, 2. März 2019
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«Die Strukturen müssen durchlässiger sein»

Kampakollektiv-Mitglied Dan Hungerbühler zur neuen Kampagnenagentur und dem Netzwerk, das die progressiven Kräfte in der Ostschweiz verbinden will. von Sina Bühler

Dan Hungerbühler, 1986, ist in der Stadt St.Gallen aufgewachsen. Nach der Wirtschaftsmittelschule arbeitete er mehrere Jahre in einem kantonalen Asylzentrum. (Bild: hrt)

Saiten: Was ist das Kampakollektiv?


Dan Hungerbühler: Wir sind ein genossenschaftlich organisiertes Kampagnenbüro mit Haltung. Wir wollen einerseits die progressiven Kräfte in der Ostschweiz vernetzen und bieten anderseits verschiedene Dienstleistungen an.

Welche Art von Dienstleistungen?


Wir machen Beratung für Kampagnen, Kommunikation und Social Media sowie Workshops. In den ersten paar Monaten haben wir vor allem politische Projekte gemacht, beispielsweise den Protest gegen die Selbstbestimmungsinitiative im November organisiert. Das zeigt gut, was wir eigentlich wollen: Die Parole «St.ALLE gegen die SBI» ging über – fast alle – Parteigrenzen hinweg. Wir haben die Vorkampagne gestaltet, Aktivistinnen und Aktivisten zusammengebracht und die Kundgebung organisiert. Wir machen aber auch klassischen Wahlkampf für Kandidatinnen und Kandidaten, im Moment gerade in einer Gemeinde.

Gibt es nicht schon genügend Agenturen, die Politkampagnen verkaufen?

Klassische, bürgerliche Agenturen für Organisationen, in denen ein Millionär die Rechnung übernimmt, vielleicht schon. Die linken und progressiven Kräfte haben viel weniger Ressourcen und keine Anlaufstelle für professionelle Kampagnen in der Ostschweiz. Darum müssen wir andere Wege gehen. Für uns heisst das: Vernetzung von Organisationen und Personen, die sonst nicht so viel miteinander zu tun haben. Wir fokussieren aber nicht auf Parteipolitik, wir übernehmen auch Aufträge von fortschrittlichen Unternehmen, Organisationen und Verbänden oder aus der Verwaltung.

Aber auch nur, wenn es Euch entspricht?


Wir haben eine klare Haltung: gesellschaftlich liberal, sozial, ökologisch, kulturaffin. Sprich: Wir machen nur Kampagnen, hinter denen wir selber stehen können. Das unterscheidet uns natürlich auch von anderen Agenturen.

Politische Kampagnen gehören auch zu deinem anderen Job
als politischer Sekretär bei der SP. Kommst Du dir da nicht selber in die Quere?

Nein, alle Parteien lagern grössere Kampagnen an Agenturen aus, auch die SP. Das heisst aber nicht, dass wir diese dann übernehmen können. Das Kampakollektiv haben wir komplett unabhängig von der SP aufgezogen. Unser Umfeld ist viel breiter.

Das heisst?


Wir sind selber in verschiedenen Bereichen aktiv und haben ein breites Netzwerk von Leuten um uns herum – Kulturschaffende, Gestalterinnen und Webdesigner. Wir sind als Genossenschaft organisiert, unsere mittlerweile 50 Mitglieder sind Organisationen, Verbände, Parteien und Gewerkschaften, aber auch viele Einzelpersonen. Und der Vorstand ist ebenfalls breit aufgestellt, mit Leuten aus der Politik, den Medien und Kommunikationsprofis.

Unter anderem mehrere, die bei Saiten arbeiten.


Als Institutionen haben wir nichts miteinander zu tun. Aber es stimmt, zwei Leute von Saiten sind in unserem Vorstand, einer ist im Büro angestellt – zu einem kleinen Pensum: Ich selber arbeite 50 Prozent, Roman Hertler und Timo Räbsamen 20 beziehungsweise 30 Prozent. Für die einzelnen Kampagnen suchen wir dann jeweils Leute aus dem Netzwerk, die wir punktuell engagieren.

Stichwort Netzwerk: Am 7. März findet eure erste grosse Kampakollektiv-Veranstaltung statt.

Ja, das ist etwas, was uns ebenfalls von anderen Kampagnenbüros unterscheidet: Mit «Zukunft erzählen» werden wir einen Treffpunkt schaffen. Ich habe immer wieder gemerkt, dass die progressiven Kräfte zersplittert sind, obwohl man die gleichen Ideale vertritt. Das ist überhaupt nicht durchlässig, so geht unglaublich viel Potential und Wissen verloren. Das kann man sich vor allem dann nicht leisten, wenn man für Vielfältigkeit, Nachhaltigkeit und Transparenz einstehen will. Also schaffen wir den Raum dafür.

In welcher Form?


An dieser ersten Veranstaltung gibt es insgesamt vier Themen: Care und Pflege, Klimastreik, der Wandel der Arbeitswelt und die freie Kulturszene. Wir möchten damit verschiedene Anspruchsgruppen und Netzwerke zusammenbringen. Was kann man voneinander lernen? Wo hat man vielleicht gemeinsame Projekte? Das Kampakollektiv soll zur Anlaufstelle werden und eine Art Bibliothek des Wissens sein. Es ist bei Organisationen ja oft das Problem, dass sich das Wissen auf einzelne Leute konzentriert. Wenn die gehen, ist auch die Erfahrung weg. Wir müssen dieses Wissen festhalten und teilen. Auch über Workshops, die wir im Laufe des Jahres anbieten. Einige stehen schon fest: zu Social-Media- Kampagnen, Rhetorik und politischer Arbeit.

Braucht es in der Ostschweiz wirklich diese organisierte Vernetzung? Kennen wir uns nicht ohnehin alle?

Definitiv nicht. Ich bin jetzt seit bald sieben Jahren auf dem SP-Sekretariat und es ist mir immer wieder aufgefallen, dass sich mein Netzwerk auf die Politik und Teile der Gewerkschaften beschränkt. Ausserdem wollen wir ja nicht nur bestehende Organisationen ansprechen. Wir wollen auch für progressive Unternehmer offen sein oder für Einzelpersonen, die zwar interessiert sind, aber irgendwie ausserhalb stehen. Viele Strukturen, die es gibt, sind auch nicht sehr durchlässig oder modern. Es gibt künstliche Barrieren, diese wollen wir einreissen. Wir haben jetzt schon ein paar interessante Anmeldungen für den 7. März, von Leuten, die wir noch nicht kennen.

Dan Hungerbühler, 1986, ist in der Stadt St.Gallen aufgewachsen. Nach der Wirtschaftsmittelschule arbeitete er mehrere Jahre in einem kantonalen Asylzentrum. Das habe ihn auch politisiert, sagt er. Vor sechs Jahren wechselte er ins SP-Sekretariat, wo er zu 50 Prozent als politischer Sekretär für die Stadt St.Gallen zuständig ist. Die anderen 50 Prozent arbeitet er fürs Kampakollektiv.

kampakollektiv.ch

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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