, 5. Juli 2016
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Die Wilden aus dem Garten

Unkraut ausjäten und Gemüse von Blumen trennen: Generationen wuchsen mit dieser Garten-Ideologie auf. Das sei einseitig, weil auch das scheinbar Nutzlose seinen Nutzen habe, sagt dagegen die Stadtkampagne «clevergeniessen».

«Der Garten ist nicht per se natürlich», sagt Judith Degen aus Frauenfeld. «Er ist der Natur abgetrotzt und wird für die Ernährung gebraucht», sagt die Kräuterfachfrau. Sie führte kürzlich im Rahmen der Stadtkampagne «clevergeniessen» eine Gruppe Naturgarten-Interessierte durch die St. Galler Familiengartenanlage Riederenholz.

Ziel der unterhaltsamen und informativen Expedition war das Aufspüren, Anschauen und Erklären der vielen Wildpflanzen, die noch immer das Feindbild «Unkraut» bedienen. Dazu zählen auch die pflanzlichen Immigranten, Neophyten genannt. Der Bund hat die Kantone beauftragt, die Zuwanderung in der heimischen Flora zu tilgen, weil Neophyten bei Überhandnehmen Pflanzenkulturen schädigen, Ökosysteme auf den Kopf stellen und beispielsweise Bachborde zum Einstürzen bringen können.

Aber schliesslich ist auch das Edelweiss irgendwann einmal aus dem fernen Himalaya eingewandert.

Aus Unkraut wird Unbekannt-Kraut

Durch das Zusammenrücken auf unserem Planeten erfreuen sich immer grössere Bevölkerungskreise auch an den nicht seit Ewigkeiten hierzulande angesiedelten Pflanzen. Neuzugänge können ebenso so schön wie auch nützlich sein. Darauf machte Kräuterfachfrau Degen aufmerksam. So wandelte sich das «Unkraut» zum geheimnisvollen «Unbekannt-Kraut».

«Als die ersten Naturgärten in den 1980er-Jahren bei uns angelegt worden sind, gab es im hiesigen Handel noch keine einheimischen Naturpflanzen», sagt Degen. Das sei heute anders. Aber die Wildpflanzen sollte man nur nutzen, wenn man sie auch kenne. Bei vielen von ihnen drohe Verwechslungsgefahr, und das könne unangenehm giftig ausgehen.

Eine faszinierende Kollektion

Auf dem Rundgang durch die Anlage Riederenholz haben wir gut zugehört und anschliessend auch im Netz in der Heilpflanzenliteratur gegoogelt. Hier eine Kollektion von sehr sympathischen «Unkräutern», ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Silbertaler: Eine zweijährige Pflanze, deren Blüten in Rosa-, Violetttönen und Weiss erscheinen. Ihre Vegetationszeit liegt zwischen April und Juli. Die Fruchtstände fallen durch Schotenfrüchte mit silbrigen Scheidewänden auf. Der Silbertaler sucht sich seine Standorte im hellen Halbschatten von Büschen und Hecken. Die Pflanze ist raumergreifend und kann sich im ganzen Garten ausbreiten. Sie ist eine schmackhafte Zugabe zum Salat.

Klee: Davon gibt es 245 Arten. Die Pflanze gehört in die Familie der Schmetterlingsblütler. Die Blätter sind dreifiedrig. Vierblättriger Klee gilt als Glücksbringer. In der Landwirtschaft werden 16 verschiedene Kleearten als Futterpflanzen verwendet. Durch die Fähigkeit, in Symbiose mit Knöllchenbakterien an den Wurzeln Stickstoff aus der Luft zu binden, ist der Klee auch für die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit bedeutend.

Beinwell: Bekannt ist diese Pflanze auch als Wallwurz. Sie ist sommergrüne, ausdauernd und krautig. Beinwell hat Heilkräfte und hilft bei Knochenbrüchen und Wunden. Die Pflanze gehört zu den Raubblattgewächsen. Der englische Trivialname lautet «Comfrey». Weil die Pflanze alkaloidhaltige Wurzeln hat, kann sie auch zu Salben gegen Muskel- und Gelenkschmerzen verarbeitet werden.

Huflattich: Er ist eine ausdauernde, krautige Pflanze. Die langstieligen und grundständigen Laubblätter sind gezähnt und herz- oder hufförmig. Zuerst erscheinen im Frühjahr die korbförmigen Blütenstände. Huflattich bevorzugt trocken-warme Standorte auf durchlässigen Böden. Das Kraut hilft als Tee gegen chronischen Husten.

Salbei: Gleichsam eine Pflanze der Küche und der Medizin. Sie gehört zu den Lippenblütlern und zeigt sich in 850 bis 900 Arten. Viele Arten werden als Heilpflanzen, andere als Zierpflanzen genutzt. Kräuterfrau Degen empfiehlt den krautigen, in Halbsträuchern und Sträuchern wachsenden Salbei als Salat-Zugabe und zum Aperitiv mit Frischkäse.

Akelei: Davon gibt es 70 bis 75 Arten. Sie sind mehrjährig und krautig. Das Wurzelwerk ist ausgedehnt und bildet verholzende Rhizome mit einer Pfahlwurzel. Die Pflanze, die sich stark vermehrt, besteht aus mehreren aufrechten Stängeln, die meistens verzweigt sind. Früher ist Akelei als Heilmittel bei Herzbeschwerden verwendet worden.

