Im Nachhinein ist man immer klüger, deshalb will ich es hier ganz klar sagen: Wohl niemand hätte die tiefgreifenden Änderungen voraussehen können, die auf die Wahl der deutschen Immunologin Dr. Uta Schmidt zur Bundesrätin im Frühjahr 2036 über die Schweiz hereinbrechen sollten.
Schmidts Nominierung war das Resultat aus einer überraschenden Koalition zwischen dem «Verein Deutscher Angestellter» (dem mit Abstand stärksten Migrantenverein) und der zurückhaltend europakritischen SVP – die über die Jahre alle anderen klassischen Parteien geschluckt hatte. Damit sollte die Wahl Cédric Wermuths verhindert werden, der nach der Auflösung der Sozialdemokratischen Partei im Jahr 2021 eine nach ihm selbst benannte Partei gegründet hatte. Der charismatische Italo-Schweizer vereinigte fast die Hälfte aller Stimmbürger hinter seinen linksradikalen Wahlversprechen – so sollten sogar der längst privatisierte Bildungssektor und die Wasserversorgung wieder verstaatlicht werden! Wer wäre als Gegenkandidatin zu diesem irren Blender besser geeignet gewesen als Uta Schmidt, die stille Leipzigerin mit dem sympathischen sächsischen Akzent, die im Zürcher Universitätsspital als Chefärztin arbeitete?
Dr. Schmidts erste Verordnungen als Bildungsministerin wurden als Ausdruck typisch deutscher Effizienz begrüsst. Das Dialektverbot in öffentlichen Räumen zum Beispiel hätte – darüber waren sich alle einige – angesichts der Tatsache, dass sowieso kaum noch jemand Schweizerdeutsch verstand, längst eingeführt werden sollen. «Ohne sprachliche Gleichberechtigung keine Demokratie. Es ist bedenklich, dass uns Schweizern das von einer Deutschen vorgemacht werden muss», hiess es in einem Kommentar der «Neuen Züricher Zeitung» – das «i» war im Zug der neuen Sprachregelung hinzugefügt worden. Erst Schmidts Ernennung zur Bundespräsidentin an der Spitze der aus dem Wahlbündnis mit der SVP hervorgegangenen Unionspartei führte im Mai 2036 zu bösartigen Merkel-Vergleichen. Schon die Rede, die die «ewige Kanzlerin» im April 2036 auf Einladung von Uta Schmidt im Schweizer Nationalrat zum Gedenken an die 20jährige Befreiung Russlands durch NATO-Truppen gehalten hatte, hatte für viele kritische Stimmen gesorgt.
Doch ein genialer Schachzug von Uta Schmidts Kommunikationschef – einem etwas dicklichen, aber gut aussehenden Inder – sollte die Wogen wieder glätten: eine Homestory in der «Schweizer Illustrierten», in der sich Uta Schmidt als alleinerziehende Mutter, Mountainbikerin und massvolle Trinkerin Walliser Weine inszenierte. Als der Reporter sogar einige Mani-Matter-Original-LPs in Schmidts Bücherregal entdeckte, war es, als wäre über Nacht alles Deutsche von der Bundespräsidentin abgefallen. Schmidt wurde fortan nur noch jovial «Uta» oder gar «Schmidtli» genannt, und der Mountainbike-Helm gehörte ab sofort zum festen Accessoire der Berichterstattung aus dem Bundeshaus. Ein leicht anstössiges Urlaubsfoto, auf dem Uta Schmidt in einem lila Sari in Begleitung ihres Kommunikationschefs zu sehen war, wurde zur Ikone der Boulevardpresse.
Man muss es im Rückblick ganz offen sagen: Der Umbau der Schweiz durch Uta Schmidt wurde von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Die Abschaffung des Schweizer Frankens im Frühsommer 2036, der im Verhältnis 1:1000 in Euro konvertiert wurde und über Nacht ein ganzes Volk zu Multi-Millionären machte, sorgte für Begeisterungsstürme. Als Mitte August erstmals Sanitätseinheiten der Schweizer Armee in die immer noch von radikalen Panslawisten terrorisierte ehemalige russische Hauptstadt geschickt wurden, wurde das von den Medien als Fortsetzung der humanitären Tradition der Alpenrepublik gefeiert. «Notizen aus Moskau», das lebenskluge Kolumnen-Büchlein des als Kriegsberichterstatter eingesetzten, unterdessen fast 100jährigen Schriftstellers Peter Bichsel wurde allein in der Schweiz über eine Million Mal verkauft.
So ging es Schlag auf Schlag, während das öffentliche Interesse an den einzelnen Schlägen nachliess. Nur die Umwandlung der Schweiz am 9. November 2036, dem «Tag der europäischen Einheit» in ein EU-Bundesland namens «Oberrhein-Mittelalpen (OMA)» sorgte aufgrund des albernen Kürzels für einen Shitstorm im Internet. Die direkt darauf folgende Aussetzung des Initiativrechts per Dekret des Europäischen Gerichtshofs stiess jedoch auf kein wirkliches Interesse mehr – abgesehen vielleicht von der etwas kränkenden Passage, in der als Grund die «jahrhundertelange Verletzung der Menschenrechte im Alpenraum unter dem Deckmantel der Demokratie» angegeben wurde.
Als Uta Schmidt in ihrer traditionellen Neujahrsansprache die ehemalige Schweiz als «mitteleuropäisches Saudiarabien» und die direkte Demokratie mit ihren irrationalen Wahlkampfhysterien als «primitiver als die Scharia» bezeichnete, nahm das abgesehen von einer Karikatur in der Pariser Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» (auf der einige oberrheinische Lokalpolitiker zusätzlich zu den üblichen Goldbarren und Käselaiben mit Turbanen und Kalaschnikows abgebildet waren) niemand mehr zur Kenntnis. Zu beschäftigt waren die Medien mit einem Missbrauchs-Skandal um einen Berner Gymnasiallehrer. Am 25. Januar 2037, dem Tag der Ernennung Uta Schmidts zur Gouverneurin auf Lebenszeit, titelte der «Blick»: «Blowjob-Prof im Clinch: Hat Dr. Sex seinen Schülern den Marsch geblasen?»
Obwohl diese Frage auch durch eine internationale Untersuchungskommission nicht abschliessend beantwortet werden konnte, trat Dr. Sex – der eigentlich Ueli Sachs hiess – vom Schuldienst zurück. Er nahm den unverfänglicheren Vornamen Dirk an, zog sich ins Kloster Einsiedeln zurück und konvertierte am Neujahrstag 2038 zu einem modern interpretierten Hinduismus, der neuen europäischen Staatsreligion.
Der St.Galler Milo Rau ist Theatermacher und Autor in Köln. Er ist mit «Reenactments» zum Ceausescu-Prozess, zum ruandischen Bürgerkrieg («Hate Radio»), zum norwegischen Massenmörder Breivik oder mit den «Moskauer» und den «Zürcher Prozessen» berühmt geworden. In St.Gallen inszenierte Rau das ausländerpolitische Projekt «City of Change». Zuletzt kam «The Civil Wars» auf die Bühne, Teil eins seiner Europa-Trilogie, die er jetzt mit «The Dark Ages» fort. Uraufführung ist am 11. April am Residenztheater München. Teil drei, «Die Geschichte des Maschinengewehrs», folgt im November.
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