Auf dem Mobiliar, den Tischen, Schränken, Lampen kleben blaue Punkte. «Reserviert»: Am Oberen Graben 8, in den Räumen der Stadtredaktion des «Tagblatts», herrscht Kehrausstimmung. Allerdings durchzogen mit Tristesse: Nach 20 Jahren gibt das «Tagblatt» den Standort im Stadtzentrum auf, die Lokalredaktion muss in den neuen Newsroom an der Fürstenlandstrasse 122 zügeln. Am Dienstag nach Ostern ist es soweit.
Am Anschlagbrett im engen Gang der bisherigen Redaktions-«Stube», die ein bisschen noch den altmodischen Groove dieses Worts atmet, hat jemand einen zerknitterten Ausriss aus «20Minuten» aufgehängt:
Survival-Ratgeber am Oberen Graben. (Bild: co)
Er habe sich gegen den Umzug gewehrt, sagt der Leiter der Stadtredaktion, Daniel Wirth – nicht aus Abneigung gegen einen Newsroom, sondern weil eine Lokalredaktion nah beim Stadtgeschehen sein sollte. «Hier liegen die Geschichten auf der Strasse.» Die Geschäftsleitung habe ihn zwar angehört, aber am Entscheid festhalten.
Daniel Wirth, Leiter der Stadtredaktion, und Redaktorin Noemi Heule in den Noch-Arbeitsräumen am Oberen Graben. (Bild: co)
Stefan Schmid, der Chefredaktor «draussen» an der Fürstenlandstrasse, hat Verständnis für die Bedenken und die fehlende Begeisterung der Lokalen, weg aus der Innenstadt und hinaus ins Industriegebiet «zwischen Aldi und Lidl» umziehen zu müssen, aber: «Guter Journalismus steht und fällt nicht mit dem Ort, wo der Laptop steht, sondern mit der Neugier, mit der Diskussionskultur und den Netzwerken der Leute.»
Ausserdem liege das «Tagblatt»-Gebäude nicht im Niemandsland. Sein Image als «Bunker», abseits des wirklichen Lebens, wird das Haus an der Fürstenlandstrasse aber dennoch wohl nie loswerden – auch mit dem neuen Newsroom nicht, davon später.
Die Demontage der «Ostschweiz»
Rückblende: Ende 1997 war am Oberen Graben schon einmal der grosse Katzenjammer ausgebrochen. Damals erschien die letzte Ausgabe der «Ostschweiz». Nach 123 teils gloriosen, teils durchzogenen Jahren hatte die katholische Tageszeitung ihren Betrieb eingestellt und die stolze Leuchtschrift am Gebäude abmontiert. Saiten reagierte mit einer vielbeachteten Extranummer, Adrian Riklin schrieb im Editorial eine Lobrede auf die «lokaljournalistischen Persönlichkeiten wie Hermann Bauer oder Herber Egger» und deren «Nähe zur Stadt und Liebe zu ihren Menschen».
1997: Das Ende der «Ostschweiz». (Bild: Archiv Reto Voneschen)
Das war vermutlich schon damals leicht nostalgisch verklärt. Und beherzte Reaktionen auf den Untergang der einzigen noch verbliebenen «Tagblatt»-Konkurrentin blieben denn auch aus. «Einige Protestnoten, da und dort Leserbriefe, ein Podium der Journalistenverbände – schon im Dezember hatte sich das Publikum mit dem Ende der Zeitung abgefunden», bilanzierte Marcel Elsener vor zwei Monaten in einem Beitrag «zwanzig Jahre danach» im «Tagblatt».
Das lag wesentlich daran, dass die Zeit der konfessionell oder weltanschaulich fokussierten «Gesinnungspresse» abgelaufen war – und die «Ostschweiz» den Wandel zur Forumszeitung zu spät angepackt hatte. Aus welchem Kampfgeist heraus sie 1874 gegründet worden war, hatte im Saiten-Extrablatt Cornel Dora kundig nachgezeichnet. Und liest man die Festschrift zum 75-jährigen Bestehen aus dem Jahr 1949, begegnet man noch immer den selben markigen kulturkämpferischen Tönen, etwa: In einer Phase des «modernen Heidentums» müssten «Alle Mann ans Werk! Die katholische Presse mit der Fahne voran!».
Ungebrochen war auch der Glaube an die journalistische Berufung. «Wenn Geistesadel die Feder führt, kann das Journalistenpult zur verdienstvollen Kanzel für eine erweiterte Öffentlichkeit werden», steht in der Festschrift.
Tempi passati. Die journalistische «Kanzel» sieht 70 Jahre später so aus:
Der künftige Newsroom, unten….
… und oben. (Bilder: Hanspeter Schiess)
Zwei Etagen, alle Arbeitsplätze unten um den Desk gruppiert, Online und Print in einem Raum, ebenso die Bildredaktion und das Layout: Neben der bisherigen Zentralredaktion arbeiten hier künftig auch die Stadtredaktion sowie je ein Dienstredaktor der Lokalausgaben für Fürstenland, Toggenburg und Appenzellerland.
In einem nächsten Schritt wird an der Westseite umgebaut. Dann kommen, in circa zwei Jahren, auch Fernsehen (TVO) und Radio (FM1) ins Haus. «Hier entsteht wirklich ein Ostschweizer Medienhaus», sagt Chefredaktor Stefan Schmid.
