn es um Annahmen und vages Wissen geht.

Ich fühle mich hier überraschend heimisch, weil Beirut etwas in mir hervorbringt, was in der Schweiz sonst leicht verschämt schlummert. Hier darf ich laut sein, hier darf ich übermässig hilfsbereit sein, hier darf ich jemandem mehrmals hintereinander Kaffee anbieten, ohne dass das befremdet. Mare Nos- trum, sagt eine italienische Freundin: «Das ist das Mittelmeer in dir.»

Und ich fühle mich wahnsinnig fremd, weil ich jeden Tag meine Komfortzone verlassen muss. Weil es mich rasend macht, dass meine Freund*innen nie pünktlich zu Verabredungen erscheinen. Weil mich Menschen manchmal auf Arabisch ansprechen, wenn sie denken, ich sei von hier – und ich, die sich normalerweise in der Sprache zuhause wähnt, plötzlich anstehe und mich händeringend unverstanden fühle.

«Ich stecke hier fest»

Es gibt um die Ecke meiner Wohnung eine grosse Treppe, die in ein höhergelegtes Quartier führt. Sie ist so steil, dass ich aus der Puste bin, als ich im kleinen Lokal ankomme, das auf der Treppe sitzt wie ein Vogelnest. Hier treffe ich eines Abends M., den Freund eines syrischen Freundes. Beirut ist so klein, dass man immer jemanden trifft, der jemanden kennt, den man kennt.

M. ist Anfang 20, studiert Film, trägt ein flatterndes Hemd und Schlaghosen. Wir kommen leicht ins Gespräch, er ist witzig und schlau und nicht auf den Mund gefallen. «Ich lebe in Schatila», sagt er, und ich lächle unbeholfen.

Ich hasse es, dass ich nicht genau weiss, wie reagieren. Schatila ist ein palästinensisches Flüchtlingscamp in Beirut. Hier leben Vertriebene seit drei Generationen, fernab der Behörden und unter teilweise desolaten Bedingungen. M. hat keinen Pass, der libanesische Staat bürgert Palästinenser*innen nicht ein. Zudem sind sie von gewissen Berufen ausgeschlossen.

Er sagt Dinge, mit denen ich nicht umzugehen weiss. Was macht das mit mir, wenn jemand sagt, er sei Atheist und unterstütze den bewaffneten Kampf gegen Israel? Ich frage, ob er noch Verwandte in Palästina habe. Er sagt, wer blieb, wurde ermordet. Seine Grosseltern flüchteten. Über die Proteste im Libanon sagt er: «Das ist nicht meine Revolution. Ich stecke hier nur fest, für immer.»

Von Arak und Tattoos

Wir nippen an einem Arak und knabbern Nüsschen. «Das Gute an meiner Situation ist: Ich bin wirklich frei», schmunzelt er. «Ich bin auf mich und meine Gedanken zurückgeworfen. Das ist alles, was ich habe. Das ist viel.»

Kürzlich bekam er ein Kurz-Stipendium nach Europa: «Meine Geschichte, die des armen Palästinenserjungen aus Schatila, lässt sich da gut verkaufen. Die Leute lieben solche Geschichten.» Und mir ist bewusst, dass ich genau das mit diesem Text tue: seine Geschichte benutzen.

Was sind die äusseren Umstände, die uns zu dem Menschen machen, der wir sind? M. und ich bleiben lange sitzen, und finden plötzlich eine Gemeinsamkeit, als er mein Tattoo entdeckt. Eine Songzeile von Leonard Cohen. «Ich will ihn eigentlich nicht mögen, weil er Israel unterstützt hat. Aber seine Poesie ist zu gut», lächelt er. Wir unterhalten uns über Cohen und über den palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish. Und über die inneren Widersprüche, die wir alle mit uns tragen.

Wie weit geht Solidarität?

