Die versklavte «Venus» auf einer Plantage namens «Freiheit»

Versklavte Männer und Frauen beim Zuckerrohschneiden: Handkolorierte Aquatinta von William Clark (1823). (Bilder: pd)

Während das aufklärerische Europa über die Universalität menschlicher Freiheit philosophierte, liess es seine Konsumgüter ennet dem Atlantik von Sklav:innen produzieren. Hans Fässler spürt dem Schicksal einer Unterdrückten nach, die 1755 in einer Plantage in St.Galler Mitbesitz «inventarisiert» war.

Ge­gen Mit­te des 18. Jahr­hun­derts wird der Ruf nach «Frei­heit» un­ter den eu­ro­päi­schen Eli­ten dies­seits und jen­seits des At­lan­tiks laut. Im Jahr 1749 ver­öf­fent­licht Mon­tes­quieu L'E­sprit des lois (Der Geist der Ge­set­ze). Zwi­schen 1751 und 1772 ver­brei­tet die fran­zö­si­sche En­cy­clo­pé­die ou Dic­tion­n­aire rai­son­né des sci­en­ces, des arts et des mé­tiers in 35 Bän­den das Ge­dan­ken­gut der Auf­klä­rung. Die Ab­bés Mal­let und Yvon so­wie De­nis Di­de­rot schrei­ben für die En­cy­clo­pé­die ei­nen Ar­ti­kel, in dem sie das Kon­zept der «Li­ber­té» aus­führ­lich er­läu­tern.

1755 ver­öf­fent­licht Rous­se­au den Dis­cours sur l'o­ri­gi­ne et les fon­de­ments de l'i­né­ga­li­té par­mi les hom­mes (Ab­hand­lung über den Ur­sprung und die Grund­la­gen der Un­gleich­heit un­ter den Men­schen). In den Sa­lons und Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas und Bri­tisch-Ame­ri­kas wird über «Ge­dan­ken­frei­heit», «Pres­se­frei­heit», «Han­dels­frei­heit», «Ei­gen­tums­frei­heit», «Wahl­frei­heit» und das «Recht auf Frei­heit» dis­ku­tiert – und da­bei Kaf­fee, Tee, Zu­cker, Scho­ko­la­de und Ta­bak kon­su­miert.

1755 kri­ti­siert die En­cy­clo­pé­die die Skla­ve­rei, weil «sie die Frei­heit des Men­schen ver­letzt» und weil sie «ge­gen das Na­tur- und Zi­vil­recht ver­stösst». 1759 ent­hüllt Vol­taire die Grau­sam­keit der Skla­ve­rei in der No­vel­le Can­di­de ou l'­op­ti­mis­me mit der Pas­sa­ge über den nèg­re de Su­ri­na­me. Aber für Sie, Afriy­ie, und für die an­de­ren 77 Män­ner, 54 Frau­en und 45 Kin­der, die 1755 auf der Zu­cker­plan­ta­ge «La Li­ber­té» am Su­ri­na­me-Fluss «in­ven­ta­ri­siert» wur­den, hat­te die­ses Ge­schwätz von der «Frei­heit» kei­ner­lei Be­deu­tung.

Ich ha­be lan­ge dar­über nach­ge­dacht, wie ich am bes­ten über Sie spre­chen kann, Sie, die Frau, die im In­ven­tar der Plan­ta­ge «La Li­ber­té» als Skla­vin «Nr. 25» un­ter dem Na­men «Ve­nus» und mit der dar­an an­ge­häng­ten Be­mer­kung «son­der neus» er­scheint. Das Zeit­al­ter der Auf­klä­rung soll ge­mäss dem Eng­li­schen (En­ligh­ten­ment) und dem Fran­zö­si­schen (Les Lu­miè­res) das Licht ge­bracht ha­ben, aber wie könn­te ich ver­hin­dern, dass Sie in der Dun­kel­heit ver­schwin­den wür­den, die die Auf­klä­rung für Sie be­deu­te­te?

