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Die versklavte «Venus» auf einer Plantage namens «Freiheit»

Versklavte Männer und Frauen beim Zuckerrohschneiden: Handkolorierte Aquatinta von William Clark (1823). (Bilder: pd)

Versklavte Männer und Frauen beim Zuckerrohschneiden: Handkolorierte Aquatinta von William Clark (1823). (Bilder: pd)

Während das aufklärerische Europa über die Universalität menschlicher Freiheit philosophierte, liess es seine Konsumgüter ennet dem Atlantik von Sklav:innen produzieren. Hans Fässler spürt dem Schicksal einer Unterdrückten nach, die 1755 in einer Plantage in St.Galler Mitbesitz «inventarisiert» war.

Ge­gen Mit­te des 18. Jahr­hun­derts wird der Ruf nach «Frei­heit» un­ter den eu­ro­päi­schen Eli­ten dies­seits und jen­seits des At­lan­tiks laut. Im Jahr 1749 ver­öf­fent­licht Mon­tes­quieu L'E­sprit des lois (Der Geist der Ge­set­ze). Zwi­schen 1751 und 1772 ver­brei­tet die fran­zö­si­sche En­cy­clo­pé­die ou Dic­tion­n­aire rai­son­né des sci­en­ces, des arts et des mé­tiers in 35 Bän­den das Ge­dan­ken­gut der Auf­klä­rung. Die Ab­bés Mal­let und Yvon so­wie De­nis Di­de­rot schrei­ben für die En­cy­clo­pé­die ei­nen Ar­ti­kel, in dem sie das Kon­zept der «Li­ber­té» aus­führ­lich er­läu­tern.

1755 ver­öf­fent­licht Rous­se­au den Dis­cours sur l'o­ri­gi­ne et les fon­de­ments de l'i­né­ga­li­té par­mi les hom­mes (Ab­hand­lung über den Ur­sprung und die Grund­la­gen der Un­gleich­heit un­ter den Men­schen). In den Sa­lons und Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas und Bri­tisch-Ame­ri­kas wird über «Ge­dan­ken­frei­heit», «Pres­se­frei­heit», «Han­dels­frei­heit», «Ei­gen­tums­frei­heit», «Wahl­frei­heit» und das «Recht auf Frei­heit» dis­ku­tiert – und da­bei Kaf­fee, Tee, Zu­cker, Scho­ko­la­de und Ta­bak kon­su­miert.

1755 kri­ti­siert die En­cy­clo­pé­die die Skla­ve­rei, weil «sie die Frei­heit des Men­schen ver­letzt» und weil sie «ge­gen das Na­tur- und Zi­vil­recht ver­stösst». 1759 ent­hüllt Vol­taire die Grau­sam­keit der Skla­ve­rei in der No­vel­le Can­di­de ou l'­op­ti­mis­me mit der Pas­sa­ge über den nèg­re de Su­ri­na­me. Aber für Sie, Afriy­ie, und für die an­de­ren 77 Män­ner, 54 Frau­en und 45 Kin­der, die 1755 auf der Zu­cker­plan­ta­ge «La Li­ber­té» am Su­ri­na­me-Fluss «in­ven­ta­ri­siert» wur­den, hat­te die­ses Ge­schwätz von der «Frei­heit» kei­ner­lei Be­deu­tung.

Bild 1

Ich ha­be lan­ge dar­über nach­ge­dacht, wie ich am bes­ten über Sie spre­chen kann, Sie, die Frau, die im In­ven­tar der Plan­ta­ge «La Li­ber­té» als Skla­vin «Nr. 25» un­ter dem Na­men «Ve­nus» und mit der dar­an an­ge­häng­ten Be­mer­kung «son­der neus» er­scheint. Das Zeit­al­ter der Auf­klä­rung soll ge­mäss dem Eng­li­schen (En­ligh­ten­ment) und dem Fran­zö­si­schen (Les Lu­miè­res) das Licht ge­bracht ha­ben, aber wie könn­te ich ver­hin­dern, dass Sie in der Dun­kel­heit ver­schwin­den wür­den, die die Auf­klä­rung für Sie be­deu­te­te?

