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Die Vorwarnungen hatten wir in den Wind geschlagen.

Babyratten, Vampirgetier und tote Schlangen. Und dann auch noch die Kuschelkunstzwillinge. Charles Pfahlbauer jr. hatte eine verfluchte Zeit am Langen Südsee.
Von  Charles Pfahlbauer jr.

Die Ankunft in der altehrwürdigen Pfahlhütte am Langen Südsee war heiter gewesen, es sprach alles dafür, dass wir wenigstens für zweieinhalb Wochen dem Seuchenhorror in der galligen Falte entronnen waren, auch wenn da und dort maskierte Italienerinnen herumliefen und Schwaden der Beklemmung aufkamen. Die Vorwarnungen, dass uns hier Schrecken ganz anderer Art drohten, hatten wir in den Wind geschlagen. Die Vorgänger hatten berichtet, dass ihnen eines Morgens beim Frühstück unter dem Maulbeerbaum Babyratten auf den Steintisch gefallen waren, aus heiterem Himmel zwischen Erdbeerkonfitüre und Käsebrett, drei Stück, die allerdings so schnell verschwunden waren wie der offenbar gegenseitige Schock. Babyratten! Und dass sich einmal, mitten am Nachmittag, eine Krähe auf die Nachbarin gestürzt hätte, als ob eine dösende Frau im Liegestuhl eine Beute wäre, um im letzten Moment, eine Krallenlänge vor dem Gesicht, noch abzudrehen; ein Scheinangriff, der wohl als Drohung verstanden werden sollte. Sie hätten sich nichts weiter Böses gedacht und die Vorfälle wieder vergessen.

Die beiden Tierepisoden kamen uns in den Sinn, nachdem am achten Tag, kurz vor Mittag, Braunauge beim Lesen auf der Terrasse plötzlich aufschrie: Etwas war gegen ihren Fuss auf dem Geländer gestossen, das Etwas zweifellos eine Ratte, die in der Folge in hohem Bogen in den Garten flog. War irgendwie noch lustig, aber dann standen wir in der zehnten Nacht morgens um vier schlaftrunken auf der Terrasse und werweissten eher verzweifelt, was zu tun sei. Oben in unserem Schlafgemach kreiste seit einer halben Stunde ein verrücktes Flugviech, das wir zwar nie sahen, aber annehmen mussten, dass es eine Fledermaus war.

Dabei hatten wir abends noch die atemberaubenden Flugkünste zweier Artgenossinnen bewundert, Pipistrelli im Mückenschmausrausch, immer wieder eine grandiose Naturkinoaufführung. Warum eine von ihnen nun wie irr im Haus herumraste und trotz weit geöffneter Fenster und Türen nicht herausfand, konnte nur Unheil bedeuten: Die wollte uns an den Kragen. Dracula ist eben doch wahr und nicht nur der Übername des neuen Gallenstaatssekretärs, dessen holländische Vorfahren sicher mit Waren aus Transsilvanien gehandelt hatten, man schaue Herzogs Nosferatu, aber lassen wir das. Irgendwann kam ein Morgen und war das Vampirgetier weg oder aber verwandelt worden: In der Garage lag jetzt eine Ratte, unversehrt und schön drapiert, aber tot. Vielleicht die, die gegen Braunauges Fuss gerannt war.

Jetzt erst wurden wir der sonderbaren Vorkommnisse gewahr. Hatten wir uns nicht gewundert, warum, abgesehen von einer psychotischen Bachstelze und zwei liebestollen Spatzen, nie auch nur ein Vogel im Garten aufgetaucht war, noch nicht mal eine Amsel und schon gar nicht im Vogelbad? Hatte der Nachbar nicht von einem Hornissennest berichtet, das er mit Feuerwehrhilfe zerstört hatte, aber seither mit umso mehr Wespen im Haus kämpfte, angeblich Hunderten? Hatten die Innerschweizerinnen vorgestern auf dem Steg nicht etwas von einem Zanderbiss erzählt? Und was war mit den Kormoranen, die als Viererbande ständig gegen unsere Jollenbordwand draussen an der Boje flogen?

Irgendwann sagte Braunauge: Hier ist die Hölle los, so, wie sich die Tiere verhalten. Und nach einer unangenehm langen Pause: Vermutlich wegen deinem blöden Buch. Ich fühlte mich ertappt, obwohl ich das selber auch gedacht hatte. Ach, sagte ich, kann nicht dein Ernst sein, ich habe ja nur ein wenig darin geschmökert. Aber klar, allein das blutrote Cover wirkte wie eine Einladung an Dämonen aller Art, und die fetten Lettern: EXORZISMUS, neckisch getrennt nach dem R. Der Bericht des französischen Priesters Georges Schindelholz, erschienen 1984 im Panorama-Verlag Altstätten, war mir bei einer Hausräumung zugeflogen. Ich verstaute das Buch sofort unter einer Beige dreckiger Wäsche und den ungelesenen Feuilletons der einzig verbliebenen grösseren Tageszeitung.

Als wir später am See, just dort, wo wir einen Steinweg für den Badegang ausgelegt hatten, eine grosse tote Kreuzotter fanden, wars definitiv genug des unheimlichen Gefühls hereinbrechender Höllenkräfte. Wir verbrannten Ratte und Giftschlange und entschlossen uns zum raschen Aufbruch: nur weg von hier, im Norden ist rund um den Stiftsbezirk sicher alles himmlisch in Ordnung.

Die Nachrichten, die uns Sumpfbiber schickte, verhiessen leider das Gegenteil: Offenbar war der beste Stürmer des Gallenstadtclubs Hals über Kopf ins Lochnessmonsterland geflüchtet, hatte ein Hecht im Hügelweiher eine Schwimmerin blutig gebissen und wurden im Bergdorfquartier zwei Brüder aufgegriffen, die am hellichten Tag füdliblutt auf der Strasse und in fremden Wohnungen herumhingen und wirres Zeugs redeten. Teufelsdrogen! Ausserdem erzählte man sich, die Kuschelkunstzwillinge hätten sich an den zehn Geboten vergriffen und diese als hohle Phrasen in fremder Sprache in Stein gemeisselt und dann im Abwasser versenkt. Immerhin hatte ein Pfarrer in Zürich zum Widerstand gegen die Frevler und ihre Jünger aufgerufen. Sumpfbiber selber hatte Kratzer an Beinen und Armen, von denen er keine Ahnung hatte, woher sie rührten. Kein Zweifel, im Gallenland war auch die Hölle los. Ich würde sofort das Buch lesen müssen! Wie heisst es im Vorwort: Es gibt keinen eindrücklicheren Beweis bezüglich der Vorherrschaft der guten über die bösen Mächte als ein erfolgreicher Exorzismus. Den brauchen wir jetzt, glauben Sie mir. Oder fragen Sie Braunauge.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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