Was da an der Wand hängt, muss erst einmal gedeutet sein. Schmale Kartonstreifen, schräg zugeschnitten, mit Bleistift datiert und mit einer Zeitachse versehen. In der Mitte längs: unregelmässige, am Rand leicht angeschwärzte Lochstreifen, manchmal kräftig, manchmal kaum sichtbar oder gar nicht vorhanden.
Die Lochung unterscheidet die sonst identischen Kartons. Am 25. 3. 1978 ist nur eine spärliche Spur zusehen, am 29. 3. zieht sich ein Riss durch den ganzen Tag. Mehrere hundert Streifen hängen an den Wänden, akkurat übereinander angeordnet. Die Daten: alle Tage im März, über zehn Jahre hinweg von 1976 bis 1985.
Stille Magie
Monika Sennhauser hat die Streifen beschafft und als tapetenartige Wandinstallation angeordnet. Sie stammen vom Sonnenautographen im Botanischen Garten St.Gallen. Die Sonne hat ihre tägliche Spur auf ihnen hinterlassen – scheint sie, dann brennt sie einen Lochstreifen in den Karton. Regnet es, bleibt der Karton heil.
Die «Installation with Sunautograph-measure strips» ist das sinnenfälligste Werk in der Nextex-Ausstellung. Sie hätte, wäre man im März regelmässig zu Gast gewesen, sogar Vergleiche des aktuellen Sonnenstands 2019 mit dem Wetterverlauf der 70er- und 80er-Jahre ermöglicht. Aber auch ohne Klimawandel-Pointe entfalten die unscheinbaren Streifen eine stille Magie und treffen ins Zentrum des Ausstellungsthemas: der Zeit, ihren Wirkungen und ihrer Flüchtigkeit. Die Streifen schlagen der Vergänglichkeit ein Schnippchen.
«Dear Diary»
Zwischen die Streifentapete gestreut sind Tagebuchaufzeichnungen, zumeist in Englisch und ohne Autorennennung, verfasst von den an der Gruppenausstellung beteiligten Kunstschaffenden und weiteren Personen. Jemand schreibt aus dem Zug, jemand erstellt eine Liste der Dinge auf seinem Schreibtisch oder ein Verzeichnis der Lokalitäten, die über die Jahre in New York verschwunden sind, einmal taucht auch ein Traum von Würmern auf.
Im Nebenraum kann man weitere Tagebuchnotizen lesen oder konnte selber welche beisteuern. Hans Schweizer, der mit einer Reihe von kleinformatigen Skizzen und mit einer grossen Flughafen-Perspektive in der Ausstellung stimmungsvoll vertreten ist, teilt einen Tagebucheintrag mit Frankreich-Reminiszenzen mit. Jemand schreibt über die Schwierigkeit des Tagebuchschreibens, «in Echtzeit einen gelungenen Text» zu verfassen.
«7th of March – 4th of April», Finissage: 4. April 19 Uhr mit einer Klangperformance des Kollektivs DAF Nextex St.Gallen
nextex.ch
Jiajia Zhang, die in St.Gallen lebende Kuratorin der Ausstellung, hat ihr Künstler-Netzwerk weit ausgespannt und Arbeiten zusammengefügt, die das Zeit-Thema umkreisen – so auch zwei Hörspuren. Nobutaka Aozaki liest sich dem New Yorker Broadway entlang, Rico Scagliola und Michael Meier rufen die Namen auf den Grabsteinen eines Friedhofs ins Leben zurück. Anderes scheint weniger zwingend. Dan Grahams Horoskop versucht die Architekten Mies van der Rohe und Giuseppe Terragni zu charakterisieren, Barbara Signer hängt einen chinesischen Kalender über eine Wäscheleine, Victor Esther G. schöpft aus Saalblättern in Galerien neues, unbeschriebenes Papier – in solchen Arbeiten läuft Kunst vor lauter Selbstreflexivität ins Leere. Weiter beteiligt sind Quinn Latimer, @fru1t_market, Aaron Scott, Mieko Meguro und Julia Kubik.
Am Donnerstagabend, 4. April, endet die Ausstellung, wie es ihr Titel verkündet: «7th of March – 4th of April». Die Finissage wird vielleicht noch einmal versuchen, die Zeit anzuhalten. Das Künstlerkollektiv DAF (Dynamische Akustische Forschung) beschäftigt sich mit grundlegenden Kriterien des digitalen Kunstschaffens im 21. Jahrhundert und insbesondere mit den Eigenarten des Klangs. Im Nextex soll es um die Schallgeschwindigkeit gehen.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.