«Hier muss man echt aufpassen, dass man nicht in Eingeweideteile, Gehirnmatsch oder auf sonstige Bodyparts tritt. Meine Schuhe sind schon ganz aufgeweicht. Man sagt, eine der Kohlrouladen, die hier rumliegen, ist Hariri. Jedenfalls wurde sein schicker Mercedes mit samt seinem ganzen Konvoi weggeblasen, wenn du verstehst, was ich meine.»
Mit diesen Worten meldet sich Fotograf Olaf am Mittag des 14. Februars 2005 bei Klaus Steinbacher, einem deutschen Korrespondenten in Beirut – woraufhin sich dieser auf den Weg zum Ort des Geschehens und später auch an dessen Aufklärung macht.
Es ist eine der Schlüsselstellen in Alfred Hackensbergers 2014 erschienenem Thriller Letzte Tage in Beirut, aus dem er am vergangenen Montagabend im Kult-Bau St.Gallen gelesen hat: das Bombenattentat auf den libanesischen Ex-Premierminister Rafiq al-Hariri. Dabei stirbt auch Steinbachers Frau – im Buch. In der Realität wurden bei diesem Anschlag auf der Corniche im Zentrum Beiruts nebst Hariri noch weitere 22 Menschen getötet und über 100 verletzt.
Stoff für Verschwörungstheorien
«Es ist eine Fiktion, die auf der minutiösen Rekonstruktion tatsächlicher Ereignisse basiert», sagt Hackensberger auf die Frage aus dem Publikum, wie hoch denn der Wahrheitsgehalt seines Thrillers sei. «Die genauen Umstände des Attentats sind unklar und die Drahtzieher wurden bis heute nicht gefunden – trotz UN-Untersuchung. Das bietet natürlich Stoff für Verschwörungstheorien, solche Mysterien versucht man dann halt mit einem Buch aufzuarbeiten.»
Dieser Stoff kommt nicht von ungefähr: Alfred Hackensberger, heute in Marokko zu Hause, hat früher selber in Beirut gelebt – unter anderem – und verdient sein Geld, wie auch der Hauptprotagonist in seinem Buch, seit langem als Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Kurz vor seinem Besuch in der Schweiz war der gebürtige Münchner noch auf Recherche in Syrien und im Irak. Kein Wunder also, interessiert man sich im Kult-Bau vor allem für Hackensberger selber und weniger für sein Buch.
«Krieg ist nunmal so»
Wie man denn in einem tödlichen Umfeld seine Menschlichkeit bewahren kann, will jemand wissen. Hackensberger, offensichtlich mit einigen Wassern gewaschen, antwortet entsprechend abgebrüht: «Man muss relativieren: Verglichen mit dem Vietnamkrieg oder anderen Konflikten, etwa in Afrika, ist das, was in Syrien passiert, weniger grausam.» Natürlich müsse man sich distanzieren, aber Krieg sei nunmal so. Und gerade deshalb mache er ja seinen Job: «Um dort hinzugehen, wo andere nicht hingehen, um die verschiedenen Seiten zu zeigen, um aufzuklären und die Verantwortlichen zu finden».
Zentral auch die Frage nach seinem eigenen Verhältnis zum Islam – worüber er kürzlich auch einen Saiten-Artikel geschrieben hat. Hackensberger sagt, er stehe dem Islam nach wie vor positiv gegenüber, jedoch habe er seine Meinung über sogenannt gemässigte Staatsmänner wie etwa Erdoğan in der Türkei oder Morsi in Ägypten mittlerweile geändert: «Die Moderaten sind nicht moderat, nur weil sie keine Köpfe abschneiden. Sie halten sich einfach zurück. In Wirklichkeit wollen sie aber alle dasselbe: den Islamischen Staat verwirklichen.»
Spitäler und Safe Houses für IS-Kämpfer
Sein grösster Vorwurf: dass die vermeintlich moderaten Kräfte nichts gegen die IS-Extremisten tun. «Alles wird toleriert und verharmlost», kritisiert Hackensberger. «Die Türkei zum Beispiel ist eine der Hauptverantwortlichen für den Aufstieg des Islamischen Staates. Weil sie Safe Houses für Dschihadisten betreibt, weil sie IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern aufnimmt und sie unter den Augen des Geheimdienstes über die Grenze nach Syrien weiterziehen lässt.»
«Mit Idealen kommt man in diesen Gebieten nicht weit», konstatiert Hackensberger, «mit Menschenrechten sowieso nicht». Doch der IS sei auch eine «irrsinnig überschätzte und fragile Macht», da er kaum irgendwo auf bewaffneten Widerstand gestossen sei. «Bisher konnte er überall einfach einmarschieren. Früher oder später wird die IS-Seifenblase deshalb platzen», davon ist der Journalist überzeugt, «aber das Problem ist wohl dennoch nur mit Waffengewalt zu lösen».
Geht es nach ihm, hat der Krieg gegen den IS noch gar nicht richtig begonnen: «Man könnte ihn vermutlich innert drei Tagen zusammenbomben, aber der Westen liefert leider nur das Nötigste an Waffen – genug, um zu kämpfen, aber zu wenig, um zu gewinnen. Es ist eine riesige Ökonomie, die hinter solch einem Krieg steckt.»
Bücher von Alfred Hackensberger:
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