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Dividenden trotz Kurzarbeit: Die Moralfrage bleibt

Huber+Suhner, LafargeHolcim, Arbonia, Georg Fischer oder Bühler: Die moralische Frage nach Dividendenausschüttungen trotz Kurzarbeit treibt auch die grossen Ostschweizer Unternehmen um. Gerade auch seit sich die Politik um eine Klärung foutiert und den Entscheid der Wirtschaft überlässt. von Roman Hertler und Corinne Riedener
Von  Roman Hertler  und  Corinne Riedener
Huber+Suhner in Herisau. Dividende: 31 Millionen. (Bild: Wikipedia)

Es wäre eine kleine Sensation im liberalen Helvetien gewesen: Mit einer knappen Mehrheit von 93 zu 88 Stimmen befürwortete der Nationalrat am Dienstag ein Verbot von Gewinnausschüttungen an Aktionäre für jene Unternehmen, die in der Coronakrise Kurzarbeitsentschädigungen vom Bund erhalten. (Saiten hat gemeinsam mit Tsüri.ch und Bajour aus Basel bereits am 20. April eine Recherche zum Thema «Dividenden trotz Kurzarbeit» publiziert.)

Gemäss «Rundschau» war die vorberatende Kommission mit grosser Mehrheit dafür. Einzig vier FDP- und ein GLP-Vertreter stimmten gegen den Antrag von SP-Frau Mattea Meyer. Sogar die sieben SVP-Delegierten stimmten für den staatlichen «Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit». Deren Parteipräsident Albert Rösti sagte dazu gegenüber SRF: «Die Arbeitslosenkassen müssen mit mehreren Milliarden Franken gefüllt werden. Da kann es nicht angehen, dass eine Firma, die Kurzarbeitsentschädigungen bezieht, ihre Kapitalbasis schmälert.»

Doch die Shareholder können aufatmen. Am Mittwoch hat der Ständerat alles wieder gekippt. Das Dividendenverbot für die Jahre 2020 und 2021 ist – vorerst zumindest – vom Tisch. Auch die in diesem Jahr bereits ausbezahlten Dividenden bleiben unangetastet.

SP-Ständerat Paul Rechsteiner versuchte noch dagegenzuhalten: Eine Verkäuferin müsse bei einem Lohn von 4000 Franken auf Kurzarbeit noch mit 3200 Franken auskommen und gehe somit «auf dem Zahnfleisch». Wenn Firmen von ihren Mitarbeitern Opfer verlangten und gleichzeitig Dividenden im grossen Stil ausschütteten, sei dies stossend, kritisiert der ehemalige Präsident des Gewerkschaftsbundes.

Huber+Suhner: 31 Millionen ausgezahlt

Die Herisauer Huber+Suhner AG, spezialisiert auf elektrische und optische Verbindungstechnik, verlangt ebenfalls Opfer von ihren Angestellten. Ab Mai werde «in gewissen Teilbereichen maximal 50 Prozent Kurzarbeit eingeführt», schreibt Mediensprecher Patrick Köppe auf Anfrage. Damit büssten Mitarbeiter maximal 10 Prozent ihres Einkommens ein. Zur Milderung allfälliger Härtefälle habe man eine patronale Stiftung eingerichtet. Im «Sinne der Solidarität» verzichten ab Mai auch Verwaltungsrat, Konzernleitung und höhere Kader auf 10 Prozent ihrer fixen Entschädigungen.

Gemäss Protokollen der Generalversammlung sind die Fixentschädigungen von Verwaltungsrat und Konzernleitung in den vergangenen fünf Jahren relativ konstant geblieben: Insgesamt 500’000 Franken gab es für den siebenköpfigen Verwaltungsrat 2016, in diesem Jahr sind es 640’000 Franken. Die Konzernleitung erhielt 2016 eine Fixentschädigung von insgesamt 3,6 Millionen Franken, 2020 sind es 3,5 Millionen Franken. Anders bei den variablen Entschädigungsanteilen: Die aktienbasierten Vergütungen für den Verwaltungsrat nahmen gegenüber 2016 um 350’000 auf 850’000 Franken zu, die variablen Vergütungen der Konzernleitung stiegen von 1,4 auf 2,2 Millionen Franken.

Das Geschäft läuft, die Bilanzgewinne bewegten sich in den vergangenen Jahren ungefähr zwischen 240 und 250 Millionen Franken. Es ist also davon auszugehen, dass die variablen Vergütungen jeweils Ende Geschäftsjahr grösstenteils ausbezahlt worden sind. Huber+Suhner kommentiert dies nicht weiter.

Am 1. April hat die Generalversammlung einer Dividendenausschüttung zugestimmt. 31 Millionen Franken wurden ausbezahlt, 2016 waren es noch 19,5 Millionen. Huber+Suhner spricht von einer «ertragsorientierten und konservativen» Finanzierungs- und Dividendenpolitik mit hoher Nettoliquidität und einer Eigenkapitalquote von rund 80 Prozent.

Aufgrund zurückbehaltener Gewinne könne das Unternehmen von der Liquidität her auch eine länger andauernde Marktschwäche gut meistern, schreibt Patrick Köppe. «Bei einem zu erwartenden tieferen Gewinn werden auch die künftigen Dividenden tiefer ausfallen.» Die eingeleiteten Massnahmen sorgten dafür, dass das Unternehmen operativ nicht in Schieflage gerät und für die Zeit nach der Krise gut gerüstet bleibt. Dies sei aus unternehmerischer Sicht sowohl für die Mitarbeitenden wie auch als Arbeitgeber in der Region zentral.

LafargeHolcim: Die Shareholder dürfen sich freuen

In einer deutlich höheren Liga spielt LafargeHolcim. Kurzarbeit hat auch der Baustoffhersteller mit weltweit über 70’000 Angestellten und Hauptsitz in Rapperswil-Jona angemeldet – allerdings «nur punktuell», wie das Unternehmen ausrichten lässt. Weiter will man sich dazu nicht äussern, auch nicht zur Frage, ob Dividenden trotz Kurzarbeit moralisch vertretbar sind.

Holcim und Lafarge haben 2015 fusioniert. (Bild: pd)

Klar ist aber: Die Shareholder von LafargeHolcim dürfen sich freuen. Gemäss Einladung zur Generalversammlung am 12. Mai in Zug soll eine Dividende aus den Kapitaleinlagereserven von 2 Franken pro Namenaktie ausgezahlt werden bis zu einer Gesamthöhe von rund 1,2 Milliarden Franken.

LafargeHolcim schaut auf ein Rekordjahr zurück, verfügt über eine starke Bilanz und eine hohe Liquidität, heisst es seitens des Unternehmens, deshalb schlage der Verwaltungsrat den Aktionären die Auszahlung einer Dividende vor. Ausserdem habe man mit dem Aktionsplan «Health, Cost & Cash» aktiv Massnahmen ergriffen, um die Fixkosten während der Coronakrise zu reduzieren – von rund 300 Millionen Franken im laufenden Jahr ist die Rede. Von strukturellen Massnahmen, wie beispielsweise einem Stellenabbau sehe man «im Moment» ab.

Das Unternehmen sei gut aufgestellt in der Krise und mit aktuell rund 8 Milliarden Franken äusserst liquid, heisst es auch in einer Medienmitteilung vom 30. April. Die grössten Auswirkungen erwartet LafargeHolcim im zweiten Quartal 2020, «angesichts der ermutigenden April-Daten zur Erholung in China blickt das Unternehmen aber zuversichtlich in die Zukunft». Die Bauindustrie sei widerstandsfähig und dürfte von künftigen Konjunkturprogrammen seitens Regierungen und Zentralbanken profitieren.

Georg Fischer AG: Kurzarbeit, Dividende und Lohnverzicht beim Kader

Die Georg Fischer AG in Schaffhausen beschäftigt weltweit über 15’000 Angestellte, in der Schweiz rund 3500 und hat ebenfalls Kurzarbeit angemeldet, nachzulesen auch hier in unserer ersten Recherche. Mittlerweile hat sich das Industrieunternehmen mit einem Statement zurückgemeldet: Rund ein Drittel der Angestellten ist von Kurzarbeit betroffen, wie Mediensprecher Beat Römer erklärt. Der grösste Teil davon im administrativen Bereich und in den meisten Fällen mit 40 bis 60 Prozent des Arbeitspensums.

Die verschiedenen Produktionsbetriebe in der Deutschschweiz hätten in den letzten Wochen immer normal gearbeitet, lässt Römer wissen, da sie von den Behörden als «essentiell und systemrelevant» eingestuft worden seien. Die Produktionsbetriebe im Tessin seien aufgrund der behördlichen Anweisungen geschlossen worden und würden seit Ende April teilweise wieder hochgefahren.

Der Hauptsitz der Georg Fischer AG in Schaffhausen. (Bild: pd)

Auf ihre Dividende wollten die Shareholder der Georg Fischer AG trotz Kurzarbeit nicht verzichten. Insgesamt 102,5 Millionen Franken wurden an der Generalversammlung vom 15. April beschlossen, was pro Aktie 25 Franken entspricht.

Das Unternehmen weise «eine starke Bilanz und eine hohe Liquidität auf», erklärt Römer. Das habe es dem Verwaltungsrat erlaubt, die Ausschüttung einer Dividende für das Jahr 2019 «entsprechend der langfristig orientierten Dividendenpolitik vorzuschlagen». Die Georg Fischer AG nehme die Verantwortung gegenüber allen Stakeholdern wahr. «Zahlreiche Kleinaktionäre und nicht zuletzt Pensionskassen haben in GF investiert. Gerade letztere haben jetzt aufgrund der stark schwankenden Börsen Schwierigkeiten, eine vernünftige Rendite zu erzielen.»

Allerdings: Verwaltungsrat und Management verzichten laut Römer auf 10 bis 20 Prozent ihres Lohns. «Als Akt der Solidarität. Die Mittel aus diesen Einsparungen fliessen an Mitarbeitende der Georg Fischer AG, die in Staaten mit wenig ausgebauten Sozialversicherungssystemen leben und arbeiten.»

Die maximal vorgesehene Gesamtvergütung für den achtköpfigen Verwaltungsrat im Geschäftsjahr 2021 liegt gemäss jüngstem Aktionärsbrief bei knapp 3,5 Millionen Franken, jene der fünfköpfigen, rein männlichen Konzernleitung bei gut 10,5 Millionen. Römer ergänzt: Im Geschäftsjahr 2019 lagen die tatsächlich bezogenen Kompensationen bei 2,7 Millionen für den Verwaltungsrat bzw. 7,5 Millionen Franken für die Konzernleitung.

Arbonia: Dividendenverzicht trotz «starker Bilanz»

Es geht auch anders: Die Arbonia-Gruppe hat kurzfristig beschlossen, «die Ausschüttung der Dividende bis aus Weiteres aufzuschieben», wie Mediensprecherin Valeria Brunschwiler auf Anfrage schreibt. Am Vormittag vor der Generalversammlung vom 24. April – als die Dividendenthematik bereits öffentlich diskutiert wurde – habe der Verwaltungsrat entschieden, auf einen entsprechenden Antrag zuhanden der Generalversammlung zu verzichten und den Bilanzgewinn von 200 Millionen Franken per Ende 2019 und damit auch den Jahresgewinn von 24 Millionen Franken auf neue Rechnung vorzutragen.

Vorgesehen war eine Ausschüttung von gut 15 Millionen Franken. Die GV folgte dem Verwaltungsrat und verzichtete auf die diesjährige Dividende. Der Entscheid auf Verzicht erfolgte gemäss Brunschwiler «trotz einer starken Bilanz als Vorsichtsmassnahme und zur zusätzlichen Liquiditätssicherung angesichts der noch nicht abschliessend einzuschätzenden gesamtwirtschaftlichen Einflüsse der Pandemie auf die Arbonia-Gruppe».

Die Arbonia-Gruppe beschäftigt rund 8400 Menschen. (Bild: pd)

Über den Umfang der beantragten Kurzarbeit könne das Unternehmen keine genaueren Angaben machen, da sie sehr situativ – beispielsweise für die Division Fenster im Tessin – eingesetzt werde. «Wir sind aber sehr dankbar, dass es dieses staatliche Hilfsprogramm in der Schweiz und in Deutschland gibt», so Brunschwiler.

Bühler: Kurzarbeitszustüpfe aus dem eigenen Sack

Auch die Bühler Holding AG mit Sitz in Uzwil hat einen alternativen Weg eingeschlagen. Der Technologiekonzern in Familienhänden blickt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurück.

Laut Unia-Gewerkschaftssekretär Lukas Auer hat die Geschäftsleitung bereits zu Beginn der Coronakrise alle Angestellten der Risikogruppe krankschreiben lassen und übernimmt ausserdem die fehlenden 20 Prozent des Lohns, damit die Angestellten keine Einbussen erleiden. Ausserdem habe man Kurzarbeit nur dort angemeldet, wo es wirklich nötig ist.

Bühler will zur entsprechenden Anfrage von Saiten «derzeit aus diversen Gründen keine Antwort geben», wie die Medienstelle mitteilt.

Die Diskussion bleibt noch lange erhalten

Ob nun ein vollständiger oder ein teilweiser Dividendenstopp, solidarische Lohnverzichte beim Kader oder freiwillige Zustüpfe für die Angestellten in Kurzarbeit: Die Moralfrage beschäftigt alle, aber augenscheinlich nicht alle gleichermassen. Sie ist auch nicht so schwarz-weiss, wie man reflexartig vielleicht denken mag.

Der Einwand zum Beispiel, dass manche Unternehmen bei einem politisch angeordneten Dividendenverbot Leute einfach auf die Strasse stellen, statt auf Kurzarbeit zurückzugreifen, ist nicht ganz unberechtigt. Ebenso die Angst, dass die Aktienkurse nach unten getrieben und die Unternehmen somit geschwächt werden könnten, wenn keine Dividenden ausgeschüttet würden.

Auch das Argument, dass die Kurzarbeitsentschädigung eine «Versicherungsleistung» ist, die sowohl von den Arbeitgeberinnen als auch von den Angestellten über Lohnabzüge finanziert und somit gemeinsam getragen wird, ist legitim. Allerdings bezahlen alle in diese «Versicherung» ein, von den Dividenden hingegen profitieren nur wenige. Zudem muss die Systemfrage gestellt werden, wenn institutionelle Anleger wie die Pensionskassen, die jetzt als Rechtfertigungsgrund zur Ausschüttung von Dividenden trotz Kurzarbeit herhalten, immer riskanter investieren müssen, um die Renten zu sichern.

So oder so: die Bundesversammlung hat sich an der Sondersession im Berner Messeareal gegen ein Verbot von Dividenden bei Kurzarbeit entschieden. Aus der Ostschweiz dran beteiligt waren unter anderem: Markus Ritter, Nicolo Paganini, Marcel Dobler, Susanne Vincenz-Stauffacher, Esther Friedli, Thomas Brunner, Lukas Reimann und Mike Egger.

Die Frage, wer für die Coronakrise bezahlen muss, wird noch einige Monate, vielleicht Jahre virulent bleiben. Erst rückblickend wird man einordnen können und sich erinnern, wer schon in den ersten Wochen der Krise und möglicherweise schon davor Augenmass bewiesen hat und wo die rücksichtslose Profitgier weiterfieberte.

So. Und nun zur allgemeinen Aussöhnung etwas Musik aus der Region:

 

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«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

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Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01