Es ist staubig im Rathaus, riecht nach frischer Farbe. Auf den Treppen liegen herausgerissene Teppiche, irgendwo surrt eine Bohrmaschine. Im obersten Stock des denkmalgeschützten Gebäudes wird gekocht, in einer halben Stunde sollen gut ein Dutzend freiwillige Helfer zu Mittag essen.
Aufgetischt ist im Ratssaal, der sich zum neuralgischen Punkt des Sanierungsprojekts entwickelt hat. An der Wand hängen Papierzettel mit Eindrücken und Gedanken der Helfenden, gesammelt unter den zwei Punkten «Fears» und «Wishes». Viel erinnert nicht mehr daran, dass hier noch vor zwei Wochen Behördenmitarbeitende Papiere wälzten und der Gemeinderat Politik machte. Man merkt: Die Umbauarbeiten im «Rathaus für Kultur» sind auf Kurs.
Ohne Freiwillige geht nichts
Es wurde fast zur Zitterpartie für den Verein «Rathaus für Kultur» im Toggenburger Städtchen Lichtensteig. Das Crowdfunding lief gut an und erhielt in den Medien viel Resonanz, auch Saiten hatte im Oktober darüber berichtet. Aber bald stagnierte die Sammelaktion; wenige Stunden vor Ablauf nahm die Kampagne dann doch noch die Hürde von 33’333 Franken.
Seit Anfang Dezember sieht man, wo das Geld hinfliesst, denn nun setzt der Verein die geplanten Sanierungs- und Umbauarbeiten um. Das Projektteam um Maura Kressig, Sirkka Ammann und Maurin Gregorin kann dabei auf die Mithilfe vieler Freiwilliger aus aller Welt setzen.
Zu verdanken ist die bunte Helferschar der Non-Profit-Organisation SCI Schweiz. Als Teil eines internationalen Netzwerks mit gut 40 Niederlassungen engagieren sich jährlich rund 150 Menschen aus der Schweiz im Ausland, umgekehrt konnte SCI acht Freiwillige aus Ländern wie Finland, Russland, Italien und gar Japan für das Lichtensteiger Kulturprojekt begeistern.
Zwei von vielen Freiwilligen.
Auch aus der Region haben sich viele Helfer gemeldet. «Jeden Tag arbeiten hier zwischen zwölf und zwanzig Freiwillige», sagt Maura Kressig. Unter Anleitung von Fachkräften, wie sie betont. Und auch die politische Gemeinde Lichtensteig und der kantonale Denkmalschutz begleiten das ambitionierte Projekt.
Bewahren, aber für die Praxis sanieren
Den Lead für die Umgestaltung hat Maura Kressig zusammen mit der Innenarchitektin Livia Weishaupt. Es soll ohne grosse Eingriffe umgebaut werden, erklärt Kressig. «Wir bewahren, was schön ist, und machen Historisches, das bisher versteckt war, teilweise wieder sichtbar.»
Weitere Infos: rathausfuerkultur.ch
Abend der offenen Tür: 20. Dezember, ab 19 Uhr
Die Denkmalpflege stellte verschiedene Auflagen, so dürfen die jungen Kulturschaffenden etwa die Verbundglasscheiben nicht ersetzen oder das Treppenhaus massiv verändern. Die verschiedenen Zimmer werden pragmatisch für ihren Einsatz als Atelier- und Ausstellungsräume vorbereitet. Die Böden stellen dabei eine besondere Herausforderung dar – in den ehemaligen Behördenbüros liegt zum Beispiel Spannteppich, den der Verein zwar entfernen, aber nicht mit einem passenderen Untergrund wie etwa Linoleum ersetzen kann. Denn auch der Brandschutz spielt in die Planung. «Es ist noch spannend, wir wissen nie vor dem Herausreissen der Teppiche, was sich darunter befindet», sagt Kressig lachend.
Die Stimmung im Team ist locker und engagiert, die Arbeiten gehen professionell von der Hand. Bei kritischen Details und grösseren Bauarbeiten greift der Verein auf Fachleute zurück. Der Projektplan ist exakt durchgetaktet, denn bereits im Frühling sollen die ersten Künstlerinnen und Künstler Ateliers und Residencies beziehen, die Eröffnungsfeier findet am 9. März 2019 statt.
Schon zuvor kann sich die Öffentlichkeit – ob Crowdfunder, Anwohner oder einfach nur Interessierte – ein Bild vom Projekt machen: Am 20. Dezember öffnet das «Rathaus für Kultur» seine Türen und führt durch dieses ehemalige Verwaltungsgebäude, das sich nun Stück für Stück in ein Kulturzentrum verwandelt.
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