Ich be­schloss zu ver­su­chen, Sie – so­weit mög­lich – zur Haupt­fi­gur die­ses Tex­tes zu ma­chen. Da­zu in­spi­riert hat mich auch die afro-ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­te­rin Sai­diya Hart­mann, die sich 2008 in Ve­nus in Two Acts mit der Häu­fig­keit des Skla­vin­nen-Na­mens «Ve­nus» im Ar­chiv der at­lan­ti­schen Skla­ve­rei be­fasst hat und mit der Schwie­rig­keit, et­was über die Trä­ge­rin­nen die­ses Na­mens aus­zu­sa­gen.

Die Frei­heit, die Sie mei­nen

Die Zu­cker­plan­ta­ge «La Li­ber­té» war nicht die ein­zi­ge die­ses Na­mens, der mich, als ich ihm zum ers­ten Mal be­geg­net bin, ir­ri­tiert und an den Zy­nis­mus von «Ar­beit macht frei» auf den Ein­gangs­to­ren ei­ni­ger KZ (u.a. Ausch­witz) er­in­nert hat. Es gab in der hol­län­di­schen Ko­lo­nie Su­ri­na­me noch ei­ne Kaf­fee­plan­ta­ge «La Li­ber­té» am Co­ro­pina­k­reek, da­zu kom­men noch die Zu­cker- und Ka­kao-Plan­ta­ge «De Vri­jheid» (Hol­län­disch für «die Frei­heit») am Pa­rak­reek so­wie je ei­ne Plan­ta­ge mit Na­men «De Vri­jheid» in den hol­län­di­schen Ko­lo­nie Ber­bice und De­mer­ra­ra (heu­te: Gu­ya­na).

Ich ha­be als ers­tes be­schlos­sen, Ih­nen ge­gen­über, Afriy­ie, die «Höf­lich­keits­form», d.h. das Sie zu ver­wen­den. Ich neh­me an, dass die Skla­ven­händ­ler auf dem At­lan­tik, die Auk­tio­na­to­ren in Pa­ra­ma­ri­bo (bzw. Fort Ze­e­lan­dia oder Nieuw Mid­del­burg) und die Plan­ta­gen­auf­se­her auf «La Li­ber­té» Sie auf Hol­län­disch ge­duzt ha­ben, wenn sie über­haupt mit Ih­nen ge­spro­chen ha­ben. Sie, die Sie wahr­schein­lich zur Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Plan­ta­ge Sran­an­ton­go ver­wen­det ha­ben, ein su­ri­na­mi­sches Kreo­lisch, das auf nie­der­län­di­schen, por­tu­gie­si­schen und afri­ka­ni­schen Ele­men­ten ba­siert.

Aber dann: Mit wel­chem Na­men soll­te ich Sie an­spre­chen? Si­cher nicht mit dem Na­men «Ve­nus», der Ih­nen wahr­schein­lich von ei­nem Auf­se­her in São Jor­ge da Mi­na, dem Skla­ven­fort vor der Gold­küs­te, ei­nem Ma­tro­sen auf der Über­fahrt über den At­lan­tik, ei­nem Men­schen­händ­ler in Fort Ze­e­lan­dia in Su­ri­na­me oder dem Ver­wal­ter von «La Li­ber­té» ge­ge­ben wur­de. Wie kommt es, dass man ei­ne Skla­vin «Ve­nus» nennt? Woll­te je­mand zum Aus­druck brin­gen, dass er ei­ne ero­ti­sche oder äs­the­ti­sche An­zie­hungs­kraft zu Ih­nen ver­spürt? Fand Sie je­mand häss­lich und woll­te sich über Sie lus­tig ma­chen? Woll­te ein Pflan­zer vor sei­nen Pflanz­erfreun­den mit sei­ner klas­si­schen Bil­dung prah­len? Die Na­men an­de­rer Män­ner und Frau­en, die auf «La Li­ber­té» ver­sklavt wa­ren, könn­ten die letz­te­re An­nah­me stüt­zen: Sca­ra­mou­che, Am­phi­tri­on, Mi­nos, Sam­son, Se­ra­phi­na, Olim­phie, Apo­lo­nia und Ju­pi­ter.