Fingerhut: Er entstammt der Gattung der Wegerichgewächse und unterteilt sich in etwa 25 Arten. Alle Pflanzenteile sind sehr giftig. Der Verzehr in grösseren Mengen kann tödlich sein. In der Volksmedizin ist der Fingerhut als Mittel gegen Herzschwäche bekannt. «Nicht alle Ärzte empfehlen die Pflanze als Heilmittel», sagt die Kräuterfachfrau.

Borretsch: Ein einjähriges, krautiges Gewächs mit dunkelgrünen Laubblättern und kleinen Blumen, die als kleine blaue Sternchen in den Garten gestreut scheinen. Die Pflanze wird auch als Gurkenkraut oder Kukumer bezeichnet und gehört in die Familie der Raubblattgewächse. Sie wird als Gewürz- und Heilpflanze verwendet. Borretsch ist eines der unverzichtbaren sieben Kräuter in der «Frankfurter grünen Sosse», von der schon Goethe geschwärmt hatte.

Doldiger Milchstern: Auch bekannt als Stern von Bethlehem. Er ist krautig und hat sternförmige weisse Blüten. Die Pflanze gehört zur Familie der Spargelgewächse, ist leicht giftig, wird aber in der Homöopathie als Bachblüte benutzt.

Giersch: Ein Wildgemüse, das dem Salat oder Spinat beigegeben werden kann. Der Doldenblütler wird auch in der Volksheilkunde für die Behandlung von Gicht und Rheuma geschätzt.

Berufkraut: Ursprünglich eine Zierpflanze, die aus Nordamerika nach Europa gebracht worden ist und mit ihrer weiss-gelben Blüte dem Gänseblümchen ähnlich sieht. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass dieses Kraut einen Meter hoch werden kann. Das Berufkraut kann gegen Erkältungen eingesetzt werden.

Reinkohl: Ist bei Kaninchen und Hasen als Futter beliebt. Die Pflanze hat hellgelbe, rispige Blütenstände auf langen Stielen. Der Milchsaft wirkt heilend bei Wunden und Schrunden.

Löwenzahn: Mit seinen auffällig gelben Pustelblumen, deren verblühte Reste sich so poetisch verblasen lassen, ist er eine vielfältige Heil- und Küchenpflanze. «Man sollte sie nicht ausjäten, sondern ernten», sagt Kräuterfachfrau Degen. Löwenzahn wirkt bei Bronchitis, Husten, Fieber, Appetitlosigkeit, Frühjahrsmüdigkeit und gegen viele andere Zipperlein.

Storchenschnabel: Er ist verwandt mit den Geranien, das zeigen die kleinen, hübschen Blüten. Wegen seines herben Geruchs wird er manchmal auch als «stinkender Storchenschnabel» beschimpft. Heilend wirkt die Pflanze bei Hautproblemen und Verdauungsstörungen. Als «Chindlichrut» wird ihm auch ein gewisses Fruchtbarkeitspotenzial nachgesagt.

Zimbelkraut: Ist ein violett blühender Mauerbewohner. Die Pflanze tritt oft als Teppich auf. Sie enthält viel Vitamin C und wirkt deshalb stärkend bei Frühjahrskuren.

Hexenkraut: Die Pflanze mit den kleinen zartrosa Blüten schätzt etwas finstere, feuchte Standorte und ist wegen ihrer Leuchtkraft weithin sichtbar. Als Heilpflanze wirkt das Hexenkraut jedoch nur mässig, beispielsweise harntreibend und blutstillend. Berühmter ist das Kraut für seine angebliche Magie in Liebesdingen und als Abwehrmittel gegen Zauber und Unheil.

Schinkenwurz: Ursprünglich kommt die Pflanze, die auch als Nachtkerze bekannt ist, aus Nordamerika, wo sie bereits bei den Indianern als Heilpflanze bei der Linderung von Hautkrankheiten im Einsatz stand. Im 17. Jahrhundert traf sie in Europa ein, wo sie sich wegen ihrer Heilkräfte rasch ausbreitete. Aber Vorsicht, nicht alle Leute vertragen Schinkenwurz. Die Pflanze fällt durch ihre leuchtend gelben Blüten auf, die sich erst in der Abenddämmerung öffnen und am nächsten Mittag schon wieder verblüht d. h. erloschen sind. Das haben Kerzen halt so an sich. – Übrigens schmeckt das Kraut auch lecker in einem Wildsalat.

Zwei neuen Einwanderern droht der Garaus

In Appenzell Ausserrhoden versteht man beim Thema Neophyten keinen Spass. In einer von der Fachstelle Pflanzenschutz in diesen Tagen verbreiteten Mitteilung an die Medien heisst es: «Der Einsatz bei der Bekämpfung invasiver und gebietsfremder Pflanzenarten (invasiver Neophyten) lohnt sich. Die Ausbreitung dieser Pflanzenarten konnte erfolgreich eingedämmt werden.»

In diesem Jahr seien aber zwei neue Arten aufgetaucht. Bei diesen sei Vorsicht geboten. Es handelt sich laut Mitteilung um das Schmalblättrige Greiskraut und das Einjährige Berufkraut. Das Schmalblättrige Greiskraut sei bei Verzehr für Mensch und Tier giftig. Ab Juli entstünden reife Samen, die im Herbst keimten. Es wächst entlang von Strassen und breitet sich von dort aus. Das Schmalblättrige Greiskraut müsse vor der Blütezeit samt den Wurzeln ausgerissen werden. Das Einjährige Berufkraut hingegen sei nicht giftig. Es könne sich aber auf Weiden und Magerwiesen vermehren und die einheimische Flora verdrängen. Zur Bekämpfung müssten die Pflanzen vor der Blüte ausgerissen werden.

 

 

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