, 4. Juli 2014
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Drei Tage Kultur zur Eröffnung

«Das alte Haus hat jene Zuneigung erfahren, die es verdient», sagt einer der Architekten. Davon kann man sich jetzt selber überzeugen: Heute eröffnet die Militärkantine mit einem dreitägigen Fest.

Auf dem Programm stehen unter anderem: Lufthans, Theater am Tisch, Balders Ross, Wazemba Overdrive Orchestra, Neoangin. Am Anfang der Idee stehen vier Namen: Anna Tayler, Angelica Schmid, Martin Kappenthuler und Jacques Erlanger setzten sich in den Kopf, die Militärkantine, die in den letzten Jahren als Restaurant «Kastanienhof» bekannt war, neu zu beleben: zwei Etagen Restaurant, der berühmte Garten unter den Kastanien, im ersten Stock die grosse Terrasse, darüber 21 Hotelzimmer. Viereinhalb Jahre haben sie am Projekt gearbeitet, Stadtrat, Parlament und Stimmvolk überzeugt, eine Aktiengesellschaft gegründet, viel Geld aufgetrieben – jetzt ist das Ziel erreicht.

Diskretes und Ausrufezeichen

Was für ein Déjà-vu! Auf den ersten Blick hat sich im Restaurant im Parterre kaum etwas verändert. Hoch war der Raum immer – und hölzig. «Den Architekten hätte es eigentlich gar nicht gebraucht», scherzt Hansueli Rechsteiner, der im Auftrag der Stadt St.Gallen, der das Haus gehört, die Renovation der Hülle, des Parterres und des ersten Stocks plante.

Halt! Den Architekten hat es sehr wohl gebraucht. Da steht diese Theke mit der dreiseitig zugänglichen Bar im Raum und setzt ein lautes, buntes Ausrufezeichen. Drauf eine in Florenz gebaute Kaffeemaschine. Unter der Barkante hat Martin Leuthold, Chefdesigner des Stoffherstellers Jakob Schlaepfer, eine Tapete angebracht, die mit vorgefundenen Elementen spielt. Blumen und Wappen, Gallus-Darstellungen und Militärdecken – ein fröhliches Durcheinander.

Im Kontrast dazu die restaurierte Decke mit ihrem floralen Fries, der erst beim Abtragen der verschiedenen Farbschichten zum Vorschein kam. Er schmückt nun wieder die Felder zwischen den Holzbalken – die in Wirklichkeit bemalte Gipsbalken sind. Die Saalbeleuchtung wiederum ist aus der heutigen Zeit. Der Saal geht nahtlos ins einsehbare Office über, dahinter die Profiküche. Die Details beachten lohnt sich: Die Metallkanten des Buffets finden sich auch im Vitrinenmöbel wieder. Der neu gegossene Terrazzo im Durchgang zu den Toiletten ist ebenfalls mit feinen Metallbändern gefasst: subtil eingesetzte neue Elemente.

Das historische Treppengeländer hat eine Absturzsicherung bekommen, ausgeklügelt entworfen. Der obere Saal mit der markanten Säule präsentiert sich in neuer Farbe: grau gestrichenes Täfer, darüber grüne Wände und vier historisierende Kronleuchter. «Darf man das?» fragten sich Bauherrschaft, Architekt und Denkmalpflege und fanden: «Ja, wir wagen hier integrative Denkmalpflege.» Das 1901 gebaute Offizierskasino, geplant vom damaligen St.Galler Stadtbaumeister Albert Pfeiffer, erträgt das. Schon das Original ist eine krude Mischung: ein bisschen Schloss, ein bisschen Waldhotel, ein bisschen Villa, mit gesuchter Asymmetrie, mit Erkern, Vorsprüngen, einem wild geformten Dach samt Turm. An der Fassade die bemalten Fensterläden, die an Fahnen erinnern, dazu drei Käppi tragende Soldatenköpfe und ein Löwenkopf.

Schlafen in Stilzitaten

Das Gastrokonzept will Überraschungen bieten: Allein 140 Plätze unter den berühmten Kastanien und auf der Terrasse im 1. Stock sind im Sommer ein sicherer Wert. Der Garten ist wieder frei einsehbar – und umgekehrt ist der Ausblick auf das bunte Treiben auf der Kreuzbleiche wieder frei. Mittagsmenüs werden im ersten Stock im Saal mit der massiven marmorierten Säule serviert, «in der Kantine, aber wie bei Muttern », wie es Jacques Erlanger umschreibt.

Im Parterrerestaurant herrscht eher Café-Atmosphäre. Bio aus der Region wird serviert, auf eine «Label»-Küche bewusst verzichtet. Eine feste Karte ist nicht geplant. Der Saal im 1. Stock steht am Abend Gesellschaften zur Verfügung, dahinter befindet sich auch die ausgeräumte ehemalige Küche, die in ihrer Rohheit fast so geblieben ist, wie sie das Militär einst hinterlassen hat, samt riesigem Tellerwärmeschrank.

Die Renovation ab dem zweiten Geschoss haben die Hotelbetreiber finanziert und mit dem Zürcher Architekturbüro Flury und Furrer realisiert. Sie sind in St.Gallen keine Unbekannten. Beide haben zu Studienzeiten in der Kunstgiesserei gearbeitet und im Sittertal als Architekten schon mehrmals geplant und gebaut: die Bibliothek, das Kesselhaus Josephsohn, den Wohn-Pavillon auf dem Fabrikdach. Die Architekten zitieren für die Hotelzimmer Stile vergangener Jahrzehnte. Jedes ist anders, und doch ist kein heute so in Mode gekommenes Vintage-Hotel daraus geworden. Die Möbel sind sorgfältig ausgewählt, es durfte kein «shabby chic» sein. Die alten Sessel sind alle neu gepolstert. Die Trennwände zu den Bädern zieren Schablonenmalereien, in Eiche gerahmt. Die Füsse der freistehenden Badewannen, die farbigen Punkte auf den Griff en der Wasserhahnen – Lukas Furrer hat selbst hergestellt, was fehlte. Die Betten sind made in St.Gallen, in der Werkstatt der Valida hergestellt, massiv und rutschsicher.

Fünf Parteien sassen jeweils am Tisch: Hochbau und Liegenschaftenamt, die Betreiber und die beiden Architekturbüros. Dass trotz dieser eher komplizierten Organisation ein Haus mit viel Charme entstanden ist, ist dem gegenseitigen Respekt der Beteiligten zu verdanken. Bleibt zu hoff en, dass sich die Zahlen des Businessplans erfüllen. Die Militärkantine jedenfalls hat trotz ihres martialischen Namens eine liebenswert zivile Ausstrahlung bekommen.

Eröffnung: Freitag, 4. bis Sonntag, 6. Juli, Militärkantine (ehemals Kastanienhof) St.Gallen 
Infos: militaerkantine.ch

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