Die meis­ten Men­schen, die in der Ko­lo­nie Su­ri­na­me ver­sklavt wa­ren, stamm­ten aus Gha­na, Ben­in und Lo­an­go, aber sie ka­men zum Teil auch aus an­de­ren Tei­len West­afri­kas wie Se­ne­gam­bia, Gui­nea und der El­fen­bein­küs­te. Aus die­sem Grund ha­be ich ei­nen Frau­en­na­men aus dem Volk der Akan ge­wählt – in der Hoff­nung, dass die Um­stän­de Ih­rer Ge­burt glück­lich ge­we­sen sind. «Afriy­ie» be­deu­tet in der Akan-Spra­che Twi «gu­tes Jahr». Ich hof­fe, lie­be Afriy­ie, dass Sie mir mei­ne na­mens­ge­be­ri­schen Will­kür ver­zei­hen kön­nen.

«Son­der neus»

Vor ei­ni­gen Jah­ren sah ich zum ers­ten Mal im In­ter­net die di­gi­ta­li­sier­te Lis­te der ver­sklav­ten Men­schen auf der Plan­ta­ge «La Li­ber­té». Die Be­mer­kung son­der neus, die auf Ih­ren Na­men folgt, hat mich sehr be­wegt und tut es auch heu­te noch. Sie be­deu­tet «oh­ne Na­se» und er­in­ner­te mich selt­sa­mer­wei­se zu­nächst an ei­ne be­schä­dig­te Sta­tue aus dem grie­chi­schen Al­ter­tum. Tat­säch­lich wa­ren es die­se weis­sen Mar­mor­sta­tu­en, die für Ras­sist:in­nen al­ler Län­der wie den Schweiz-Ame­ri­ka­ner Lou­is Agas­siz das Ide­al der Weiss­heit ver­kör­per­ten, ob­wohl sie – wie man En­de des 19. Jahr­hun­derts wis­sen konn­te – ur­sprüng­lich nicht weiss, son­dern be­malt und da­mit – iro­ni­scher­wei­se – «far­big» bzw. of co­lour wa­ren.

Spä­ter liess mich das Feh­len Ih­rer Na­se, lie­be Afriy­ie, an ei­ne Form der Be­stra­fung den­ken, da ich Tex­te über die sprich­wört­li­che Grau­sam­keit der Pflan­zer in Su­ri­na­me ge­le­sen hat­te. Männ­li­che Ver­sklav­te, die nach ei­nem Ver­such der mar­ron­na­ge (Flucht in den Re­gen­wald, in die Man­gro­ven­sümp­fe und zu be­reits an­säs­si­gen afri­ka­ni­schen Ge­mein­den) ge­fasst wur­den, wur­den zur Ab­schre­ckung oft mit der Am­pu­ta­ti­on ei­nes Arms oder Beins be­straft. Die häu­figs­te Form der Be­stra­fung von ver­sklav­ten und an­de­ren Frau­en in pa­tri­ar­cha­li­schen Sys­te­men war die Ver­stüm­me­lung der Na­se. Erst kürz­lich kam mir dann der Ge­dan­ke, dass Ih­re Na­se auch das Er­geb­nis von Le­pra (nie­der­län­disch bo­asie) oder ei­ner an­de­ren Tro­pen­krank­heit sein könn­te. Tat­säch­lich taucht die Er­wäh­nung «met Ja­as» im In­ven­tar von «La Li­ber­té» bei vier Er­wach­se­nen und neun Kin­dern auf.

Ja­as oder Fram­boe­sia tro­pi­ca ist ei­ne chro­ni­sche Haut­in­fek­ti­on, de­ren Sym­pto­me an die Far­be von Him­bee­ren er­in­nern. Sie be­trifft vor al­lem Kin­der und Ju­gend­li­che und kann zu ei­ner Ver­stüm­me­lung des Ge­sichts füh­ren. Hin­zu kommt, dass auf «La Li­ber­té» auch ein Skla­ve na­mens «La Lan­de» mit der Be­mer­kung «son­der neus» auf­ge­führt ist. Viel­leicht ha­ben Sie, Afriy­ie, sich die Krank­heit zu­ge­zo­gen, als Sie noch ein jun­ges Mäd­chen wa­ren? Wie alt wa­ren Sie, als Sie im In­ven­tar un­ter «wij­ven» (hol­län­disch: Frau­en) ein­ge­stuft wur­den? Aber im Üb­ri­gen hof­fe ich ei­gent­lich, dass «son­der neus» mit «mar­ron­na­ge» zu tun hat­te, denn mich wür­de der Ge­dan­ke trös­ten, dass Sie ei­nes Ta­ges ein­fach von «La Li­ber­té» auf­ge­bro­chen sind, um Ih­ren Pei­ni­gern zu ent­kom­men und zu ver­su­chen, die­sen un­end­lich weit ent­fern­ten Ort der Frei­heit zu er­rei­chen, der auf der Su­ri­na­me-Kar­te von Alex­an­der de Lavaux mit «Weg­loo­pers Dor­pen van Re­bel­le Slaa­ven» (das Dorf der ent­flo­he­nen Skla­ven) ge­kenn­zeich­net ist.

