, 7. Mai 2014
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Druck-Versuch zum Brückenschlag

Asylbewerber aus Syrien und Primarschulkinder aus Lutzenberg stellen zusammen Siebdrucke her. Am 10. Mai werden die Werke ausgestellt. Sie sollen Einheimische und Asylbewerber zusammenbringen.  Von Cornel Amerraye.

Donnerstagmorgen in Thal. Nicht die Schulglocke des leerstehenden Gymnasiums Marienburg läutet den Tag ein, sondern das fröhliche Gekreische von Kindern. Es sind Erst- und Zweitklässler der Primarschule Gitzbüchel in Lutzenberg, der Gemeinde oberhalb von Thal. Ein Dorf in Sichtweite zum Asylzentrum Landegg, wo zurzeit rund 150 Menschen aus fremden Kulturen leben. Das Verhältnis ist nicht ungetrübt, manche Lutzenberger ärgern sich über die ausländischen Gäste: Sie machten zu viel Dreck und seien ein Sicherheitsrisiko. Doch heute in Thal machen die Fremden mit den Kindern Siebdruck.

landegg4Zwanzig Schülerinnen und Schüler, ihre Lehrer und fünf syrische Flüchtlinge sind gekommen: Michael, seine Frau Abir, deren Schwester Saosan mit Tochter Razan sind alle Christen und kommen aus Aleppo, wo der Krieg besonders schrecklich tobt. Rodin, ein junger Kurde, stammt aus Homs – auch dort ist Krieg.

Projekt von Kunststudierenden

Die fünf Asylbewerber bringen den Kindern bei, wie man Siebdruck macht. Das haben sie während der letzten Monate selber erst gelernt, von Sarah-Maria Wieland und Manuel Scotoni. Die beiden besuchen die Zürcher Hochschule der Künste und haben dieses Projekt lanciert. Ihr Ziel ist es, Brücken zwischen den beiden Kulturen zu schlagen.

Das Schulzimmer in der Marienburg ist mittlerweile zur Werkstatt geworden. Zuerst wählen die Kinder die Motive aus, die sie drucken wollen. Diese haben sie schon vor Wochen vorbereitet: Märchenfiguren, Silvesterkläuse und viele Ornamente. Dann wird die Farbe ausgewählt und anschliessend wird gedruckt, auf Papier, T-Shirts, Taschen und auf alles, was die Kinder sonst noch mitgebracht haben.

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Michael zeigt den Lutzenberger Kindern, wie es geht.

Hier in Thal sind für einmal die Asylbewerber die Lehrer. Sie erklären die Technik und helfen den Kindern bei der Arbeit. Auffallend: Die Kinder sind am Anfang noch etwas schüchtern und zurückhaltend, tauen aber zusehends auf. Bald haben sie keine Berührungsängste  mehr und auch keine Kommunikationsprobleme. Und wenn die Asylbewerber sie einmal nicht verstehen, so reden die Kinder mit Händen und Füssen. Auch auffallend: Die Kinder haben keinerlei Vorbehalte gegenüber den fremden Menschen und begegnen ihnen völlig unvoreingenommen. Da könnte sich mancher Erwachsener eine Scheibe abschneiden.

Gemeinsame Arbeit schafft Nähe

Sarah-Maria Wieland und Manuel Scotoni, die beiden Kunststudierenden aus Zürich, wollen mit diesem Projekt genau das erreichen: dass sich Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen über die gemeinsame Arbeit näher kommen. Und mit Kindern ist dies natürlich am einfachsten. Allerdings sollen auch die Erwachsenen ins Boot geholt werden: Am 10. Mai werden die Werke bei einem Fest im Asylzentrum Landegg ausgestellt.

Profiteure dieses Kunstprojekts sind aber auch die Asylsuchenden. Seit einem halben Jahr leben sie in der Schweiz, ihre Heimat ist zur Hölle geworden. Hier versuchen sie so gut wie möglich in ein neues Leben zu finden, lernen die neue, schwierige Sprache. Jetzt im Zusammensein mit den Kindern können sie diese Sprache auch einmal anwenden.

Und so gehört dann auch zur Abrundung des Tages ein Vortrag über ihre Heimat. Michael, der gelernte Kinderarzt, zeigt Bilder von bekannten Bauwerken in Syrien. Sein Sohn, der siebenjährige Joud, der sich mittlerweile zur Gruppe gesellt hat, ergänzt: «Ist alles kaputt.»

Siebdruck-Fest: Samstag 10. Mai von 10-16 Uhr im Asylzentrum Landegg

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