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Die Schubladen füllen

Nachdenklich, selbstkritisch und auch ein bisschen lustig: die «soirée littéraire» mit Anna Rosenwasser und Sascha Rijkeboer am Montag in der Hauptpost St.Gallen.
Von  Corinne Riedener
Anna Rosenwasser, Rahel Fenini (Moderation) und Sascha Rijkeboer.

Filme, Diskussionen, gemeinsames Tanzen und ein Workshop: Auch dieses Jahr wird der Pride Month @ HSG, mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert. Angestossen wurde er 2020 von der Gruppe Unigay. Das Ziel: Aufmerksamkeit für LGBTQ+-Themen und Sichtbarkeit für queere Studierende und Mitarbeitende schaffen.

Am Montagabend, pünktlich zum Internationalen Coming Out Day jeweils am 11. Oktober, spannten die universitären Aktivist:innen mit dem kantonalen Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung (KIG) zusammen und luden zur queeren «soirée littéraire» in die St.Galler Hauptpost.

Das KIG veranstaltet seit 2019 die «Gender Matters»-Reihe, sie will Räume öffnen für Genderdebatten und Gleichstellungsfragen. Dragqueens, Sexismus im Nachtleben, Feminismus im Netz, Frauen*streik oder sprachliche Gleichstellung: Es wurde schon allerhand diskutiert. Und kürzlich wurde im Rahmen dieses Formats der sehenswerte Dokfilm Sous la Peau gezeigt.

Büsis, Hasen und Küssli

An der «Gender Matters»-Spezialedition am Montag sind Anna Rosenwasser und Sascha Rijkeboer zu Gast. Anna Rosenwasser war schon bei der ersten Ausgabe des Pride Months dabei. Sie lebt in Zürich, ist LGBT+-Aktivistin und freie Journalistin, unter anderem schreibt sie für Saiten die «Nebenbei gay»-Kolumne. Bis 2020 war sie für die Lesbenorganisation LOS tätig. Und sie mag Katzen.

Pride Month @ HSG:

12.10., 19:30 Uhr: Filmabend & Thementalk, Palace St.Gallen

13.10., 18:30 Uhr, Q(ueer)&A, theSTAGE

19.10., 19 Uhr: Ecstatic Dance, Offene Kirche

21.10., 18:30 Uhr: Podiumsdiskussion, Senatsraum 09-011 (HSG)

26.10., 16:30 Uhr, Allyship Workshop, tba

27.10., 20 Uhr, Afterparty, Grabenhalle St.Gallen

pridemonth.ch

Sascha Rijkeboer lebt in Basel, leistet queer-feministische Basisarbeit auf Instagram und klärt Leute auf. Sascha schreibt ebenfalls Kolumnen, unter anderem im Berliner «Missy Magazine», und macht Spoken Word. Es gibt einen eindrücklichen Film über Sascha: Beeing Sascha. Und Sascha mag Hasen.

Die Texte, die die zwei mitbringen, sind alles andere als humorlose Tiraden, verkennen aber nie den Ernst der Lage. Im Publikum wird viel gelacht. Anna Rosenwasser erklärt unter anderem, warum sie manchmal auf die Regenbogenflagge körbeln könnte. Und warum sie ganz froh ist, dass ihr Bruder nicht wissen will, was sie mit ihrer Partnerin im Schlafzimmer macht. Wichtig ist, was passiert, wenn sie das Schlafzimmer verlässt. Ebenfalls amüsant und ebenso lohnend: ihre Überlegungen zum ironischen Wangenküssen unter Männern, insbesondere in der Metal-Szene.

Sascha Rijkeboers Texte spielen gern mit eigenen und fremden Schubladen. Sascha wächst ein Schnauz, Sascha will einen «skinny muscular body» und die Vibrationen einer tiefen Stimme im Brustkorb spüren – und in jedem Moment brechen mit den starren Männerbildern. Und Sascha lernt Nicole, 28, Szenografin kennen und fragt sich: Wie sage ich ihr, dass ich trans non-binary bin? Am Schluss gibts sogar noch einen BJ mit Heinz. Auch das eine Geschichte, die verdeutlicht, wie internalisiert die eigenen Vorurteile manchmal sein können.

«Sich solidarisieren, auch wenn es kein Guetzli dafür gibt»

Der Umgang mit bestimmten Annahmen, mit eigenen und fremden Vorurteilen, zieht sich wie ein Regenbogen durch den Abend, auch in den Zwischengesprächen, moderiert von Rahel Fenini vom KIG. Es betrifft die Dominanzgesellschaft, die queere Menschen immer noch als «exotisch» oder «andersartig» ansieht, es betrifft aber auch die LGBT+-Community, die manchmal selber gerne schubladisiert. Zum Beispiel wenn Menschen erst als queer gelesen werden, wenn sie in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sind.

Anna Rosenwasser sagt es treffend, als Rahel Fenini zum Ende hin fragt, was nicht-betroffene Allies tun können: «weiterbilden, sich informieren – auch wenn man sehr offen ist und das Gefühl hat, schon alles über ein Thema zu wissen. Das gilt auch für mich selbst. Und manchmal auch einfach ruhig sein, wenn mich ein Thema nicht betrifft. Und sich solidarisieren, auch wenn es kein Guetzli dafür gibt.»

Also: die Vorurteile ausräumen und die Schubladen mit Wissen füllen. Dass das nicht nur eigenverantwortlich, sondern unbedingt auch systematisch – insbesondere durch Aufklärung an den Schulen – geschehen muss, darin sind sich letztlich alle einig.

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