, 15. Februar 2015
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Die Wut meiner griechischen Freunde

Die Freude war gross bei der Schweizer Linken. Doch kann man sie wirklich gut finden, diese neue griechische Kollisions-Regierung? Diese Rings-Lechts-Koalition? Meine Athener Freunde wollen an die Revolution glauben. von Sarah Schmalz

Nach «Je suis Charlie» nun also «Je suis Grec» . Die Wahl des Linksbündnisses Syriza sorgte auch bei der Schweizer Linken für Euphorie. Dass in Athen auf die Wahl der Schulterschluss mit den Rechtspopulisten folgte, war da nur ein kleiner Schönheitsfehler.

Dabei kann einem als Linke doch ein bisschen Gschmuch werden, wenn der Hauptnenner einer Koalition die Ablehnung der europäischen Schuldenpoltik ist. Und Themen wie die Migration hingegen plötzlich zum Detail verkommen. Erkennen wir Populismus nur bei den anderen? Meine Athener Freunde machten mir zumindest klar: Griechenland steht hinter der Koalition, weil es nichts mehr zu verlieren gibt.

Vom Gespenst zur Realität

Als ich 2010 zum ersten Mal in Athen war, harrte die Stadt der Dinge die noch kommen sollte. Noch war die griechische Schuldenkrise, die in ganz Europa die Schlagzeilen beherrschte, nur ein Gespenst, das in den vollen Bars umging. Unser Gastgeber Christos, der bald ein guter Freund werden sollte, zeigte uns eine Stadt der Übertreibungen, der Melancholie und des Trotzes. Man ging aus, man bestellte zu viel Essen, hörte zu laute Musik und qualmte trotz des europaweit eingeführten Rauchverbots. Chaos ist ein griechisches Wort. Drama ebenso. Kein Wunder also, dass in Athen immer gerade genug des einen herrscht, um das andere zu ermöglichen.

Die Depression kam schleichend

Ich bin regelmässig nach Griechenland zurückgekehrt in den letzten fünf Jahren. Nie habe ich das Land so erlebt, wie es oft beschrieben wurde seit Ausbruch der Krise. Ich traf nicht auf eine plötzliche Depression. Auf leere Bars und Restaurants. Viel schleichender und diffuser breitete sich die Krise aus, so schien es mir. Wie ein Virus, der langsam in alle Blutbahnen der Gesellschaft vordringt.

Meine griechischen Bekannten sprachen anfangs wenig und mit viel Ironie über die Krise. Während wir Schweizer nicht in gängige Klischees verfallen wollten, kritisierten sie schonungslos die faulenzenden Beamten, die Korruption, die fehlende Wirtschaft: «We only have gyros, haha.» Anstelle des Humors ist erst mit den Jahren Angst und Unsicherheit getreten. Als die Medien letztes Jahr von einer zaghafter wirtschaftlichen Erholung berichteten, war jeder in irgendeiner Weise von der Krise betroffen. Meine Feunde diskutierten über willkürlich hohe Stromrechnungen, über Lohnkürzungen und darüber, ob es für sie eine Zukunft gebe in diesem Land.

«Wir haben plötzlich alles verloren»

Meine Freundin Aliki ist heute 40 Jahre alt. Ihre Arbeit als Zeichnungslehrerin hat sie zwar nicht verloren. Doch sie verdient nur noch 800 Euro im Monat, ohne bezahlten Feiertage und Ferien. Alle Zusatzleistungen wurden gestrichen. Steuern bezahlt sie dafür mit jedem Jahr mehr. «Wir hatten ein gutes Leben», sagt Aliki. Für Politik hätten sich viele nicht interessiert. «Niemand wusste von den Schulden. Und dann haben wir plötzlich alles verloren.» Wer die Misere verursacht hat, steht für Aliki fest: «Wir bezahlen heute die Schulden, die von der alten Politikergarde angehäuft wurden.» Nach fünf Jahren Austeritätspolitik sei dazu in Griechenland kaum noch jemand bereit.

Wie alle meine Athener Freunde hat Aliki Syriza gewählt. «Sie sind wie wir», sagt sie über Alexis Tsipras und seine Mitstreiter. Viele meiner Athener Freunde sind auf dieselbe Hochschule gegangen wie Alexis Tsipras. Sind haben in denselben Studentenbars verkehrt. Dieselben linken Ideale geteilt. Dem gegenüber stehen für Aliki «unsere vielen Feinde: Die Reeder, die Troika, die Banken.»

Die Einteilung der Welt scheint einfacher geworden mit der griechischen Aussichtslosigkeit. Für meine Freundin jedenfalls ist Syrizsas Schulterschluss mit den Rechtspopulisten nicht der Rede wert. Die unabhängigen Griechen seien schwach und für die linke Regierung nur Mittel zum Zweck, sagt sie. Man müsse nun halt mit der Partei kooperieren, die genau so vehement gegen die Troika sei. Denn diese müsse endlich aus Griechenland verschwinden. «Wir werden behandelt wie ein kleines Kind, das bevormundet werden muss.»

Selbstbewusstsein statt Selbstkritik

«Ja, die Koalition mag populistisch sein», räumt meine Freundin Franzeska ein. Doch wer könne dies den Griechen verübeln. «Es ist absolut unfair, was uns passiert ist», sagt die Videokünstlerin. Die Bevölkerung blute seit fünf Jahren. Und dennoch gehe es immer weiter bergab. Bei den letzten Wahlen habe die Angst, die Geldgeber zu vergraulen, noch dominiert. «Doch inzwischen haben wir nichts mehr zu verlieren.» Und das sei wohl der wahr Grund für den Erfolg von Syriza.

Doga ist Realistin. Auch die neue Regierung werde wohl keine Wunder bewirken, sagt sie. Doch Tsipras gebe den gebeutelten Griechen zumindest ihr Selbstbewusstsein zurück. «Europa muss sich ändern und wir könnten das Strohfeuer sein.» Für diese Idee gehe Syriza eine Koalition mit den Rechten ein. Und für diese Idee seien viele wählen gegangen, die zuvor der Politik abgeschworen gehabt hätten. Die Zeit für Selbstkritik, findet Franzeska, sei vorbei. Erstmals seit langer Zeit sähen die Griechen wieder Licht am Horizont. Und diese Hoffnung brauche das Land. «Selbst wenn es sich am Ende als Falle herausstellen sollt .»

Für die Regierung auf die Strasse

Dem pflichten alle meine griechischen Freunde bei. Auch Christos, der uns bei jedem Besuch in seiner schönen Altbauwohnung beherbergt. Obwohl sie nur noch halb so viel kostet wie vor der Krise, kann er sie sich kaum mehr leisten. Es sei Zeit für einen radikalen Kurswechsel, findet er. Diese Woche, als die Eurogruppe an einer Krisengruppe über die Zukunft Griechenlands diskutierte, gingen viele meiner Bekannten zum ersten Mal für eine Regierung auf die Strasse. «Du solltest auch kommen», sagt Franzeska. «Hier ist Karneval.»

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