Ich be­schloss zu ver­su­chen, Sie – so­weit mög­lich – zur Haupt­fi­gur die­ses Tex­tes zu ma­chen. Da­zu in­spi­riert hat mich auch die afro-ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­te­rin Sai­diya Hart­mann, die sich 2008 in Ve­nus in Two Acts mit der Häu­fig­keit des Skla­vin­nen-Na­mens «Ve­nus» im Ar­chiv der at­lan­ti­schen Skla­ve­rei be­fasst hat und mit der Schwie­rig­keit, et­was über die Trä­ge­rin­nen die­ses Na­mens aus­zu­sa­gen.

Die Frei­heit, die Sie mei­nen

Die Zu­cker­plan­ta­ge «La Li­ber­té» war nicht die ein­zi­ge die­ses Na­mens, der mich, als ich ihm zum ers­ten Mal be­geg­net bin, ir­ri­tiert und an den Zy­nis­mus von «Ar­beit macht frei» auf den Ein­gangs­to­ren ei­ni­ger KZ (u.a. Ausch­witz) er­in­nert hat. Es gab in der hol­län­di­schen Ko­lo­nie Su­ri­na­me noch ei­ne Kaf­fee­plan­ta­ge «La Li­ber­té» am Co­ro­pina­k­reek, da­zu kom­men noch die Zu­cker- und Ka­kao-Plan­ta­ge «De Vri­jheid» (Hol­län­disch für «die Frei­heit») am Pa­rak­reek so­wie je ei­ne Plan­ta­ge mit Na­men «De Vri­jheid» in den hol­län­di­schen Ko­lo­nie Ber­bice und De­mer­ra­ra (heu­te: Gu­ya­na).

Ich ha­be als ers­tes be­schlos­sen, Ih­nen ge­gen­über, Afriy­ie, die «Höf­lich­keits­form», d.h. das Sie zu ver­wen­den. Ich neh­me an, dass die Skla­ven­händ­ler auf dem At­lan­tik, die Auk­tio­na­to­ren in Pa­ra­ma­ri­bo (bzw. Fort Ze­e­lan­dia oder Nieuw Mid­del­burg) und die Plan­ta­gen­auf­se­her auf «La Li­ber­té» Sie auf Hol­län­disch ge­duzt ha­ben, wenn sie über­haupt mit Ih­nen ge­spro­chen ha­ben. Sie, die Sie wahr­schein­lich zur Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Plan­ta­ge Sran­an­ton­go ver­wen­det ha­ben, ein su­ri­na­mi­sches Kreo­lisch, das auf nie­der­län­di­schen, por­tu­gie­si­schen und afri­ka­ni­schen Ele­men­ten ba­siert.

Aber dann: Mit wel­chem Na­men soll­te ich Sie an­spre­chen? Si­cher nicht mit dem Na­men «Ve­nus», der Ih­nen wahr­schein­lich von ei­nem Auf­se­her in São Jor­ge da Mi­na, dem Skla­ven­fort vor der Gold­küs­te, ei­nem Ma­tro­sen auf der Über­fahrt über den At­lan­tik, ei­nem Men­schen­händ­ler in Fort Ze­e­lan­dia in Su­ri­na­me oder dem Ver­wal­ter von «La Li­ber­té» ge­ge­ben wur­de. Wie kommt es, dass man ei­ne Skla­vin «Ve­nus» nennt? Woll­te je­mand zum Aus­druck brin­gen, dass er ei­ne ero­ti­sche oder äs­the­ti­sche An­zie­hungs­kraft zu Ih­nen ver­spürt? Fand Sie je­mand häss­lich und woll­te sich über Sie lus­tig ma­chen? Woll­te ein Pflan­zer vor sei­nen Pflanz­erfreun­den mit sei­ner klas­si­schen Bil­dung prah­len? Die Na­men an­de­rer Män­ner und Frau­en, die auf «La Li­ber­té» ver­sklavt wa­ren, könn­ten die letz­te­re An­nah­me stüt­zen: Sca­ra­mou­che, Am­phi­tri­on, Mi­nos, Sam­son, Se­ra­phi­na, Olim­phie, Apo­lo­nia und Ju­pi­ter.

