, 6. Oktober 2021
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Drei Generationen, eine Obsession

Die Ausstellung «Robert Miriam Manuel Gilda Müller» im Museum im Lagerhaus erzählt eine gebrochene ­Familien­geschichte. Sie handelt von Erfolg und Absturz auf der Grenze zwischen Insider- und Outsider-Kunst.

Das Atelier von Manuel Müller. (Bilder: Museum im Lagerhaus)

Der Eisenplastiker Robert Müller (1920–2003) war unbestritten einer der grossen Schweizer Bildhauer seiner Zeit. Er wuchs in Zürich auf. Nach der Handelsschule ging er bei der Bildhauerin Germaine Richier und ihrem Mann Otto Bänninger in die Lehre.

Sein Karrierestart war fulminant. Dreimal erhielt Müller das eidgenössische Kunststipendium. Ab 1949 lebte er in Paris. Die Biennalen in Venedig und São Paulo und die Documenta Kassel luden ihn ein. Internationale Kunstmuseen zeigten seine aus Industrieschrott zusammengeschweissten Eisenskulpturen in Einzelausstellungen und nahmen sie in die Sammlungen auf.

Robert Mueller: Selbstbildnis, 1962

Hier im Lagerhaus geben Müllers Zeichnungen eine Ahnung von seinem impulsiven Wesen: Sein schwungvoller Strich kann sehr präzis sein, ist aber handkehrum völlig fahrig.

Intime Miniaturmalerei

1954 heiratete Robert Müller die Goldschmiedin Miriam Shir (1926–2007) aus New York. Sie entstammte einer jüdischen Familie aus Brooklyn. Das Goldschmiedehandwerk hatte sie bei Tiffany & Co. an der Fifth Avenue in Manhattan erlernt. Ihr Interesse galt aber ebenso der Malerei. Nach beendeter Ausbildung zog die junge Frau in die damalige Welthauptstadt der Kunst, Paris, wo sie auf Robert Müller traf. Ein Jahr nach der Heirat kam Manuel (*1955) zur Welt.

Miriam malte nicht für die grosse Öffentlichkeit. Ihr wenig umfangreiches Werk wurde erst Jahre nach ihrem Tod zum ersten Mal ausgestellt. Die Gouachen im Kleinformat widerspiegeln ihre eigene Befindlichkeit im Zusammenhang mit ihrem familiären Umfeld.

So thematisiert etwa die Gouache mit der Marmortischplatte im Domizil auf Kreta ihr depressives Leiden. Sich selbst stellt sie dar mit weinenden Augen am Hinterkopf, halb versunken im Meer. Links im Hirtengewand und mit Flöte lacht Robert dionysisch. Rechts das Haus in Frankreich mit drei leeren Stühlen im Hof.

Miriam Müller: Ohne Titel, Gouache auf Karton

In einer Ausstellungsvitrine liegen Goldschmiedear­beiten von Miriam Müller. Zwischen den Blättern einer fein gearbeiteten Palme von sechs Zentimeter Länge verstecken sich die Porträts ihres Gatten und des Familienfreundes Harald Szeemann, sich selbst positionierte sie in der Mitte.

Wie Szeemann Erwähnung findet, passt absolut in diese Ausstellung und zum Museum im Lagerhaus. Als Leiter der Kunsthalle Bern realisierte er 1963 die epochale Ausstellung «Bildnerei der Geisteskranken – Art Brut – Insania Pingens», in der er provokativ die Unterscheidung von Hochkunst und Art Brut in Frage stellte.

Nach Roberts Absturz

1975 erlitt Robert in Sizilien einen Nervenzusammenbruch, der ihn zum Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik von Trapani zwang. Danach war er ein anderer. Den «Eisen-Müller» gab es nun nicht mehr. Zwar entstand noch die Monumen­talplastik aus bemaltem Beton, die Fanfare, am Heimplatz vor dem Zürcher Kunsthaus. Jedoch wandte er sich seit 1978 von der Bildhauerei ab, hin zu Zeichnung und Druckgrafik. Der Kunstbetrieb betrachtete ihn von da an als unsicheren Wert.

«Robert Miriam Manuel Gilda Müller»: bis 13. Februar, Museum im Lagerhaus St.Gallen

Artist Talk mit Manuel Müller:
17. Oktober, 11 Uhr

museumimlagerhaus.ch

Miriam, die Frau im Hintergrund, Roberts «goldener Schatten», wurde schliesslich zum Angelpunkt für das Kunstverständnis in der Familie. Sie lud ihre Miniaturmalerei wie byzantinische Ikonen magisch auf. Ihr Sohn Manuel, der Holzbildhauer ist, knüpft daran an; er sehe sich weniger als Künstler, sondern vielmehr als Bote der Ikonen, sagt er von sich.

Seine figurativen Skulpturen baut er in Assemblagen, Altären und Gehäusen ein, die an Kultobjekte einer rätselhaften Religion erinnern. In seinem Synkretismus mischt er Elemente altägyptischer, afrikanischer und polynesischer Kunst. Um die Gewissheiten im Kunstbetrieb, in dem sein Vater eine Grösse war, schert er sich nicht.

Vererbte künstlerische Obsession

Manuels Tochter Gilda (*1992) benutzt dieselbe detaillierte Präzision in der künstlerischen Ausführung wie ihre Grossmutter Miriam. Ihre kleinformatigen Tuschzeichnungen von Bäumen, die aus den Herzarterien wachsen, füllen gerade mal eine Ausstellungsvitrine. Gilda studiert altnordische Literatur und lebt zurzeit in Island. Ihre Zeichnungen sind inspiriert von Mythen, Legenden und Archetypen. Begleitend zu ihrer akademischen Laufbahn gibt ihr das Familienumfeld den Antrieb zur künstlerischen Gestaltung mystischer Zwischenwelten.

Gilda Müller: aus der Serie Herzbäume, Tusche auf Papier, 2020

In der psychiatrischen Klinik von Trapani stiess Robert Müller auf den Art Brut-Künstler Giovanni Abrignani (1899–1977). Dessen Bildkompositionen begeisterten Robert derart, dass er das Werk des Mitpatienten, der zufrieden mit etwas Tabak und Süssigkeiten war, aufkaufte. Die Zeichnungen auf Anstaltspapier befinden sich immer noch im Besitz der Familie. Passend zum Museumszweck füllen sie im Museum im Lagerhaus die Wände eines separaten Raumes.

Heute ist Robert Müller im Kunstbetrieb mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Seine Fanfare ist aus dem Zürcher Stadtbild verschwunden. Sie musste am Heimplatz der Unterführung zur Kunsthauserweiterung weichen.

Jetzt steht sie da, wo sie eigentlich von Anfang an hingehörte: beim Mittelschulzentrum in Langenthal. Widerstand gegen die moderne Kunst in der Bevölkerung verhinderte damals die Aufstellung, weshalb die Grossskulptur in Zürich sozusagen Asyl erhielt.

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