, 8. November 2020
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Buchpreis 2020: Das Siegerbuch

Der Schweizer Buchpreis 2020 geht an Anna Stern. Die Jury zeichnet die Rorschacher Autorin für «das alles hier, jetzt» aus: einen emotionalen und formal gewagten «Roman». Hier die Buchbesprechung. von Eva Bachmann

Anna Stern ist 30, doktoriert an der ETH über Antibiotikaresistenzen und schreibt – ziemlich viel. Nach drei Romanen und einem Erzählband erscheint bereits ihr fünftes Buch: das alles hier, jetzt, vom Verlag «Roman» genannt. So ganz klar ist diese Genrebezeichnung nicht. Und genau das bringt Lesende zum Staunen. Die Autorin ist nicht nur unwahrscheinlich schaffig, sondern auch unermüdlich auf der Suche nach neuen, eigenen Ausdrucksformen für ihre Geschichten.

Aus der Begründung der Jury zum Buchpreis 2020: «Anna Stern hat einem der ältesten Themen der Literatur eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen.»

Die linken Seiten sind schwarz gedruckt, die rechten grau. Die meisten Texte passen auf eine Seite, sind manchmal nur zwei Zeilen kurz, einige ziehen sich aber auch über mehrere Seiten und unterlaufen damit den Lesefluss. Die schwarzen Texte sind von Februar bis Juli chronologisch geordnet. Die grauen Texte sind Ausschnitte aus der Vergangenheit in assoziativer Reihung.

Anna Stern. (Bild: Florian Bachmann)

Mit dem ersten Satz setzt die Autorin das Thema und ein Fanal: «ananke stirbt an einem montag im winter, nachmittags zwischen sechzehn und siebzehn uhr.» Danach foutiert sie sich um die Konventionen eines Romans: Figuren werden nicht eingeführt, sie sind einfach da. Schauplätze bleiben ungefähr. Die Texte folgen sich als unverbundene Bruchstücke mit viel Weissraum.

Erratisch stehen oft auch einzelne Sätze nebeneinander: «später suchst du nach schlaf, mit offenen augen. weil. jedes mal, wenn deine lider sich senken, steht da ananke. stumm. wie immer, nie mehr so.»

Die Welt zerfällt

Und trotzdem wird daraus ein Ganzes. Das Buch erzählt vom Verlust einer vertrauten Person. Und die eigenartig aufgelöste, nur durch das Thema zusammengehaltene Textgestalt trägt das ihre dazu bei. Die Welt zerfällt, wird unfassbar. Das eine fügt sich nicht mehr zum anderen. Es gibt Lücken, Gedanken brechen ab. Anna Stern gelingt es, die Verlorenheit nach einem Todesfall in Worte zu fassen, indem sie die heile Oberfläche des Texts ritzt.

«Eine grosse Motivation für mich hinter dem Schreiben ist es, die Ge-schichten, die sich in meinem Kopf ansammeln, irgendwie loszuwerden. Und das Unglück ist oft, dass dann sofort neue Figuren auftauchen. Was eigentlich schön ist, weil die Figuren mein Innenleben auch bereichern. Aber der Platz, der frei geworden ist, wird dann sofort wieder gefüllt. Und der Drang, eine neue Geschichte zu schreiben, ist wieder da.» Anna Stern in den «Ansichten» von SRF

Jemand namens Ichor erzählt, spricht sich durchgehend als «du» an. Die schwarzen Texte handeln von Trauer, obwohl mit dem Wort sparsam umgegangen wird. Anna Stern findet andere Ausdrücke dafür: die Leere der nicht erleuchteten Fenster. Dinge, die man jetzt nicht mehr essen kann. Die Angst vor dem Verlust der Erinnerung. Kälte, weiss und geruchlos. Löcher graben. Schweigen. Ichor versucht es mit Schmerz, mit Psychotherapie, mit Wissenschaft. Der Verlust bleibt ein Verlust.

Zusammen aufwachsen

Ichor ist ungefähr 25 und eine Figur unbestimmten Geschlechts, wie alle anderen im Roman auch. Denn hier geht es nicht um Liebe, sondern um Freundschaft. Um tiefe Verbundenheit seit Kindstagen. Davon erzählen die grauen Texte. Zwei Familien wohnen in Sichtweite, Ananke ist das dritte von vier Kindern, Ichor hat einen Zwilling und ein jüngeres Geschwister. Schlangenbrot am Feuer und Abzeichen im Schwimmkurs gehören zu den frühen Erfahrungen von Gemeinschaft. Später die ersten Interrail-Ferien der Jugendlichen, Zerwürfnisse und Eigenbröteleien sind unvermeidlich – doch das Grundvertrauen, ein Gefühl von Geborgenheit bleibt. Mit Ananke kann man im Halbdunkel des Sommerabends beim Bootshaus auf das Balkongeländer steigen, sich an den Händen fassen und in den See springen.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie Anna Stern in einer sehr trockenen Sprache Gemütslagen zu evozieren vermag. Ihre Texte bestehen aus einfach beschriebenen Szenen, angereichert mit eigenwilligen Bildern, Songs und literarischen Zitaten wie im Vorgänger-Buch, zuweilen auch Wis- senschaftlichem. Gefühliges ist kaum dabei. Und doch werden die Trauer wie auch die Geborgen- heit eindrücklich spürbar.

Anna Stern: das alles hier, jetzt. Roman. Salis Verlag, Zürich. Fr. 32.–.

Formulierungen wie «die tonale materialisierung von hohn» oder «komme, was wolle, zusammen schaffen wir das» bleiben seltene Ausrutscher. Darüber hinweg tröstet etwa die Erinnerung an die Papillon-Pralinen, blau oder magenta, die es nicht mehr zu kaufen gibt. «wie kann es sein, dass eure vergangenheit aus dem sortiment entfernt wird. und ohne dass du es merkst.»

Exit mit Adenauer

Nach fast 200 Seiten ist Ananke seit 150 Tagen tot. Es braucht einen Ausweg. Anna Stern macht einen Schnitt und erzählt – jetzt fast schon konventionell – auf den letzten 40 Seiten von einem irrwitzigen Roadtrip der Viererbande mit einem «entliehenen» Mercedes Adenauer und einer nächtens ausgegrabenen Urne. Es ist ein verzweifelter Versuch, Ruhe zu finden, wieder eins zu werden mit sich.

Diese Exit-Strategie endet nicht unbedingt tröstlich, aber sie fügt immerhin auf der Textebene das Zerrissene wieder zusammen. Ein passender Schluss für ein überraschendes Buch, das langsam gelesen sein will, die Zeit aber mit Gedankenreichtum lohnt.

Anna Stern, geboren 1990 in Rorschach, ist mit ihrem Werk aufgefallen und dafür ausgezeichnet worden: Sie hat beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2018 mit Warten auf Ava, einem Stück aus Wild wie die Wellen des Meeres, den 3sat-Preis gewonnen, von der Stadt Zürich erhielt sie für diesen Roman 2019 eine literarische Auszeichnung. 2018 war Anna Stern Förderpreisträgerin der St.Gallischen Kulturstiftung, in der Begründung der Jury heisst es: «Anna Stern verbindet raffiniertes, mehrschichtiges Erzählen mit solider Recherche, spannender Handlung und einem feinsinnigen Ausloten von Seelenlagen.»

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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