Zum Schluss des Dokumentarfilms macht ein Mann ein Selfie. Er senkt seinen Kopf leicht zur Seite, damit der Hintergrund mit aufs Bild kommt: eine Grabstätte, von violetten Blumen geschmückt. Eine skurrile Szene. Dem Publikum in Locarno bleibt das Lachen im Hals stecken.
In den 99 Minuten zuvor entwirft Raus Film das eindringliche Bild eines dysfunktionalen Staates von der Grösse Westeuropas. Über die Hälfte der Bevölkerung Kongos lebt von weniger als 1.25 Dollar am Tag, der Welthungerindex stuft die Ernährungssicherheit 2017 als hochgradig gefährdet ein. Als eines der ärmsten Länder der Welt und zugleich einer der wichtigsten Rohstofflieferanten wird das Beispiel Kongo zum Symbol globaler Ungleichheit.
Afrikas Weltkrieg
Das Land, das Milo Rau vorfindet, ist noch immer gekennzeichnet von «Afrikas Weltkrieg», der bis heute über sechs Millionen Tote gefordert hat. Ein Krieg, der mit neun involvierten Ländern und über 40 Miliz-Gruppen, undurchsichtig und ohne klares Leitnarrativ, für journalistische Medien in der Masse unerzählbar blieb.
Auch heute noch dauern die Kämpfe im Ostkongo an, immer wieder dringen in den Medien Momentaufnahmen des Schreckens durch, ohne die Ursachen, Zusammenhänge in ihrer labyrintischen Komplexität verständlich machen zu können.
Das Weltpremieren-Publikum in Locarno (Bild: cb)
Theaterregisseur Milo Rau hat sich 2013 zum Ziel gesetzt, die globalen Verstrickungen um den Kongokrieg sichtbar und die Geschichten Beteiligter hörbar zu machen. Nicht als Oral History-Projekt, sondern in Form eines fiktiven Tribunals mit Augenzeugen, Milizkämpfern, Vertretern der Rohstoffindustrie und der Regierung.
Während Raus Vorlage, das Vietnamkrieg-Tribunal 1966 von Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre nur im Westen durchgeführt wurde, wollte er es an den Ort des Geschehens bringen. Mitfinanziert durch die Kulturförderung des Kantons St.Gallen und den Lotteriefonds, verarbeitet sein Film die Aufnahmen der Theatertribunale im ostkongolischen Bukava und Berlin 2015 mit Interviews von Experten und Beteiligten.
Das Massaker von Mutarule
Nach einer Stunde Warten wird das Premieren-Publikum in Locarno samt Bundesrätin Sommaruga mitten ins Geschehen geworfen: Eine wacklige Kamera folgt Raus Team, das 2014 durch Zufall als erstes am Schauplatz eines Massakers im Dorf Mutarule eintrifft.
Es sind hektische Szenen. Die Dorfbewohner fordern Raus Team auf, die auf der Strasse ausgebreiteten Leichen zu filmen. «Here, this is a baby, do you see?». Die Kamera hält drauf, und sie zielt immer wieder weg. Es sind beklemmende Momente. Augenzeugen berichten später, wie die Dorfbewohner ohne Schutz durch Polizei, Armee und UN-Friedenstruppen (die erst vier Tage nach dem Massaker eintrafen) der Gewalt ausgeliefert waren. Auf den Vorwurf staatlichen Versagens angesprochen, reden sich Regierungsvertreter später um Kopf und Kragen (zwei der Minister werden nach dem Tribunal entlassen).
Was der Film nicht zeigt: Nach einem Prozess, dem über tausend Menschen beigewohnt haben, kam der Militärgerichtshof Süd-Kivu Anfang 2017 zu einem Urteil: Ein Major der kongolesischen Armee wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er wegen Untätigkeit und mangelnder Antizipation das Massaker mit ermöglicht habe. Der Staat Kongo wurde in Konsequenz dazu angehalten, den Opfern finanzielle Kompensationen in der Höhe von 3000 bis 60’000 Franken zu zahlen. Die Zahlungen stehen noch aus. Die Tat wurde verurteilt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Täter sind weiter auf freiem Fuss.
Banro ist eine kanadische Bergbaufirma, die Gold im kongolesischen Twangiza fördert. (Bild: pd, Banro Corporation)
Dass die NZZ im Film die immergleichen Anschuldigungen hört, hängt mit der starken Gewichtung des Films auf die Konfliktmineralien-Thematik zusammen. Die ostkongolesische Region Kivu, in der Rau sein Tribunal platzierte, gilt als Hauptabbaugebiet von Kobalt, das in elektronischen Geräten wie Smartphones als Leitmaterial verwendet wird. Für die Sicherheit sorgen Milizen.
