Vor dem Haus Kuhgebimmel, freier Blick über Wiesen und Hügel Richtung Alpstein, drinnen alte Druckerpressen, Schneidmaschinen, Regale voller Lithosteine – man könnte sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlen. Urs Grafs Druckwerkstatt scheint tatsächlich aus der Zeit gefallen, einerseits; das «Andrerseits» dann weiter unten. Der lichte Raum im sonnengebräunten Holzhaus am Rand von Speicher ist über die Ostschweiz hinaus der letzte Ort, wo Künstler:innen ihre Radierungen, Holz- und Steindrucke produzieren können.
So wie Hugo Marxer. Der Liechtensteiner Bildhauer sitzt an diesem Morgen am Arbeitstisch, kontrolliert einen ersten Probedruck einer neuen Arbeit. Eine abstrakte Komposition, schwarze fragil wirkende Formen, dazwischen eine Spur Rot. «Passt», sagt er. Nach Speicher komme er seit vierzig Jahren. Künstler und Drucker, da könne keiner ohne den anderen, da brauche es Erfahrung, Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung.
Ein paar Dutzend Künstlerinnen und Künstler sind es, die in der Druckwerkstatt produzieren, einige regelmässig, andere sporadisch. Sie kommen aus der ganzen Ostschweiz, aus Liechtenstein und Vorarlberg, auch aus dem Süddeutschen, die meisten eher ältere Semester. Druckgrafik hatte etwa bis zu den 1970er-Jahren ihre grosse Zeit, es war die Ära, als in St.Gallen auch die Erker-Galerie und Erker-Presse ihre damals schon und heute erst recht hochgehandelte Kunst produzierte. Ab den 90er-Jahren ging das Interesse stark zurück. Digitale Verfahren und neue Bildmedien kamen auf.
«Bei den Jungen heute muss es Computergrafik sein», sagt Hugo Marxer. Radierung, Kupferstich, Lithografie, all das seien langwierige Arbeitsprozesse, auf die man sich mit viel Zeit einlassen müsse. «Ich mag die Vorbereitungen, das Entwerfen, das Erarbeiten des Druckstocks, dieses disziplinierte, langsame Vorankommen. Langsamkeit hat immer mit Wahrheit zu tun.» Und zugleich spiele beim Lithografieren der geglückte Moment eine entscheidende Rolle: «Der Strich auf dem glatten Stein, der muss von Beginn weg sitzen, da gibt es kein Zurück. Das fasziniert mich an der Technik – es ist immer auch ein Stück Risiko.»
Demokratische Steine
Urs Graf hat inzwischen die belichtete Platte mit Gummi Arabicum behandelt, hat neu Farbe aufgetragen, ein Papier eingelegt, den Druck in der Druckerpresse eingestellt, bereit für einen nächsten Probeabzug. Hier ist alles analog, man riecht die fetthaltige, mit farblosem Honig vermischte Farbe, das Bedienen der Presse braucht Kraft und Geschick. «Handarbeit halt», lacht Urs Graf – da kann auch mal ein Druckversuch schiefgehen, und Variationen liegen in der Natur der Sache.
Am Anfang habe er entsprechend Lehrgeld bezahlt, bis ihm die Arbeit so routiniert und selbstverständlich von der Hand ging wie damals bei seinem Lehrmeister und Onkel Peter Stahlberger, der die Druckwerkstatt wiederum von seinem Vater Karl Stahlberger, dem Grossvater von Urs übernommen hatte.
Hier ein- und ausgegangen war Urs schon als Jugendlicher. Er studierte dann aber Elektrotechnik, doktorierte in Biomedizin, arbeitete in Japan auf dem Gebiet der Spektroskopie und merkte dort, als das erste Kind zur Welt kam: Das ist nicht das ganze Leben. In seiner hochspezialisierten Branche war es zu jener Zeit ausgeschlossen, weniger als hundert Prozent zu arbeiten. Er schrieb seinem Onkel einen Brief und erhielt zur Antwort, «dass du davon aber nicht leben kannst». Die Familie entschloss sich dennoch zur Rückkehr.
