Liebe Schweizerinnen und Schweizer,
Ich werde gefragt: Wie ist es für dich, in der Schweiz eine schwarze Frau zu sein?
Diese Frage ist für mich am einfachsten mit einer Gegenfrage zu beantworten: Wie ist es denn, ein weisser Mann zu sein? Jeden Tag aufzustehen und zu wissen, dass diese Welt auf DICH zugeschnitten ist. Wie ist es, zu wissen, dass dein Dasein nicht nur geduldet wird, sondern dass du immer in jeder Runde mit offenen Armen willkommen geheissen wirst?
Das Privileg von weisser Ignoranz habe ich leider nicht. Die Strukturen dieser Welt erlauben es mir nicht, einfach «zu sein». Und das auf zweierlei Art und Weise.
Jeden Tag ein gewisses doppeltes Bewusstsein zu haben, geht leider meist mit viel Aufklärungsarbeit einher. Hier drei Fragen, die mir immer wieder gestellt werden:
Du sag mal, leben alle Schwarzen in Lehmhütten?
Habt ihr eigentlich Wifi in Kenia?
Du bist bestimmt froh, dass du nicht wie die anderen in Armut aufwachsen musstest, oder?
Wenn du weiss bist und jetzt bei diesen absurden Fragen entsetzt die Augen verdrehst und dir an die Perlenkette fasst, frage dich: Wann passierte es das letzte Mal, dass du in einem Raum warst und leger ein Negerspruch unter Weissen gerissen wurde, ohne dass du etwas gesagt hast? Vielleicht hast du sogar mitgeschmunzelt?
Ich höre oft: Samantha, heutzutage sind doch jetzt alle so «woke» – wieso das ganze Theater? Man fährt Elektrowagen, ist für die gleichgeschlechtliche Ehe und der ehemalige Vorstand der grössten Schweizer Bank ist doch auch schwarz.
Tja, manche unter euch sind so «woke», sie sollten nochmal ein Nickerchen machen. Weil bei der ganzen Übermüdung kommt dann nur so etwas wie «All Lives Matter» raus.
Man muss nämlich eins verstehen: Die vorhin erwähnten positiven Entwicklungen liegen meist im eigenen Interesse der wenig pigmentierten Bevölkerung (wie man gerne politisch korrekt sagt) und sind kein Zeugnis dafür, wie antirassistisch eine Gesellschaft ist.
Versteht mich nicht falsch. Eine schwarze Frau zu sein, ist keine Hürde. Ich liebe meine kenianischen Wurzeln. Unsere Lebensfreude. Unseren unausgesprochenen Gemeinschaftssinn. Unsere reiche Stammeskultur.
Schwarz sein und sich mit einer rassistischen und sexistischen Welt auseinanderzusetzen: DAS ist eine Hürde!
Aber wie zeigt man wahre Solidarität? Indem ihr euch nicht nur für Schwarze Popkultur interessiert, sondern auch für die Schwarzen Leben.
Wenn ihr wahre Solidarität zeigen wollt, solltet ihr verstehen, dass es die Verantwortung der Verursacher ist, die Dinge richtig zu stellen, und nicht die der Leidtragenden.
Wenn ihr wahre Solidarität zeigen wollt, solltet ihr aufhören, euch über die dunkelhäutigen Flüchtlinge in eurer Nachbarschaft zu beschweren, wenn ihr gleichzeitig Parteien wählt, die Waffen nach Afrika senden.
Liebe Schweizerinnen und Schweizer, die Zeit ist gekommen! Kein Schweigen mehr, sondern lautstarke Forderungen. Keine Privilegien mehr, sondern ein ebenerdiges Spielfeld. Keine Ausreden mehr, sondern Lösungen.
Samantha Wanjiru, 1993, ist 2019 von Freiburg im Breisgau nach St.Gallen gekommen und hat die erste Black-Lives-Matter-Demo in St.Gallen organisiert. Sie studiert Psychologie, arbeitet nebenher als Bademeisterin und schreibt seit September 2020 die Stimmrecht-Kolumne bei Saiten.
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