Die meis­ten Men­schen, die in der Ko­lo­nie Su­ri­na­me ver­sklavt wa­ren, stamm­ten aus Gha­na, Ben­in und Lo­an­go, aber sie ka­men zum Teil auch aus an­de­ren Tei­len West­afri­kas wie Se­ne­gam­bia, Gui­nea und der El­fen­bein­küs­te. Aus die­sem Grund ha­be ich ei­nen Frau­en­na­men aus dem Volk der Akan ge­wählt – in der Hoff­nung, dass die Um­stän­de Ih­rer Ge­burt glück­lich ge­we­sen sind. «Afriy­ie» be­deu­tet in der Akan-Spra­che Twi «gu­tes Jahr». Ich hof­fe, lie­be Afriy­ie, dass Sie mir mei­ne na­mens­ge­be­ri­schen Will­kür ver­zei­hen kön­nen.

«Son­der neus»

Vor ei­ni­gen Jah­ren sah ich zum ers­ten Mal im In­ter­net die di­gi­ta­li­sier­te Lis­te der ver­sklav­ten Men­schen auf der Plan­ta­ge «La Li­ber­té». Die Be­mer­kung son­der neus, die auf Ih­ren Na­men folgt, hat mich sehr be­wegt und tut es auch heu­te noch. Sie be­deu­tet «oh­ne Na­se» und er­in­ner­te mich selt­sa­mer­wei­se zu­nächst an ei­ne be­schä­dig­te Sta­tue aus dem grie­chi­schen Al­ter­tum. Tat­säch­lich wa­ren es die­se weis­sen Mar­mor­sta­tu­en, die für Ras­sist:in­nen al­ler Län­der wie den Schweiz-Ame­ri­ka­ner Lou­is Agas­siz das Ide­al der Weiss­heit ver­kör­per­ten, ob­wohl sie – wie man En­de des 19. Jahr­hun­derts wis­sen konn­te – ur­sprüng­lich nicht weiss, son­dern be­malt und da­mit – iro­ni­scher­wei­se – «far­big» bzw. of co­lour wa­ren.

Spä­ter liess mich das Feh­len Ih­rer Na­se, lie­be Afriy­ie, an ei­ne Form der Be­stra­fung den­ken, da ich Tex­te über die sprich­wört­li­che Grau­sam­keit der Pflan­zer in Su­ri­na­me ge­le­sen hat­te. Männ­li­che Ver­sklav­te, die nach ei­nem Ver­such der mar­ron­na­ge (Flucht in den Re­gen­wald, in die Man­gro­ven­sümp­fe und zu be­reits an­säs­si­gen afri­ka­ni­schen Ge­mein­den) ge­fasst wur­den, wur­den zur Ab­schre­ckung oft mit der Am­pu­ta­ti­on ei­nes Arms oder Beins be­straft. Die häu­figs­te Form der Be­stra­fung von ver­sklav­ten und an­de­ren Frau­en in pa­tri­ar­cha­li­schen Sys­te­men war die Ver­stüm­me­lung der Na­se. Erst kürz­lich kam mir dann der Ge­dan­ke, dass Ih­re Na­se auch das Er­geb­nis von Le­pra (nie­der­län­disch bo­asie) oder ei­ner an­de­ren Tro­pen­krank­heit sein könn­te. Tat­säch­lich taucht die Er­wäh­nung «met Ja­as» im In­ven­tar von «La Li­ber­té» bei vier Er­wach­se­nen und neun Kin­dern auf.

Ja­as oder Fram­boe­sia tro­pi­ca ist ei­ne chro­ni­sche Haut­in­fek­ti­on, de­ren Sym­pto­me an die Far­be von Him­bee­ren er­in­nern. Sie be­trifft vor al­lem Kin­der und Ju­gend­li­che und kann zu ei­ner Ver­stüm­me­lung des Ge­sichts füh­ren. Hin­zu kommt, dass auf «La Li­ber­té» auch ein Skla­ve na­mens «La Lan­de» mit der Be­mer­kung «son­der neus» auf­ge­führt ist. Viel­leicht ha­ben Sie, Afriy­ie, sich die Krank­heit zu­ge­zo­gen, als Sie noch ein jun­ges Mäd­chen wa­ren? Wie alt wa­ren Sie, als Sie im In­ven­tar un­ter «wij­ven» (hol­län­disch: Frau­en) ein­ge­stuft wur­den? Aber im Üb­ri­gen hof­fe ich ei­gent­lich, dass «son­der neus» mit «mar­ron­na­ge» zu tun hat­te, denn mich wür­de der Ge­dan­ke trös­ten, dass Sie ei­nes Ta­ges ein­fach von «La Li­ber­té» auf­ge­bro­chen sind, um Ih­ren Pei­ni­gern zu ent­kom­men und zu ver­su­chen, die­sen un­end­lich weit ent­fern­ten Ort der Frei­heit zu er­rei­chen, der auf der Su­ri­na­me-Kar­te von Alex­an­der de Lavaux mit «Weg­loo­pers Dor­pen van Re­bel­le Slaa­ven» (das Dorf der ent­flo­he­nen Skla­ven) ge­kenn­zeich­net ist.

