, 2. Juni 2016
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Drei Facetten der Macht

Konstanz feiert fünf Jahre lang Konzilsjubiläum. Verhandelt wurde vor 600 Jahren vor allem eines:
 Macht. Dies ist auch das Thema des dritten Jubiläumsjahres. Mit dabei: ein Ostschweizer Macht-Terzett. von Cathrin Caprez

Claudia Wälchli, Hans Guggenheim und Anna Beck-Wörner. (Bild: pd)

Geld und Wasser haben eines gemeinsam: Beide fliessen an den tiefsten Ort. Im Fall von Geld sind das die Orte der tiefsten Preise. Und im Fall von St.Gallen bedeutet dies das nah gelegene Deutschland.

Konstanz erlebt den Geldfluss aus der Schweiz besonders deutlich: Samstags und an Schweizer Feiertagen stauen sich die Autos im Städtchen, in den Einkaufsstrassen tönt es Schweizerdeutsch.

Die Macht des Geldes

«Gern gebe die meisten es ja nicht zu, dass sie in Konstanz einkaufen gehen», sagt Anna Beck-Wörner. Sie wird deshalb in Konstanz ein temporäres Schulden-Erlass-Büro eröffnen. Schweizer Einkaufstouristen können für einmal ihr schlechtes Gewissen gegen einen symbolischen Betrag von fünf Euro los werden.

Die Einnahmen aus diesem Ablasshandel will Beck-Wörner aber anders verwenden als die Kirche damals: Die Künstlerin lädt im Gegenzug Konstanzerinnen und Konstanzer zu einem Besuch nach St.Gallen ein; gluschtig machen soll ein Gutschein für eine St.Galler Bratwurst. «Mich interessiert, was die Geldströme mit uns machen», sagt Beck-Wörner. «Denn zwischen St.Gallen und Konstanz passiert im Kleinen, was überall auf der Welt geschieht.»

Am Konstanzer Konzil wurde Jan Hus, Reformator und Kritiker der katholischen Kirche, auf dem Scheiterhaufen hingerichtet – ein Versuch, ihn mitsamt seinem Gedankengut zu vernichten.

Hans Guggenheim sieht im Tod durch das Feuer eine lange und schreckliche Tradition: Vom Verbrennen der damals als Ketzer verurteilten Kirchenkritiker über die Hexenverbrennungen bis hin zum Anzünden von Büchern mit «verbotenem» Gedankengut.

Die Macht der Ideen

Mit dieser Tradition will Guggenheim brechen: In Konstanz wird er einen Scheiterhaufen abtragen, anstatt ihn anzuzünden. Jeder, der ein Scheit davon mitnimmt, vereitelt das beabsichtigte Auslöschen – und trägt stattdessen die Ideen, Träume, Ideale weiter. «Macht an und für sich halte ich für etwas Neutrales», sagt Guggenheim. «Erst die Art und Weise, wie Macht genutzt wird, macht aus ihr etwas Positives oder Negatives.»

Der Lärm einer nahe gelegenen Strasse, die Musik aus den Kopfhörern des Sitznachbars, polternde Schritte im Treppenhaus: Unser Leben ist voll von Klängen. Klängen, denen wir uns oft nicht entziehen können.

Die Macht des Klanges

«Auch im späten Mittelalter stelle ich mir die Gassen laut und vollgestopft vor», sagt Claudia Wälchli. «Aber der mächtigste Klang kam von den Kirchenglocken. Sie kündeten die wichtigen Ereignisse an und rief die Menschen in die Kirche.»

Macht-Terzett: 4. Juni, Marktstätte Konstanz
Infos: konstanzer-konzil.de

Diese Macht von damals hätten wir heute abgegeben – und zwar an unsere Smartphones. Deren Klänge – vom leisen Vibrieren bis zum penetranten Klingeln – bestimmen heute unsere Aufmerksamkeit, unsere Erreichbarkeit, je länger je mehr unser Leben. Wälchli wird in Konstanz eine Brücke schlagen zwischen dem «Sound» von einst und heute. Wie genau, das verrät sie noch nicht. Nur so viel: Es wird kein Entrinnen geben.

Anna Beck-Wörner, Hans Guggenheim und Claudia Wälchli haben von 2010 bis 2013 die höhere Fachschule für bildende Kunst in St.Gallen besucht. Die Kunst-Intervention Macht-Terzett ist ihr drittes gemeinsames Projekt. Mit Margit Bartl-Frank ist eine weitere Absolventin der Fachrichtung Bildende Kunst in Konstanz vertreten. Ihr Werk Same but different ist am Schnetztor in Form zweier grosser Blachen ausgestellt.

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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