, 3. Juni 2021
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Die Wut der Bagger

Thomas Imbachs Filmessay Nemesis ist wild wuchernde Chronik einer Zerstörung, brillante Dokumentation staatlichen Grössenwahns und weit ausholendes Nachdenken über eine Schweiz, die Vergangenheit auslöscht – und die wegsperrt, was stört. Von Geri Krebs

«Die Stummfilme mochte ich sehr gerne, aber die gibt es jetzt nicht mehr.» Es ist die Mutter von Thomas Imbach, die sich beim letzten Besuch ihres Sohnes vor ihrem Tod so äussert. Und der Regisseur, der nach Day is Done (2005) nun zum zweiten Mal einen Film realisiert hat, der ausschliesslich aus seinem Atelierfenster im Zürcher Kreis 4 gefilmt wurde, scheint die Vorliebe seiner Mutter beherzigt zu haben.

Thomas Imbachs Mutter ist, zusammen mit weiteren Familienangehören und einigen prominenten Weggefährten – wie seinem Mentor, dem Experimentalfilmer Klaus Lutz oder dem Filmerkollegen Peter Liechti – einer der Menschen, denen Nemesis gewidmet ist. Der Filmtitel bezeichnet die griechische Göttin der Rache.

Einmal, in einer frei assoziierenden Szene, zoomt Imbachs Kamera eine seltsam gestikulierende junge Frau heran. Die Off-Stimme fantasiert dazu, vielleicht sei das ja die Person, die dereinst Rache nehmen würde für das Zerstörungswerk und für die Hybris: den Abriss von Zürichs altem Güterbahnhof und den Bau des 750 Millionen teuren, monströsen Gefängnis- und Polizeizentrums auf dem Gelände.

Sieben Jahre lang, von 2013 bis 2020 hat Thomas Imbach gefilmt. Herausgekommen ist ein so sperriges wie faszinierendes Werk von über zwei Stunden Dauer, bei dem so manches an einen Stummfilm erinnert. Das liegt nicht an nur der Abwesenheit von Dialogen. Da alles aus der Distanz gefilmt ist, bleiben die Bauarbeiter, die besuchenden Politiker:innen und all die anderen Menschen, die da auf und vor dem Baugelände von Imbachs Kamera beobachtet werden, stumm. Nur ganz vereinzelt vernimmt man ein Lachen oder einen gerufenen Wortfetzen.

Doch auch die einzigen Spezialeffekte in Nemesis sind die, die einem Filmemacher schon vor hundert Jahren – als damals einzige – zur Verfügung standen und die damals umso lustvoller eingesetzt wurden: Slow Motion, Zeitraffer und rückwärts laufende Szenen.

Monster und Viecher

Thomas Imbachs Kamera scheint sich bisweilen geradezu daran zu berauschen, wenn sich von der Baggerschaufel zertrümmerte Backsteinwände wieder aus dem Schutt erheben, für einen Moment wieder ein strahlendes Gebäude bilden, oder wenn an anderer Stelle die zeitgerafften riesigen Schneidegeräte das Zerkleinern eines überdimensionierten metallischen Kubus so aussehen lassen, als sei hier ein Dinosaurier beim Fressen zu beobachten.

In solchen und ähnlichen Szenen, etwa mit wild durcheinander rennenden Bauarbeitern oder mit Baggern, die sich beim Zertrümmern von Gebäudeteilen wie Monster gebärden, entwickelt Nemesis Slapstick-Qualitäten und weist ein weiteres Mal zurück in die Stummfilmära.

In anderen Momenten wird Nemesis gar zum Tierfilm. Einmal, als der bereits eingeebnete Baugrund vom Starkregen überflutet ist, stolziert ein Fischreiher durch die Pfützen. Und immer wieder, im Sommer wie im Winter, des Nachts im Schein der Baustellenbeleutung und tagsüber im Sonnlicht, spaziert seelenruhig ein Fuchs durchs Gelände, vermittelt ein Gefühl von Wildnis und unterstreicht gleichzeitig die poetischen Qualitäten von Nemesis, die an vielen Stellen auch mit vorüberziehenden Wolken, sich küssenden Liebespaaren oder Tanzschritten probenden Teenagern voll zum Tragen kommen.

Ein politisches Trauerspiel

Ein Manko von Nemesis ist allerdings, dass man im Film nichts über die politischen Ränkespiele erfährt, die das schändliche Bauwerk überhaupt erst ermöglichten. Zwar stehen am Anfang Bilder des alten Güterbahnhofs, man sieht ein Panorama von vor hundert Jahren, kurz darauf liest die Off-Stimme von Milan Peschel – die einzige im ganzen Film – aus einer Chronik über den so genannten Italienerkrawall von 1896. Das war ein Jahr, bevor der Güterbahnhof gebaut wurde – und so erscheint dieser einzige klar situierte historische Exkurs in Nemesis wie eine Ouvertüre zu den in der Folge kunstvoll ins Geschehen eingewobenen Erfahrungsberichten von insgesamt neun Geflüchteten – acht Männer und eine Frau – die in Gefängnissen in Zürich und Kloten auf ihre Ausschaffung warten.

Filmpremieren im St.Galler Kinok:
3. Juni 17.30 und 20.30 Uhr mit Regisseur Thomas Imbach

kinok.ch

Die Schweiz als ein Land, die schon immer Mühe hatte mit «ihren» Fremden: Das ist einer der erzählerischen Hauptstränge in diesem zornigen filmischen Requiem für ein unwiederbringlich verloren gegangenes Bauwerk. Über den Umstand aber, dass es die Sozialdemokratie war, die in der verschlungenen, über 20 Jahre zurückreichenden Entstehungsgeschichte des Polizei- und Justizzentrums Zürich (PJZ) – so der offiziell Name – eine  unrühmliche Rolle gespielt hatte, erfährt man leider gar nichts.

Tatsächlich hatte die Zürcher SP mit ihren Regierungsräten Markus Notter und Regine Aeppli 2003 die Volksabstimmung über den Bau des PJZ auf dem Gelände des Güterbahnhofes mit vorangetrieben und sich für das Vorhaben engagiert. Und als 2009 der Zürcher Kantonsrat das vom Volk knapp gutgeheissene Projekt schliesslich wegen massiver Kostenüberschreitung beerdigte, war erneut die SP gerne mit dabei, als es darum ging, ein Referendum gegen diesen Beschluss und damit eine zweite Volksabstimmung zu erzwingen, die dann schliesslich den Bau überhaupt erst ermöglichte.

Er habe schnell gemerkt, dass die Geschichte um das PJZ so kompliziert werde, dass das niemand nachvollziehen könne, begründete Thomas Imbach kürzlich in einem Interview diese Verständnislücke von Nemesis. Immerhin findet sich auf der Homepage des Verleihs eine drei Seiten umfassende «Chronik des Güterbahnhofs und des PJZ». Sie vermittelt einen ausgezeichneten Überblick darüber, welche politischen Deals und Machtspielchen das Monster in Zürichs Kreis 4 überhaupt erst ermöglichten.

 

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