Porträt des Barons Daniel d’Hogguer, in St.Gallen Daniel Högger genannt, aus dem Musée d'art et d'histoire in Genf.

Es gibt noch et­was an­de­res aus­ser der tröst­li­chen Hoff­nung auf ein bes­se­res Le­ben, das uns so­zu­sa­gen ver­bin­det. Im Jahr 1755 war Da­niël Vri­jheer Hog­guer Graaf van Bignan, des­sen Fa­mi­lie aus St.Gal­len stamm­te, seit fünf Jah­ren Mit­ei­gen­tü­mer der Plan­ta­ge «La Li­ber­té». Da­ni­el Hög­ger (wie er in St.Gal­len ge­nannt wird) be­sass al­so nicht nur die «Kis­te Rot­wein in Fla­schen im Kel­ler» und das al­te «Mes­sing­wasch­be­cken», wel­che Ver­wal­ter Fran­çois G. Chif­fe­ly (aus ei­ner aus Biel stam­men­den Ber­ner Pa­tri­zi­er­fa­mi­lie) zu­sam­men mit Hun­der­ten an­de­rer Ge­gen­stän­de sorg­fäl­tig in­ven­ta­ri­siert hat – er be­sass auch Sie, Afriy­ie.

1770 ging «La Li­ber­té» in den Be­sitz von zwei wei­te­ren Schwei­zern über: Ama­dée Sug­nens (ge­stor­ben 1773) und Ni­co­las Da­vid Gu­i­san (1727–1781), bei­de aus dem Ber­ner Waadt­land. Ers­te­rer war Pfar­rer der fran­zö­si­schen Kir­che in Pa­ra­ma­ri­bo, letz­te­rer ein Vor­fah­re des Schwei­zer Ge­ne­rals wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs, dem hoch­ver­ehr­ten Hen­ri Gu­i­san (1874–1960). Bei­de ge­schäf­te­ten auch mit dem Ber­ner Pa­tri­zi­er Ro­dol­phe Em­ma­nu­el de Hal­ler (1747–1833), Sohn des Dich­ters der Al­pen, Al­brecht von Hal­ler (1708–1777). Von 1771–1772 weil­te auf der Plan­ta­ge «La Li­ber­té» auch der Nef­fe von Ni­co­las Da­vid: Jean Sa­mu­el Gu­i­san (1740–1801), aus Aven­ches wie sein On­kel. Jean Sa­mu­el Gu­i­san war als Un­ter­leut­nant der hol­län­di­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen in Su­ri­na­me an­ge­kom­men, hat­te sich je­doch für ei­ne Kar­rie­re als Plan­ta­gen-Ver­wal­ter ent­schie­den und stu­dier­te die ver­schie­dens­ten Aspek­te der Ko­lo­ni­al­wirt­schaft. Ob Sie ihm wohl ein­mal be­geg­net sind, Afriy­ie?

1772 wur­de Jean Sa­mu­el Gu­i­san Lei­ter der na­he­ge­le­ge­nen Zu­cker­plan­ta­ge «Ac­ca­ri­bo» und da­zu Kom­man­dant der lo­ka­len Mi­liz, wel­che auch für die Be­kämp­fung der ge­flo­he­nen Ver­sklav­ten zu­stän­dig war. 1777 liess er sich von Frank­reich ab­wer­ben und wur­de in Fran­zö­sisch-Gu­ya­na Chef­inge­nieur für land­wirt­schaft­li­che und hy­drau­li­sche Ar­bei­ten. 1792 kehr­te er von Ca­yenne in die Schweiz zu­rück und wur­de 1798 auf­grund sei­ner Er­fah­run­gen in den Ko­lo­nien Ge­ne­ral­inspek­tor für Stras­sen- und Brü­cken­bau der kurz­le­bi­gen Hel­ve­ti­schen Re­pu­blik. 

