, 16. Dezember 2020
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Disziplinschmerz

Die «NZZ am Sonntag» schreibt sechs Seiten zum Thema Political Correctness und vergisst dabei das Wesentliche. Dabei wäre es gar nicht so schwer, schlechte Gewohnheiten abzulegen.

Geborenes Blackface: ein Walliser Schwarznasenschaf, fotografiert an der St.Jakobstrasse. (Bild: Dani Fels)

Wenn man schlechte Angewohnheiten loswerden will, zum Beispiel die schaumige Süssigkeit jeden Tag, hilft es, sich zu fragen, was schwerer wiegt: der Disziplinschmerz beim Verzichten oder der Schmerz des Bedauerns, wenn man Jahre später mit den Folgen seiner Laster konfrontiert ist, in diesem Fall vielleicht Übergewicht oder Diabetes.

Ist das auch auf gesellschaftliche Aspekte übertragbar? Zum Beispiel auf den Journalismus? Was wiegt schwerer: der Disziplinschmerz, jene Leute und Gruppen, über die man schreibt, auch gleich selber – als Autorinnen – zu Wort kommen zu lassen oder der Schmerz des Bedauerns, wenn man später realisiert, wie viel gesellschaftliches Potenzial einfach verbrannt wurde, indem man jahrelang nur ÜBER und nicht MIT diesen Anspruchsgruppen geschrieben hat.

Die «NZZ am Sonntag» hat sich in der Ausgabe vom 13. Dezember für den Schmerz des Bedauerns entschieden. Der Anlauf war eigentlich gut: «Im Namen der politischen Korrektheit werden Bücher zensuriert, Künstler ausgeladen, Bilder abgehängt. Wie sich der tobende Streit um Meinungs- und Kunstfreiheit auf die Kultur auswirkt», so der Übertitel des sechsseitigen Kultur-Spezial-Teils.

Die Texte dazu waren teils durchaus lohnend. Samuel Tanner zum Beispiel, früherer Saitenautor, warf einen kritischen Blick auf die Schenkelklopfer an Rheintaler Turnunterhaltungen, die er jedes Jahr mitschreibt. Das Interview von Peer Teuwsen mit Sophie Passmann zum Gerücht Cancel-Culture war ebenso lesenswert wie entlarvend. Er fühlte sich von ihr belehrt – sie legte ihm nahe, sein «Dasein als Star-Feuilletonist» mal mit einem Politologiestudium zu «unterfüttern» – er fand: «Jetzt aber genug der Frechheiten.»

Weiter ging es um Political Correctness in der Kunst, um das «politische Klima», das die US-Lebensmittelindustrie dazu «zwingt», vertraute Werbefiguren wie Uncle Ben oder Mrs. Butterworth von den Verpackungen verschwinden zu lassen, um das Schweizer Nationalheiligtum Globi und um Blackfacing – als Aufmacher auf der Titelseite mit Walliser Schwarznasenschafen illustriert. Und es gab ein Quiz aus der Vergangenheit unter dem Titel «Mohr, Weib, Muselmann».

Mehr als ein Dutzend Texte und kleinere Beiträge. Das Problem: Sie wurden von weissen Menschen verfasst. Mit einer einzigen Ausnahme, Martin R. Dean, dessen Vater aus Trinidad stammt und indische Wurzeln hat. Sein Text zum spezifisch schweizerischen Rassismus und der Black-Lives-Matter-Bewegung gehört zu den besten. Vermutlich genau darum.

Den restlichen Beiträgen, die Blackfacing und andere koloniale bzw. rassistische Stereotype thematisieren, fehlt die Perspektive von Menschen of Colour komplett. Sehr unzeitgemäss und ein grosses Versäumnis, schliesslich ist die «NZZ am Sonntag» noch eine der wenigen verbleibenden Qualitätszeitungen.

Der Disziplinschmerz in diesem Fall wäre ja nicht allzu gross gewesen. Er hätte nicht darin bestanden, sich eisern in Verzicht zu üben und jeden Tag von Neuem gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen, sondern schlicht darin, anderen einen Platz freizumachen und dafür ein bisschen über den Excel-Rand der bestehenden Autorinnenliste zu schauen.

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