, 20. Oktober 2013
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Drehorgeln und Demonstranten

In Winterthur wird seit der Standortfucktor-Demonstration vom 21. September wöchentlich demonstriert: für Freiräume und gegen die Polizei. So auch diesen Samstag – friedlich und unbewilligt. David Nägeli war dort.

Drehorgeln stehen in der Altstadt verteilt. Aus kleinen Holzboxen oder grossen Wagen mit Rokoko-Verzierungen erklingt altes Liedgut. Das 14. internationale Karussell- und Drehorgelfestival wird von der Stadt unterstützt, um Platzmiete müssen sich die Musikanten nicht kümmern. Am oberen Graben spielt eine andere Musik.

Rund 150 Menschen haben sich ab 15 Uhr um den liegenden Holzmenschen unter der Baumallee verteilt. Ghettoblaster beschallen die Demonstration mit Techno- und Punk-Musik, beschriftete Transparente hängen an Bäumen und Sitzbänken: „Das isch Winti!“, steht in farbigen Lettern geschrieben. Die Demonstranten sind friedlich, es wird jongliert, gelacht und teilweise getanzt. Die Demonstration ist unbewilligt, aufgerufen zum Protest haben anonyme Aktivisten via SMS und Internet.

Man fordert den Rücktritt von Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Meier und Polizeikommandant Fritz Lehmann. Sie tragen die Verantwortung für den Polizeieinsatz am Standortfucktor vom 21. September, an dem eine 19-jährige Demonstrantin durch Gummischrottgeschosse schwere Verletzungen an einem Auge davontrug. 93 Menschen wurden verhaftet, elf verletzt. „Die Polizei hat klar auf Eskalation gesetzt“, sagt ein Demonstrant, der am Standortfucktor anwesend war. Hinter ihm wird ein DJ-Pult aufgebaut, neben ihm krabbelt ein Kind über den Boden.

Am Wochenende zuvor haben Jungsozialisten eine Demonstration unter dem gleichen Motto veranstaltet – mit Bewilligung. „Wir können doch nicht bei denen um Bewilligung fragen, gegen die wir demonstrieren“, kritisiert ein Demonstrant. An der bewilligten Demonstration zeigte sich der enge Spielraum: Ende um 22 Uhr, leise Musik und verhältnismässig hohe Kosten, um den staatlichen Stempel zu erhalten.

„Wir sind doch nicht im wilden Westen!“

Der Polizeieinsatz am Standortfucktor wird von der Stadtpolizei Zürich untersucht. „Das versickert in den Behörden“, befürchtet eine junge Frau. „Untersuchungsbericht der Stapo Zürich: Stadtpolizei Winterthur zielt mit Augenmass“, liest sich auf einem Transparent. Die Demonstranten sehen einen Rücktritt als einzige Möglichkeit: „Frau Günthard-Meier, wir sind doch hier nicht im wilden Westen!“, steht auf Klebern zu lesen, die von den Abwasserrohren der Stadt aus die Polizeigewalt anprangern.

Gegen 17 Uhr setzt sich die Demonstration in Bewegung und zieht durch die Altstadt von Winterthur, lauthals werden die Forderungen skandiert. Die Polizei bleibt abseits und beobachtet den Umzug. Viele Drehorgeln sind zu dieser Zeit schon verschwunden, das Festival ist bereits vorbei, die Bewilligung abgelaufen. Solange die Stadt nur das Lied der Gutbürgerlichkeit in den Strassen spielen lässt, wird der Ruf nach Freiräumen und der Protest gegen eine rein profitorientierte Stadtentwicklung nicht so rasch wieder verschwinden.

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