Ausschnitt aus der «Algemene kaart van Suriname (1737–1757)» von Alexander de Lavaux

1781 hat­te sein On­kel Ni­co­las Da­vid Gu­i­san in Su­ri­na­me die Frei­las­sung ei­ner 1771 auf «La Li­ber­té» ge­bo­re­nen Na­net­ta Ge­rar­da ver­fügt, die er als sei­ne le­gi­ti­me Toch­ter an­er­kann­te. Sie war wahr­schein­lich aus ei­ner Af­fä­re oder ei­ner Ge­walt­be­zie­hung mit ei­ner Skla­vin na­mens Jo­han­na la Li­ber­té her­vor­ge­gan­gen. Wa­ren Sie, Afriy­ie, im Jahr 1771, als Na­net­te Ge­rar­da auf «Ih­rer» Plan­ta­ge ge­bo­ren wur­de, noch am Le­ben?

Im Jah­re 1755 er­schüt­ter­te das Erd­be­ben von Lis­sa­bon die Ge­wiss­hei­ten der eu­ro­päi­schen Phi­lo­so­phen. Sie frag­ten sich, wie ein gü­ti­ger Gott ein sol­ches Übel in der Welt zu­las­sen konn­te. Ih­re Welt, Afriy­ie, die Welt der Män­ner, Frau­en und Kin­der, die 1755 auf «La Li­ber­té» in­ven­ta­ri­siert wur­den, war schon viel frü­her er­schüt­tert wor­den. Was wa­ren Ih­re Gott­hei­ten, Afriy­ie, an de­ren Gü­te Sie im Lau­fe Ih­res Le­bens wahr­schein­lich oft ge­zwei­felt ha­ben?

Ko­lo­ni­al­her­ren nach Auf­stän­den aus­ge­lacht

1763 brach in der hol­län­di­schen Ko­lo­nie Ber­bice (heu­te: Gu­ya­na), ei­ner Nach­bar­ko­lo­nie von Su­ri­na­me, ei­ne Re­vol­te aus. Nach dem Auf­takt auf zwei Plan­ta­gen in St.Gal­ler Hän­den («Goed Land» und «Goed For­tuin») er­fass­te die Re­vol­te auch die Plan­ta­ge «Al­ten­klin­gen», die nach dem Stamm­schloss der Zol­li­ko­fer in Wi­gol­tin­gen TG be­nannt war. Ei­ne Plan­ta­ge nach der an­de­ren fiel in die Hän­de der Re­bel­len, die von Cof­fij aus dem Volk der Akan (heu­te: Gha­na) an­ge­führt wur­den. Nebst Cof­fij gab es noch den An­füh­rer «At­ta von Al­ten­klin­gen». Die Auf­stän­di­schen kon­trol­lier­ten schliess­lich ein Jahr lang den gan­zen Sü­den der Ko­lo­nie, brach­ten für ei­nen his­to­ri­schen Mo­ment das gu­ya­ni­sche Skla­ver­ei­sys­tem ins Wan­ken und rück­ten die Frei­heit (oh­ne An­füh­rungs­zei­chen) in greif­ba­re Nä­he.