Porträt des Barons Daniel d’Hogguer, in St.Gallen Daniel Högger genannt, aus dem Musée d'art et d'histoire in Genf.

Porträt des Barons Daniel d’Hogguer, in St.Gallen Daniel Högger genannt, aus dem Musée d'art et d'histoire in Genf.

Es gibt noch et­was an­de­res aus­ser der tröst­li­chen Hoff­nung auf ein bes­se­res Le­ben, das uns so­zu­sa­gen ver­bin­det. Im Jahr 1755 war Da­niël Vri­jheer Hog­guer Graaf van Bignan, des­sen Fa­mi­lie aus St.Gal­len stamm­te, seit fünf Jah­ren Mit­ei­gen­tü­mer der Plan­ta­ge «La Li­ber­té». Da­ni­el Hög­ger (wie er in St.Gal­len ge­nannt wird) be­sass al­so nicht nur die «Kis­te Rot­wein in Fla­schen im Kel­ler» und das al­te «Mes­sing­wasch­be­cken», wel­che Ver­wal­ter Fran­çois G. Chif­fe­ly (aus ei­ner aus Biel stam­men­den Ber­ner Pa­tri­zi­er­fa­mi­lie) zu­sam­men mit Hun­der­ten an­de­rer Ge­gen­stän­de sorg­fäl­tig in­ven­ta­ri­siert hat – er be­sass auch Sie, Afriy­ie.

1770 ging «La Li­ber­té» in den Be­sitz von zwei wei­te­ren Schwei­zern über: Ama­dée Sug­nens (ge­stor­ben 1773) und Ni­co­las Da­vid Gu­i­san (1727–1781), bei­de aus dem Ber­ner Waadt­land. Ers­te­rer war Pfar­rer der fran­zö­si­schen Kir­che in Pa­ra­ma­ri­bo, letz­te­rer ein Vor­fah­re des Schwei­zer Ge­ne­rals wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs, dem hoch­ver­ehr­ten Hen­ri Gu­i­san (1874–1960). Bei­de ge­schäf­te­ten auch mit dem Ber­ner Pa­tri­zi­er Ro­dol­phe Em­ma­nu­el de Hal­ler (1747–1833), Sohn des Dich­ters der Al­pen, Al­brecht von Hal­ler (1708–1777). Von 1771–1772 weil­te auf der Plan­ta­ge «La Li­ber­té» auch der Nef­fe von Ni­co­las Da­vid: Jean Sa­mu­el Gu­i­san (1740–1801), aus Aven­ches wie sein On­kel. Jean Sa­mu­el Gu­i­san war als Un­ter­leut­nant der hol­län­di­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen in Su­ri­na­me an­ge­kom­men, hat­te sich je­doch für ei­ne Kar­rie­re als Plan­ta­gen-Ver­wal­ter ent­schie­den und stu­dier­te die ver­schie­dens­ten Aspek­te der Ko­lo­ni­al­wirt­schaft. Ob Sie ihm wohl ein­mal be­geg­net sind, Afriy­ie?

1772 wur­de Jean Sa­mu­el Gu­i­san Lei­ter der na­he­ge­le­ge­nen Zu­cker­plan­ta­ge «Ac­ca­ri­bo» und da­zu Kom­man­dant der lo­ka­len Mi­liz, wel­che auch für die Be­kämp­fung der ge­flo­he­nen Ver­sklav­ten zu­stän­dig war. 1777 liess er sich von Frank­reich ab­wer­ben und wur­de in Fran­zö­sisch-Gu­ya­na Chef­inge­nieur für land­wirt­schaft­li­che und hy­drau­li­sche Ar­bei­ten. 1792 kehr­te er von Ca­yenne in die Schweiz zu­rück und wur­de 1798 auf­grund sei­ner Er­fah­run­gen in den Ko­lo­nien Ge­ne­ral­inspek­tor für Stras­sen- und Brü­cken­bau der kurz­le­bi­gen Hel­ve­ti­schen Re­pu­blik. 