Zurück zur Revolution: Mich nerven die Tourist*innen, die sorglos schnatternd in den Bars sitzen. Ich verstehe sie, denn die Gin Basils hier sind wirklich gut. Mich nerven die Westler*innen, die mit leuchtenden Augen und schwingender libanesischer Flagge einen auf Revolutionstourismus machen. Ich verstehe sie, denn es ist schwierig, sich nicht mitreissen zu lassen von der pausenlosen und auch positiven Energie.

Ich muss mich immer wieder selbst am Nacken packen: Du bist hier Journalistin. Deine Rolle ist das Berichten. Das ist nicht meine Revolution. Ein schmerzhafter Gedanke, inmitten von Menschen, die brennen für etwas, in das sie so viel Hoffnung setzen. Wer nur annähernd etwas weiss darüber, wie gross die Korruption der Polit-Elite ist, wie ungleich die Ellen sind, wie gross die Verzweiflung und die Wut sind, kann gar nicht anders als Sympathie zu hegen.

Der Grundtenor lautet: Aufräumen mit der Korruption.

Wie weit darf Solidarität gehen mit Menschen, die einem nahe sind? Wie unterstütze ich einen Freund, der gerade vom Tränengas die Strasse hochgejagt wurde? Wo hört Journalismus auf und wo beginnt Aktivismus? Darf ich auf der Demo anfangen zu tanzen, wenn die Musik richtig gut ist? (Und die Musik an den Protesten ist meist äusserst eingängig.)

Es sind keine einfachen Fragen, aber ich finde sie wichtig. Ich besinne mich darauf, dass ich in der Schweiz, in Europa erzählen will, was passiert. Das hilft mit dem Herauszoomen, mit dem Analysieren. Ich beschliesse, dass mir das alles nahe gehen darf und ich trotzdem meinen Job gut machen kann. Im besten Fall hilft mir mein eigenes Gefühl, das Geschehen besser zu verstehen. Ich liebe es, dass ich zu verstehen versuchen darf.

Galgenhumor gegen die Ungewissheit

«Bist du bereit?», fragt mein Mitbewohner. Die WG will einen Ausflug in sein elterliches Dorf machen – seine Mutter kocht Znacht. Ich wurde hier von Anfang an mit eingeschlossen.

Ich denke an Zürich, wo die Leute auf der Strasse kaum miteinander sprechen. Andererseits ist es hier manchmal schwierig, die Zeit und den Raum für sich alleine einzufordern. Aber heute habe ich Lust auf ein gemütliches Abendessen in einer Runde, von der niemand genau weiss, wie gross sie wird. Wir fahren zwei Stunden später ab als geplant. «Wir kommen morgen zurück», versichert mir der Cousin meines Mitbewohners. Falls die Strasse offen ist.

Es ist lustig: Ausgerechnet hier lerne ich – mitten in einer Revolution – Geduld. Und Galgenhumor, viel davon. Es ist die einzige Art und Weise, mit einer täglichen Ungewissheit umzugehen, ohne dass sie einen auffrisst. Mir ist durchaus bewusst: Meine Ungewissheit ist nicht die gleiche wie die Ungewissheit der Menschen hier. Ich werde irgendwann in die Schweiz zurückfliegen – falls die Airport Road an jenem Tag nicht blockiert ist, Inshallah.

Bis dahin werde ich mit meinem syrischen Freund jeweils abends im Lokal auf der Treppe bei einem Glas Arak Schach spielen; er wird jedes Mal haushoch gewinnen, weil ich heillos aus der Übung bin. Wir verabreden uns zum Spielen: «Morgen?», fragt er. «Wenn du die Geduld für mich als lahme Gegnerin aufbringst», erwidere ich. Er lacht: «Habibti, ich habe sieben Jahre gewartet, bis ich endlich Syrien verlassen konnte. Mit dem Warten auf deinen nächsten Schachzug komme ich schon klar.»

Marguerite Meyer, 1985, ist Journalistin und Autorin in Zürich. Alhasan Yousef, 1991, ist Filmemacher und Fotograf in Beirut. Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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