Dachs spielen Electropop. Die Masche: Electropop mit Mundart-Gesang. Auf Sangallisch, versteht sich. Nachdem Basil Kehl (ihn kennt man auch als Wassily) und Lukas Senn 2012 den bandXost-Wettbewerb gewonnen hatten, standen sie am Openair St.Gallen auf der Bühne und veröffentlichten eine Mini-EP mit zwei Songs.
Am 7. Mai taufen Dachs im Palace nun den ersten grösseren Release namens Büzlä: Eine knappe halbe Stunde verhallte Synthesizer und Geschichten, aus der grossen, meist aber aus der kleinen Welt des Ostschweizer Alltags.
Mundarthymnen mit Coelho-Metaphern
Der wohl stärkste Song auf der EP heisst Bumerang. Ein älterer Typ (so ähnlich wie ihn die Aeronauten in Heinz schildern) läuft vor einen Club, hat «e Hampfle voll mit Glück debii und biz Freud» und gibt ungefragt Lebensweisheiten von sich. «S [Glück] chunnt zrugg, so wie en Bumerang».
Ein Refrain, den man sich gut auf ewigem Repeat im mundartliebenden Sonntagsprogramm von Schweizer Radios vorstellen könnte, so ähnlich wie Züri West. Nur halt aus dem Osten, mit Synthesizern und doch ein gutes Stück lässiger.
Bumerang zeigt auch, was viele Dachs-Texte stark macht. Das Glück «chunnt zrugg», «flüügt nu umenand» und du «mueschs fange» – alles wie ein Bumerang. So sind auch die anderen Metaphern, die Dachs in ihre Texte packen: verständlich, beinah auf alles anwendbar und gefährlich nahe am Kitsch. Die Paolo Coelho-Methode, sozusagen.
Beim Liechtsignal («blibsch no stoh und denn isch rot»), beim König vo de Welt oder auf der lachenden Titanik. «Mir gefällt die usebüzläti Wirklichkeit», sagt Kehl. «Und die Nähe zum Kitsch finde ich aufregend.»
Subtil aufgeregt
Ums Usebüzlä gehts beim Titeltrack aber nicht. Zumindest nicht im Sinn eines brauchbaren Schönheitsideals. Hier büzlät der Schweizer Bünzli vor der eigenen Hütte («Mitem Schüfeli und em Bäseli / Sie säged; c’est la vie») und wirft keinen Blick über die Hecke. Im sauber-luftigen Gewand aus Synths und weicher Stimme wirkt die Kritik eher brav, vielleicht aber auch eher zynisch. «In der EP steckt durchaus eine subtile Aufregung», sagt Kehl.
So wie die Texte den Alltag usebützlen, haben Dachs die Synthesizer und Gitarren gut angezogen, hübsch geschminkt und danach ein Foto mit verwaschenem Instagram-Filter geschossen.
EP-Taufe: 7. Mai, 21 Uhr, Palace St.Gallen. Mit Dachs, Don’t Kill the Beast, Sensu und Gigolo Romantico
Aufgenommen wurde zwar alles in Eigenregie im Dachs-Bandraum in der Reithalle, aber der Hall klingt nach Kloster. Die schwebenden Synths fliessen in die Stimme über, hohe Vocal-Samples tragen durch die Songs. Heraus stechen auf Büzlä die Stereo-Spielereien von Mir Sind Di Lachend Titanik oder der pompöse Refrain von Z’Sangalle Schneits. Und die starken Melodien, die sich Stimme und Synthesizer gegenseitig zuspielen.
Hook um Hook
Die EP strotzt vor Hooklines. Und sie werden in fast allen Songs unermüdlich wiederholt. Dass Dachs das können, haben sie unter anderem auch mit ihrem WM-Song Kei Eidgenosse und mit Jö bereits bewiesen. Kandidaten für Ohrwürmer gibts auch jetzt einige, allen voran Bumerang und Büzlä. Etwas weniger fesselnd sind König vo de Welt und Riisigi Erwartige, die in sich gleichförmiger und weniger charakterstark sind als die restlichen Songs der EP.
Artwork: Dario Forlin
Büzlä kommt sehr homogen daher. Einerseits verwischt der Lead-Gesang mit zahlreichen Backing-Vocals und den Synthesizern, andererseits harmonieren die Songs gut miteinander. Die Texte leiten hübsch von Metapher zu Metapher, malen die Welt mal gross (König vo de Welt), mal klein (Büzlä), und Kehls charakteristische Stimme bietet Wiedererkennungswert – natürlich auch dank des Dialekts.
Kitsch und Bünzlitum
Was moderne Mundartmusik angeht, passiert in den letzten Jahren doch einiges. Man könnte sich den Menschen anschliessen, die von einem «neuen Bünzlitum der Jugend» sprechen, die das Backen und das Stricken wieder entdeckt (siehe dazu das Interview im Märzheft von Saiten) – und eben auch die Mundartmusik.
Man könnte bös sein und Dachs auf das Rezept «Ostschweizer Dialekt meets Electropop» reduzieren (die Band selbst weibelt damit, die ersten zu sein, die dies tun). Doch damit würde man ihnen nicht gerecht. Mundart funktioniert grossartig bei Dachs – die Texte wirken ehrlicher. Und dank der Ehrlichkeit verfällt Büzlä nicht dem Kitsch, sondern ist nur ein wenig usäbüzlät.
Dachs live für alle, die die Taufe verpassen: 27. Mai: Lauterfestival Zürich 28. Mai: Jugendfestival Wattwil 6. Juni: Musig uf de Gass St.Gallen 22. Juni: Katakombe Zürich
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.