Ausschnitt aus der «Algemene kaart van Suriname (1737–1757)» von Alexander de Lavaux

Ausschnitt aus der «Algemene kaart van Suriname (1737–1757)» von Alexander de Lavaux

1781 hat­te sein On­kel Ni­co­las Da­vid Gu­i­san in Su­ri­na­me die Frei­las­sung ei­ner 1771 auf «La Li­ber­té» ge­bo­re­nen Na­net­ta Ge­rar­da ver­fügt, die er als sei­ne le­gi­ti­me Toch­ter an­er­kann­te. Sie war wahr­schein­lich aus ei­ner Af­fä­re oder ei­ner Ge­walt­be­zie­hung mit ei­ner Skla­vin na­mens Jo­han­na la Li­ber­té her­vor­ge­gan­gen. Wa­ren Sie, Afriy­ie, im Jahr 1771, als Na­net­te Ge­rar­da auf «Ih­rer» Plan­ta­ge ge­bo­ren wur­de, noch am Le­ben?

Im Jah­re 1755 er­schüt­ter­te das Erd­be­ben von Lis­sa­bon die Ge­wiss­hei­ten der eu­ro­päi­schen Phi­lo­so­phen. Sie frag­ten sich, wie ein gü­ti­ger Gott ein sol­ches Übel in der Welt zu­las­sen konn­te. Ih­re Welt, Afriy­ie, die Welt der Män­ner, Frau­en und Kin­der, die 1755 auf «La Li­ber­té» in­ven­ta­ri­siert wur­den, war schon viel frü­her er­schüt­tert wor­den. Was wa­ren Ih­re Gott­hei­ten, Afriy­ie, an de­ren Gü­te Sie im Lau­fe Ih­res Le­bens wahr­schein­lich oft ge­zwei­felt ha­ben?

Ko­lo­ni­al­her­ren nach Auf­stän­den aus­ge­lacht

1763 brach in der hol­län­di­schen Ko­lo­nie Ber­bice (heu­te: Gu­ya­na), ei­ner Nach­bar­ko­lo­nie von Su­ri­na­me, ei­ne Re­vol­te aus. Nach dem Auf­takt auf zwei Plan­ta­gen in St.Gal­ler Hän­den («Goed Land» und «Goed For­tuin») er­fass­te die Re­vol­te auch die Plan­ta­ge «Al­ten­klin­gen», die nach dem Stamm­schloss der Zol­li­ko­fer in Wi­gol­tin­gen TG be­nannt war. Ei­ne Plan­ta­ge nach der an­de­ren fiel in die Hän­de der Re­bel­len, die von Cof­fij aus dem Volk der Akan (heu­te: Gha­na) an­ge­führt wur­den. Nebst Cof­fij gab es noch den An­füh­rer «At­ta von Al­ten­klin­gen». Die Auf­stän­di­schen kon­trol­lier­ten schliess­lich ein Jahr lang den gan­zen Sü­den der Ko­lo­nie, brach­ten für ei­nen his­to­ri­schen Mo­ment das gu­ya­ni­sche Skla­ver­ei­sys­tem ins Wan­ken und rück­ten die Frei­heit (oh­ne An­füh­rungs­zei­chen) in greif­ba­re Nä­he.