Während sieben Jahren ging er in der Folge jeweils einen Tag in der Woche in die Lehre, seit rund zwanzig Jahren führt er die Werkstatt selber, hat im Hauptberuf eine Dozentenstelle an der Fachhochschule OST in Buchs und nennt es «ein ausserordentliches Privileg», die Druckerei quasi als Hobby betreiben zu können, ohne materiell davon abhängig zu sein. «Wenn wenig Betrieb ist, ist das kein Problem. Und wenn viel läuft, freut es mich.»
Urs Graf ist überzeugt: Das Metier geht nicht unter, das Interesse an Druckgrafik wird wieder kommen, «vielleicht übermorgen, vielleicht in zwanzig Jahren», allerdings wohl auch in Zukunft beschränkt auf künstlerische Arbeiten. Anders war das bei seinem Grossvater Karl, der in der Umgebung als «schräger Vogel» galt, aber mit seiner Lithografiewerkstatt kommerziellen Erfolg hatte. Aus einer Schublade holt Urs Graf ein dickes Buch mit Druckmustern: hunderte, tausende von Etiketten und anderen Kleindrucksachen insbesondere aus der Stickereiindustrie. Ostschweizer Textilunternehmen liessen hier ihre Embleme drucken.
Lithografie war das verbreitetste Druckverfahren vor dem Aufkommen des Offsetdrucks nach dem Zweiten Weltkrieg. Kurz nachdem man Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich entdeckt hatte, dass Kalkstein die hervorragende Eigenschaft hat, zugleich Wasser und Fett anzunehmen, erlebte der Steindruck innert weniger Jahre einen rasanten Aufschwung in ganz Europa. Die neue, insbesondere für Farbdruck geeignete Methode bediente den «immensen Bedarf an Bildern», wie Urs Graf sagt, auf eine bis dahin nicht möglich gewesene Art, und sorgte so für die Demokratisierung von Druckerzeugnissen, vergleichbar dem jüngsten Aufschwung dank Laserdruckern.
Bilder und komplexe grafische Produkte wie Landkarten und industrielle Druckerzeugnisse entstanden im Steindruck; noch bis in die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurden alle Karten der Landestopographie so hergestellt. Und dies, für den Laien kaum vorstellbar, durchwegs mit seitenverkehrten Vorlagen. Das gelte natürlich bis heute: «Alles, was meine Druckwerkstatt verlässt, ist seitenverkehrt.»
Wo Kunst auch Handwerk ist
In den Regalen an der Wand stapeln sich Lithosteine in allen Grössen. Ist eine Arbeit fertig gedruckt, reinigt der Drucker den Stein in einer grossen Wanne im hinteren Teil der Werkstatt mit Schleifsand und macht ihn für eine nächste Arbeit wiederverwendbar. In der Druckwerkstatt werden aber auch die anderen traditionellen Verfahren praktiziert: Hochdruck mit Holz oder Linolvorlagen sowie Radierungen, das geläufigste Tiefdruckverfahren, bei dem die Motive in eine Kupferplatte geritzt oder geätzt werden.
«Das ist die hohe Schule des künstlerischen Handwerks, wie es in der Region nur noch wenige Kunstschaffende beherrschen», sagt Urs Graf und holt eine Arbeit des in Gais lebenden Hans Schweizer aus einer der Schubladen, in denen er die «Epreuves d’artistes» aufbewahrt. In den Verkauf kommen diese Probedrucke nicht, auch wenn er immer mal wieder Anfragen dafür erhalte.
Von Grafs Unabhängigkeit profitieren auch die Künstlerinnen und Künstler; manche seien knapp bei Kasse, andere könnten den Preis zahlen, den die Arbeit habe. «Bis jetzt geht es für mich auf», sagt er und will kein Aufhebens um das Geld-Thema machen. Das ist, um auf den Anfang zurückzukommen, auf die scheinbar einer längst vergangenen Zeit zugehörige Institution in den Appenzeller Hügeln, das «Andrerseits»: Urs Grafs Druckwerkstatt, die keinen Showroom hat, die ohne Werbung auskommt und wo niemand sein Ego präsentieren muss, ist vermutlich gerade dank diesen Qualitäten ein Zukunftsmodell. Hier passiert Kulturförderung auf stille, für die Öffentlichkeit kaum bemerkbare Art, ohne Subventionen und Debatten. Und erst noch nachhaltig, menschenfreundlich und ressourcenschonend.
dwsp.ch
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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