«Die Zeit der Zellen ist vorbei»
Warum der Umbau? Den Anstoss habe ursprünglich gegeben, dass die bisherigen Kleinbüros und der «alte» Newsroom in die Jahre gekommen seien, sagt Schmid – inklusive Temperaturen um die 28 Grad im Newsroom. Man habe also etwas machen müssen.
Der neue Newsroom sei aber nicht nur in Sachen Mobiliar und Elektronik, sondern auch arbeitstechnisch auf der Höhe der Zeit. Die Anordnung der Ressorts und die offene Struktur widerspiegelten die heutige Arbeitsweise: ad-hoc-Teams, Medienkonvergenz und ressortübergreifendes Denken, kurze Wege zwischen Online und Print und zwischen Schreibenden und Produzenten.
Die Arbeitssituation sei zugegebenermassen weniger individuell als im Einzelbüro – «aber im Jahr 2018 ist die Zeit vorbei, da jeder in seiner Zelle an seiner Geschichte brütet. Gefragt sind je nach Thema unterschiedliche Teams. Dem trägt der Newsroom Rechnung.» Intern ebenso wie nach aussen, in der Zusammenarbeit mit der Luzerner Zeitung und künftig auch mit den AZ-Medien, steige zudem der Absprachebedarf.
Aus der Redaktion hört man dennoch Befürchtungen: Angst vor «Batteriehaltung», vor dem Lärmpegel im Grossraumbüro, vor der Unmöglichkeit, sich zu konzentrieren beim Schreiben oder in Ruhe zu telefonieren.
Die Platzverhältnisse blieben verhältnismässig komfortabel, beschwichtigt Schmid; «hühnerstallmässige» Arbeitsverhältnisse werde es nicht geben, und fürs konzentrierte Arbeiten oder für Sitzungen ständen einige separate Räume zur Verfügung – an der Fürstenlandstrasse haben sie intern bereits einen wenig schmeichelhaften Übernamen erhalten: «Verrichtungsboxen».
Schmid selber wird ein Einzelbüro haben – mit der Möglichkeit, ungestört Gespräche zu führen, aber verglast und damit von allen einsehbar.
Sicher ist, mit Folgen, die sich erst noch weisen müssen: Grossraum heisst mehr Kommunikation, aber auch mehr Konfliktpotential. Und mehr Kontrolle.
Der Newsroom werde «eine neue Dynamik» auslösen, ist der Chefredaktor überzeugt. Die Investition sei zudem von Seiten der Besitzerin, der NZZ Medien, ein Statement für die regionale Verankerung des «Tagblatts».
Wahrscheinlich ist, dass, wie damals das Ende der «Ostschweiz», auch jetzt der Auszug der Lokalredaktion aus dem Stadtzentrum ins «Moos» kaum öffentliche Reaktionen auslösen wird. Offen ist, was mit dem Haus geschieht; wie zu hören ist, sollen die bisherigen Pächter des im Haus befindlichen Cafés «News», die HJP Gastro AG, am Gebäude Interesse haben. Eine Bestätigung gibt es dafür auf Nachfrage nicht.
Zeitungsdruck anno dazumal (Ostschweiz Druckerei, Archivbild ohne Jahresangabe).
Damit geht am Oberen Graben ein langes Stück St.Galler Mediengeschichte zu Ende. Blaue Punkte am überflüssig gewordenen Mobiliar können den Ausverkauf nicht aufhalten. Dass die NZZ Medien AG an dieser zentralen Lage nicht ihren Fuss drin behält, sondern nach dem Gebäude an der Fürstenlandstrasse jetzt auch das Haus «drinnen» in der Stadt abstösst, spricht nicht unbedingt für Weitblick, umso mehr, als die Zukunft des «Tagblatts» auch «draussen» trotz schickem Newsroom nicht gesichert ist.
Tagblatt-AG wird «absorbiert»
Das «Tagblatt» beziehungsweise seine NZZ-Besitzer setzen weiter auf Fusionen. Jüngste Ankündigung: Um das Joint Venture mit der Aargauer AZ-Gruppe voranzubringen, werden die bisher unabhängigen AGs von Luzerner Zeitung und St.Galler Tagblatt zusammengeführt. Beziehungsweise, gemäss O-Ton der NZZ-Medienstelle: Die Tagblatt Medien Holding AG wird von Luzern «absorbiert». Damit verlieren auch die bisherigen Verwaltungsräte der AG, darunter Präsident Adrian Rüesch und der frühere «Tagblatt»-Direktor Hans-Peter Klauser ihre Funktion – und die Zeitung wird um eine weitere regionale Verankerung ärmer.
«Schlechte Presse» titelte Corinne Riedener, mit Blick zurück auf das «Ostschweiz»-Ende und Blick nach vorn in die Medienzukunft, im November 2015 in der 250. Ausgabe des Magazins Saiten. Und mahnte an, man habe den Medienwandel und die Folgen der Neuen Medien in der eigenen Branche zu lange nicht ernst genug genommen.
Für Saiten, um hier noch einen Stein in den eigenen Garten zu werfen, gilt das nicht unbedingt. 1997 hatte die Redaktion mit der Extranummer «Die letzten Tage der Ostschweiz» die Nase im Wind. Und heute ist saiten.ch das selbstverständliche zweite Online-Standbein neben dem gedruckten Monatsmagazin – ohne Newsroom und ohne Konvergenz-Beschwörungsformeln, aber mit Erfolg. Und mitten in der Stadt.
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