Seit den 90er-Jahren sprechen NGOs und Dokumentarfilme ins Gewissen des Endkonsumenten: Wer mobil telefoniert, finanziert damit womöglich den bewaffneten Konflikt im Ostkongo. Durch diese Verflechtung sitzt quasi die ganze Welt mit im Gerichtssaal. Wieviel Verantwortung tragen Endkonsumentinnen und -konsumenten – ob Mobiltelefon oder Goldschmuck – für das Vorgehen von multinationalen Unternehmen in Entwicklungsländern?
Auch wenn sich politisch einiges getan hat (im Juli etwa verabschiedete die EU ein Gesetz, das auch die kleinsten Einführer von Kobalt, Zinn oder Gold zu Sorgfaltsprüfungen der Lieferanten verpflichtet): Ein Allheilmittel ist noch nicht gefunden. Vor dem Tribunal kommen Bürger zu Wort, die Opfer wurden von Zwangsumsiedlungen durch den Zuzug internationaler Rohstofffirmen wie dem kanadischen Goldbergbauunternehmen Banro. Es wird geklagt über Versprechen von besseren Lebensgrundlagen, die nicht eingehalten wurden. Kongo könnte schon so lange reich sein. Wer plündert diesen Staat?
Teil eines Ganzen
«Das Kongo Tribunal» ist ein anklagender Film, in rasendem Tempo werden komplexe Themen wie die Einführung des Dodd-Frank Acts oder neue Rückverfolgbarkeits-Methoden für saubere Mineralien abgehandelt. Über den Krieg erfährt man wenig. Ein Dokumentarfilm reicht nicht aus, um dem «wohl ambitioniertesten Polittheater-Projekt» («Guardian») gerecht zu werden. Der Film ist Teil eines Ganzen, einer transmedialen Erzählung: ein Buch, ein ausführliches Web-Archiv, ein Video-Game und eine wandernde Ausstellung mit Virtual-Reality-Installation.
Das Kongo Tribunal (D/CH 2017, 100 Minuten) wurde im Rahmen der «Semaine de la Critique» in Locarno gezeigt. Er läuft ab 23. November in den Kinos.
Das vielstimmige Gross-Projekt rückt Kongo zurecht in unseren Fokus, nicht nur in der Absicht, das Vergessen eines unsichtbaren Weltkriegs zu verhindern. Kongo wird uns auch in Zukunft beschäftigen: als Austragungsort globaler und lokaler Verteilkämpfe, als oberste Priorität von Chinas wirtschaftlicher Afrika-Expansion, Feld zukünftiger binnen-afrikanischer Handelsrouten für die neuen Absatzmärkte und als Quelle der Rohstoffe für die Tablets und Teslas von morgen.
Die Weltpremiere in Locarno war eigentlich keine: Rau zeigte den Film diesen Sommer bereits tausenden Zuschauerinnen und Zuschauern in Theater- und Kirchsälen im Kongo. (Bild: The Congo Tribunal, Arne Birkenstock)
An der zweiten Vorführung des Films in Locarno fehlte der Regisseur, stattdessen trat ein anderer wichtiger Mann auf die Bühne: Vital Kamerhe, Oppositionsführer und einer der Favoriten für die wegweisenden Präsidentschaftswahlen 2018. Der Grundstein für die Zukunft und den Frieden des Landes wird in Kongos Hauptstadt Kinshasa gelegt, eine Autofahrt St.Gallen-Moskau entfernt von den Konfliktregionen im Osten.
Das Kongo-Tribunal wird im Wahljahr als Ausstellung durch das Land touren. Das aufwändig produzierte Web-Archiv, das den Film netzwerkartig umspannt und erweitert, wird auf die unabhängige Meinungsbildung und den Wahlausgang 2018 jedoch kaum Einfluss haben können: Kongo ist grösstenteils noch offline. Das «Dissent Magazine» wies diesbezüglich auf die bittere Ironie der globalen digitalen Kluft hin: Im Land, welches das Material für die Geräte liefert, die uns verbinden, haben gerade mal vier Prozent der Bevölkerung Anschluss ans Internet.
Das Buch zum «Hauptakteur des Kulturjahrs 2013», zu dem die Sonntagszeitung ihn kurzerhand ernannt hat: «Die Enthüllung des Realen» gibt kluge Einblicke in die Arbeit des Regisseurs Milo Rau.
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