Un­ter den nie­der­län­di­schen Trup­pen, die An­fang 1764 in der be­droh­ten Ko­lo­nie ein­tra­fen und den Auf­stand bis zum Früh­jahr nie­der­schlu­gen, be­fand sich auch Ma­jor Lou­is Hen­ri For­ge­oud (1708–1779), der aus Bus­si­gny-près-Lau­sanne stamm­te, aus je­nem Land al­so, das seit dem Ge­dicht Die Al­pen des Ber­ner Aris­to­kra­ten Al­brecht von Hal­ler als Hort der Frei­heit galt. Oder bes­ser: als Hort der «Frei­heit». Hal­ler hat­te 1729 Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik, Na­tur­be­geis­te­rung so­wie Sehn­süch­te nach so­zia­ler Er­neue­rung mit dem Be­griff der «Frei­heit» ver­bun­den und da­mit eu­ro­pa­weit ei­ne Be­geis­te­rung für die Schweiz und ih­re Berg­bau­ern und -bäue­rin­nen aus­ge­löst. Die Wir­kung der «Frei­heit» war laut Hal­ler so ent­schei­dend, dass hier selbst der win­ter­li­che Nord­wind sei­nen Schre­cken ver­lor: «Dann, wo die Frei­heit herrscht, wird al­le Mü­he min­der / Die Fel­sen selbst be­blümt und Bo­re­as ge­lin­der.»

Of­fen­bar zeich­ne­te sich Lou­is Hen­ri For­ge­oud bei die­ser Auf­stands­be­kämp­fungs­mis­si­on von 1764 der­art aus, dass er 1773, als wie­der Un­ge­mach in den Gu­ya­nas droh­te, im Rang ei­nes Obersts an die Spit­ze ei­ner 800 Mann star­ken hol­län­di­schen Streit­macht ge­stellt wur­de. Die­se ver­such­te fünf Jah­re lang (er­folg­los), die auf­stän­di­schen «Ma­roons» in Su­ri­na­me zu be­sie­gen. Das wa­ren ver­sklav­te Men­schen, die von ih­ren Plan­ta­gen ge­flo­hen wa­ren und ih­re ei­ge­nen Ge­mein­schaf­ten und Stütz­punk­te im Dschun­gel ge­grün­det hat­ten. Sie wa­ren so er­folg­reich ge­we­sen, dass sich ih­re bei­den gröss­ten Grup­pen (die Djuka und Sa­ra­ma­ka) an den Ober­läu­fen der Flüs­se Ma­rowi­j­ne und Su­ri­na­me schon 1762 ver­trag­lich ih­re Un­ab­hän­gig­keit von den Nie­der­lan­den hat­ten be­stä­ti­gen las­sen, nach ei­nem Gue­ril­la­krieg von fast ei­nem Jahr­hun­dert.

Wa­ren Sie, Afriy­ie, im Jah­re 1773 noch am Le­ben, als der hel­ve­tisch-nie­der­län­di­sche Oberst For­ge­oud den Re­bel­len der «Nè­gres Bo­ni» aus tak­ti­schen Grün­den «Le­ben, Frei­heit, Le­bens­mit­tel, Ge­trän­ke, al­les, was sie be­gehr­ten» ver­sprach? Laut dem schot­ti­schen Sol­da­ten und Schrift­stel­ler John Ga­bri­el Sted­man (Nar­ra­ti­ve of a Fi­ve Ye­ars Ex­pe­di­ti­on against the Re­vol­ted Ne­groes of Su­ri­nam in Guia­na on the Wild Co­ast of South Ame­ri­ca) ant­wor­te­ten die Re­bel­len «mit schal­len­dem Ge­läch­ter».

Sie hät­ten mit ih­nen ge­lacht, nicht wahr, Afriy­ie?

 

Die­ser Text ist ei­ne leicht er­wei­ter­te Ver­si­on von Li­ber­té, ei­nem fran­zö­si­schen Bei­trag des Au­tors für die Text­samm­lung ABC arts & mu­sées. His­toire co­lo­nia­le et voix au­to­ch­to­nes, her­aus­ge­ge­ben von Sa­ra Pet­rel­la und Mylè­ne Stei­ty. Das Buch er­scheint die­ser Ta­ge im Seis­mo-Ver­lag. Hans Fäss­ler hat für Sai­ten sei­nen Text mit zeit­wei­li­ger Hil­fe von KI aus dem Fran­zö­si­schen ins Deut­sche (rück)über­setzt. Die Spur von «Ve­nus» fin­det sich in: Cor­ne­lis van Vel­sen und Jo­han­nes Smit, In­ven­ta­ris van de Plan­ta­gie La li­ber­té van den 8 & 9 De­cem­ber 1755 im Bur­ge­meesters­ar­chief, Sta­dsar­chief Ams­ter­dam.

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Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover