, 26. Juni 2012
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Doppeltes Lottchen überfällt Taxi

Raubüberfälle auf Taxis sind häufig und in der Regel nicht harmlos. Dass sie auch für Verwirrung sorgen ist eher selten, aber möglich. Die Einzelrichterin des Kreisgerichtes St.Gallen hütet sich von Polizeipfusch zu sprechen. Sie sagt stattdessen: «Es kann sein, dass der Polizist den Angeschuldigten kontrolliert hat.» – Die Wahl des Konjunktiv bei der mündlichen Begründung des […]

Taxiüberfall sorgt für Verwirrung

Raubüberfälle auf Taxis sind häufig und in der Regel nicht harmlos. Dass sie auch für Verwirrung sorgen ist eher selten, aber möglich.

Die Einzelrichterin des Kreisgerichtes St.Gallen hütet sich von Polizeipfusch zu sprechen. Sie sagt stattdessen: «Es kann sein, dass der Polizist den Angeschuldigten kontrolliert hat.» – Die Wahl des Konjunktiv bei der mündlichen Begründung des Urteils heisst aber unmissverständlich, sie ist sich nicht ganz sicher, obwohl sie auch sagt, der Polizist scheine ihr mit seinen Aussagen glaubwürdig zu sein. – Trotzdem, der vierzigjährige Angeklagte wird vollumfänglich freigesprochen, die Indizienkette ist eben nicht lupenrein. Die gesamten Kosten des Verfahrens – nahezu 13’000 Franken – gehen zu Lasten des Staates.

Attacke mit Pfefferspray und Würgegriff
Zur Debatte steht ein Raubüberfall auf ein Taxi in der Stadt St.Gallen am 27. Mai 2011. Der Angeklagte soll als Fahrgast im Fond des Wagens gesessen haben. Er soll plötzlich von hinten die Chauffeuse mit einem Pfefferspray attackiert und auch gewürgt haben. Beute: rund 300 Franken und etwa zehn Euro. Das Opfer konnte sich aus dem Fahrzeug befreien, davon rennen und die Polizei alarmieren.

Die Hauptverhandlung, wo es um den Tatablauf gegangen ist, hat bereits stattgefunden. Beim zweiten Teil geht es jetzt ausschliesslich um die Beweise, welche die Schuld des Angeklagten belegen sollen. Sie sind alles andere als klar. Mit Zeugenbefragungen soll nun Licht in die Sache gebracht werden.

Angeklagter soll zur Tatzeit im Ausland gewesen sein
«Als mein Kollege und ich um 22:20 Uhr am Tatort anlangten, kam uns auf der Strasse der Angeklagte entgegen», sagt der Zeuge der Anklage, ein Fahnder der St.Galler Kantonspolizei. Er sagt weiter, er kenne den Angeklagten gut von früheren Delikten, habe schon öfters mit ihm zu tun gehabt. Er sei daher sicher, dass dieser Mann auf der Strasse war und er ihn einer Personenkontrolle unterzogen habe. Der Angeklagte bestreitet aber vehement. «Das stimmt überhaupt nicht. Ich war zum Zeitpunkt des Taxiraubes gar nicht in St.Gallen, sondern im Ausland.»

Bruder des Angeklagten kontrolliert?
Jetzt tritt der Bruder des Angeklagten in Aktion: «Ich bin an jenem Abend von der Polizei kontrolliert worden und nicht mein Bruder. Ich war auf der Strasse, weil ich in der Nähe wohne, und nicht weil ich ein Taxi überfallen habe.» Die beiden Brüder sehen sich frappant ähnlich, obwohl sie keine Zwillinge sind.

Hat der Polizist bei der Personenkontrolle gepfuscht? Es spricht einiges dafür. So weiss er beispielsweise nicht mehr, ob er einen Personalausweis des Angeklagten kontrolliert hat und was das genau für ein Ausweis gewesen ist. Der Bruder des Angeklagten sagt, er habe gar keinen Ausweis auf sich getragen. Und der Angeklagte selbst sagt, er habe seinen Ausländerausweis zu jenem Zeitpunkt bereits als verloren gemeldet gehabt. Im Besitz eines anderen Ausweises sei er damals nicht gewesen. «Mit der Polizei habe ich schon acht oder zehn Jahre nichts mehr zu tun gehabt», insistiert der Angeklagte. «Ich bin schon lange sauber.»