Un­ter den nie­der­län­di­schen Trup­pen, die An­fang 1764 in der be­droh­ten Ko­lo­nie ein­tra­fen und den Auf­stand bis zum Früh­jahr nie­der­schlu­gen, be­fand sich auch Ma­jor Lou­is Hen­ri For­ge­oud (1708–1779), der aus Bus­si­gny-près-Lau­sanne stamm­te, aus je­nem Land al­so, das seit dem Ge­dicht Die Al­pen des Ber­ner Aris­to­kra­ten Al­brecht von Hal­ler als Hort der Frei­heit galt. Oder bes­ser: als Hort der «Frei­heit». Hal­ler hat­te 1729 Zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­tik, Na­tur­be­geis­te­rung so­wie Sehn­süch­te nach so­zia­ler Er­neue­rung mit dem Be­griff der «Frei­heit» ver­bun­den und da­mit eu­ro­pa­weit ei­ne Be­geis­te­rung für die Schweiz und ih­re Berg­bau­ern und -bäue­rin­nen aus­ge­löst. Die Wir­kung der «Frei­heit» war laut Hal­ler so ent­schei­dend, dass hier selbst der win­ter­li­che Nord­wind sei­nen Schre­cken ver­lor: «Dann, wo die Frei­heit herrscht, wird al­le Mü­he min­der / Die Fel­sen selbst be­blümt und Bo­re­as ge­lin­der.»

Of­fen­bar zeich­ne­te sich Lou­is Hen­ri For­ge­oud bei die­ser Auf­stands­be­kämp­fungs­mis­si­on von 1764 der­art aus, dass er 1773, als wie­der Un­ge­mach in den Gu­ya­nas droh­te, im Rang ei­nes Obersts an die Spit­ze ei­ner 800 Mann star­ken hol­län­di­schen Streit­macht ge­stellt wur­de. Die­se ver­such­te fünf Jah­re lang (er­folg­los), die auf­stän­di­schen «Ma­roons» in Su­ri­na­me zu be­sie­gen. Das wa­ren ver­sklav­te Men­schen, die von ih­ren Plan­ta­gen ge­flo­hen wa­ren und ih­re ei­ge­nen Ge­mein­schaf­ten und Stütz­punk­te im Dschun­gel ge­grün­det hat­ten. Sie wa­ren so er­folg­reich ge­we­sen, dass sich ih­re bei­den gröss­ten Grup­pen (die Djuka und Sa­ra­ma­ka) an den Ober­läu­fen der Flüs­se Ma­rowi­j­ne und Su­ri­na­me schon 1762 ver­trag­lich ih­re Un­ab­hän­gig­keit von den Nie­der­lan­den hat­ten be­stä­ti­gen las­sen, nach ei­nem Gue­ril­la­krieg von fast ei­nem Jahr­hun­dert.

Wa­ren Sie, Afriy­ie, im Jah­re 1773 noch am Le­ben, als der hel­ve­tisch-nie­der­län­di­sche Oberst For­ge­oud den Re­bel­len der «Nè­gres Bo­ni» aus tak­ti­schen Grün­den «Le­ben, Frei­heit, Le­bens­mit­tel, Ge­trän­ke, al­les, was sie be­gehr­ten» ver­sprach? Laut dem schot­ti­schen Sol­da­ten und Schrift­stel­ler John Ga­bri­el Sted­man (Nar­ra­ti­ve of a Fi­ve Ye­ars Ex­pe­di­ti­on against the Re­vol­ted Ne­groes of Su­ri­nam in Guia­na on the Wild Co­ast of South Ame­ri­ca) ant­wor­te­ten die Re­bel­len «mit schal­len­dem Ge­läch­ter».

Sie hät­ten mit ih­nen ge­lacht, nicht wahr, Afriy­ie?

 

Die­ser Text ist ei­ne leicht er­wei­ter­te Ver­si­on von Li­ber­té, ei­nem fran­zö­si­schen Bei­trag des Au­tors für die Text­samm­lung ABC arts & mu­sées. His­toire co­lo­nia­le et voix au­to­ch­to­nes, her­aus­ge­ge­ben von Sa­ra Pet­rel­la und Mylè­ne Stei­ty. Das Buch er­scheint die­ser Ta­ge im Seis­mo-Ver­lag. Hans Fäss­ler hat für Sai­ten sei­nen Text mit zeit­wei­li­ger Hil­fe von KI aus dem Fran­zö­si­schen ins Deut­sche (rück)über­setzt. Die Spur von «Ve­nus» fin­det sich in: Cor­ne­lis van Vel­sen und Jo­han­nes Smit, In­ven­ta­ris van de Plan­ta­gie La li­ber­té van den 8 & 9 De­cem­ber 1755 im Bur­ge­meesters­ar­chief, Sta­dsar­chief Ams­ter­dam.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.