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Die Spur der Sonne

Im Ausstellungsraum Nextex im St.Galler Kulturkonsulat ist die Zeit und ihre Vergänglichkeit das Thema. Die internationale Gruppenausstellung kuratiert hat Jiajia Zhang. Im Zentrum: die Sonne als Künstlerin.
Von  Peter Surber

Was da an der Wand hängt, muss erst einmal gedeutet sein. Schmale Kartonstreifen, schräg zugeschnitten, mit Bleistift datiert und mit einer Zeitachse versehen. In der Mitte längs: unregelmässige, am Rand leicht angeschwärzte Lochstreifen, manchmal kräftig, manchmal kaum sichtbar oder gar nicht vorhanden.

Die Lochung unterscheidet die sonst identischen Kartons. Am 25. 3. 1978 ist nur eine spärliche Spur zusehen, am 29. 3. zieht sich ein Riss durch den ganzen Tag. Mehrere hundert Streifen hängen an den Wänden, akkurat übereinander angeordnet. Die Daten: alle Tage im März, über zehn Jahre hinweg von 1976 bis 1985.

Stille Magie

Monika Sennhauser hat die Streifen beschafft und als tapetenartige Wandinstallation angeordnet. Sie stammen vom Sonnenautographen im Botanischen Garten St.Gallen. Die Sonne hat ihre tägliche Spur auf ihnen hinterlassen – scheint sie, dann brennt sie einen Lochstreifen in den Karton. Regnet es, bleibt der Karton heil.

Die «Installation with Sunautograph-measure strips» ist das sinnenfälligste Werk in der Nextex-Ausstellung. Sie hätte, wäre man im März regelmässig zu Gast gewesen, sogar Vergleiche des aktuellen Sonnenstands 2019 mit dem Wetterverlauf der 70er- und 80er-Jahre ermöglicht. Aber auch ohne Klimawandel-Pointe entfalten die unscheinbaren Streifen eine stille Magie und treffen ins Zentrum des Ausstellungsthemas: der Zeit, ihren Wirkungen und ihrer Flüchtigkeit. Die Streifen schlagen der Vergänglichkeit ein Schnippchen.

«Dear Diary»

Zwischen die Streifentapete gestreut sind Tagebuchaufzeichnungen, zumeist in Englisch und ohne Autorennennung, verfasst von den an der Gruppenausstellung beteiligten Kunstschaffenden und weiteren Personen. Jemand schreibt aus dem Zug, jemand erstellt eine Liste der Dinge auf seinem Schreibtisch oder ein Verzeichnis der Lokalitäten, die über die Jahre in New York verschwunden sind, einmal taucht auch ein Traum von Würmern auf.

Im Nebenraum kann man weitere Tagebuchnotizen lesen oder konnte selber welche beisteuern. Hans Schweizer, der mit einer Reihe von kleinformatigen Skizzen und mit einer grossen Flughafen-Perspektive in der Ausstellung stimmungsvoll vertreten ist, teilt einen Tagebucheintrag mit Frankreich-Reminiszenzen mit. Jemand schreibt über die Schwierigkeit des Tagebuchschreibens, «in Echtzeit einen gelungenen Text» zu verfassen.

«7th of March – 4th of April», Finissage: 4. April 19 Uhr mit einer Klangperformance des Kollektivs DAF
Nextex St.Gallen

nextex.ch

Jiajia Zhang, die in St.Gallen lebende Kuratorin der Ausstellung, hat ihr Künstler-Netzwerk weit ausgespannt und Arbeiten zusammengefügt, die das Zeit-Thema umkreisen – so auch zwei Hörspuren. Nobutaka Aozaki liest sich dem New Yorker Broadway entlang, Rico Scagliola und Michael Meier rufen die Namen auf den Grabsteinen eines Friedhofs ins Leben zurück. Anderes scheint weniger zwingend. Dan Grahams Horoskop versucht die Architekten Mies van der Rohe und Giuseppe Terragni zu charakterisieren, Barbara Signer hängt einen chinesischen Kalender über eine Wäscheleine, Victor Esther G. schöpft aus Saalblättern in Galerien neues, unbeschriebenes Papier – in solchen Arbeiten läuft Kunst vor lauter Selbstreflexivität ins Leere. Weiter beteiligt sind Quinn Latimer, @fru1t_market, Aaron Scott, Mieko Meguro und Julia Kubik.

Am Donnerstagabend, 4. April, endet die Ausstellung, wie es ihr Titel verkündet: «7th of March – 4th of April». Die Finissage wird vielleicht noch einmal versuchen, die Zeit anzuhalten. Das Künstlerkollektiv DAF (Dynamische Akustische Forschung) beschäftigt sich mit grundlegenden Kriterien des digitalen Kunstschaffens im 21. Jahrhundert und insbesondere mit den Eigenarten des Klangs. Im Nextex soll es um die Schallgeschwindigkeit gehen.

 

 

 

 

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Heftvorschau 07/08/26
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