Der Bruder doppelt nach: «Der Polizist wusste nicht, wen er vor sich hatte, mich oder meinen Bruder. Ich trug an jenem Abend ein Kapuzen-T-Shirt und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen.» – Der Polizist wiederum sagt, er kenne beide Brüder gut, weil er «geschäftlich» mit beiden zu tun gehabt habe. Ihm sei sicher keine Verwechslung passiert. Er kann in der zweiten Verhandlung aber nicht sagen, welche Kleider die von ihm kontrollierte Person getragen und ob sie allenfalls eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte.

Weitere Verwirrung
Die Verwirrung perfekt macht ein Kollege des Angeklagten, der im Taxi auf dem Beifahrersitz sass. Anfänglich hat er seinen Kumpel belastet. Später hat er die Aussagen wieder zurückgezogen. In der Beweisverhandlung sagt er nun, er wisse überhaupt nicht mehr, wer hinten im Taxi gesessen habe. Er sei an jenem Abend mit Alkohol und Drogen total zugedröhnt gewesen. Er könne nichts Vernünftiges über jenen Abend sagen. Er wisse nur, dass er den Bruder des Angeklagten am Tag gesehen und dieser ihm gesagt habe, dass der Angeklagte nicht da sei. Mit dem Bruder sei er zur Schule gegangen. Diesen kenne er sehr gut, den Angeklagten aber nur oberflächlich. Er habe einmal etwa zwei Monate mit den Beiden zusammengewohnt.

Obwohl der Angeklagte, sein Bruder und der Entlastungszeuge von ihrer Drogensucht gezeichnet sind, ist ihr Aussageverhalten überhaupt nicht widersprüchlich. Im Gegenteil: Die Angaben decken sich und scheinen nicht abgesprochen oder sonst wie konstruiert zu sein. Der Polizist aber kann in den wichtigen Punkten keine wirklich verlässlichen Aussagen machen (Ausweis bei der Personenkontrolle und Kleidung des Kontrollierten). Die Taxifahrerin ist mit ihren Angaben über den Täter auch nicht unbedingt hilfreich. Hier muss man sicher den Schock mitberücksichtigen. Bei den polizeilichen Einvernahmen hat sie den Angeklagten auf den vorgelegten Fotos nicht als Täter identifizieren können. Auch jetzt ist sie nur zu «Neunzig Prozent» überzeugt, dass der Angeklagte der Täter ist.

Taxiraub wird brutaler und professioneller
Taxiraub ist eine ernste Sache, obwohl sie in diesem St.Galler Fall auch eine kuriose Seite hat. In in- und ausländischen Kriminalstatistiken treten Rauüberfälle auf Taxis als klassische Delikte auf. Wer dringend Geld braucht, setzt sich einfach in ein Taxi und stellt unter Drohungen (mit Waffen oder nur verbal) seine Forderungen. So einfach scheint das. Viele Täter denken, das sei auch so. Wie eine Welle von Taxiüberfällen 2010 im Raume Basel-Stadt zeigte, ist dieses Raubdelikt bereits auch ein Teil des organisierten Verbrechens. Am Rheinknie haben bei den jüngsten Fällen jeweils junge Männer in Dreierbesetzung operiert und sind nach der Tat sofort nach Frankreich oder Deutschland verschwunden. Die Taten liefen teilweise unter Anwendung brutaler Gewalt ab. – Grosse Taxiunternehmen raten ihren Fahrern und Fahrerinnen, bei einem Überfall keine Gegenwehr zu leisten, sich aber das Signalement und die Sprache respektive den Dialekt der Täterschaft gut zu merken. Das kann bei der Aufklärung der Straftaten sehr hilfreich sein. Viele Taxis sind heute mit «Überfallknöpfen» ausgerüstet, die bei Betätigung bei der Polizei einen Alarm auslösen.

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