Bevor Peter Klaunzer die ehemaligen Verdingkinder fotografierte, besuchte er sie und hörte ihnen zu. Die 28 Portraitierten erzählten ihm vieles aus ihrer Vergangenheit – vieles aber auch nicht, weil es immer noch zu schmerzhaft ist oder weil sie bis heute keine Worte dafür finden. Manchmal fuhr er mit ihnen auch an Tatorte – Wälder oder Häuser, in denen einige von ihnen vergewaltigt und missbraucht wurden. «Ich war teilweise schockiert, denn es waren Horrorgeschichten und jede einzelne wäre ein Film für sich», sagt Peter Klaunzer.
Verzeihen ja, vergessen nicht
«Du hattest kein Zuhause, du konntest nirgendwohin», sagt die heute 82-jährige Rita Soltermann über ihr Schicksal. Sie war die zweitälteste von vier Kindern. Als ihr Vater starb, war sie fünf Jahre alt. Der Stiefvater mochte die Kinder nicht und verlangte von der Vormundschaftsbehörde eine Fremdplatzierung, die auch prompt erfolgte. Jedes Kind bekam einen anderen Platz.
«Verzeihen ja, vergessen nicht!!!», sagt der 72-jährige Hubert Meyer zu dem, was ihm von katholischen Priestern und anderen angetan wurde. Vergewaltigt, geschlagen, ins Gefängnis gesteckt, dort wieder missbraucht, in die Psychiatrie gebracht, hat er sein Leben trotzdem in den Griff bekommen.
Verdingkinder – Portraits von Peter Klaunzer: bis 26. April, Küefer-Martis-Huus Ruggell FL
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Flüchtlinge im eigenen Land
Es sind grauenhafte Schicksale von Schweizer Kindern, die sich nichts zuschulden kommen liessen – ihre Eltern waren arm, geschieden, arbeitslos oder sie hatten zu viele Kinder. Das war Grund genug für Behörden und Kirchen, um einzugreifen. Hunderttausende wurden damals zu rechtlosen Flüchtlingen im eigenen Land. Niemand glaubte ihnen, sie waren nichts wert. Bis weit in die 70er-Jahre wurden sie ausgebeutet und misshandelt. In den letzten Jahren hat eine Unabhängige Expertenkommission die Geschichte der sogenannten Administrativen Versorgungen aufgearbeitet, mehr dazu hier, zum Theaterstück Verminte Seelen hier und zum Kanton St.Gallen hier.
Die Ausstellung zeigt Gesichter von Menschen, die von diesem Leben geprägt sind. Und dennoch: Ihre Augen sind klar, ohne Vorwurf. Sie wirken wie ein Spiegel. Manche lächeln sogar, als wollten sie sagen: «Ich habs trotzdem geschafft. Ich lass mich nicht unterkriegen. Ich bin ein Mensch wie du auch. Und die Würde jedes Menschen ist unantastbar.»
Fritz Propst. (Bild: Peter Klaunzer)
Jedes Portrait ist mit einem Statement an einer Stellwand befestigt, dazu gibt eine kurze Biografie Auskunft über die Eckdaten der jeweiligen Person. Die Texte entstanden in Gesprächen mit den Betroffenen, die Walter Zwahlen, Präsident und Geschäftsführer des Vereins Netzwerk-Verdingt, führte.
«Es braucht Unabhängige, die sich um diese Schicksale kümmern»
Der Fotograf Peter Klaunzer, 1967 in Ruggell geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Programmierer und Wirtschaftsinformatiker. Seit 2006 ist er Agentur-Fotograf bei Keystone in Bern. 2018 begleitete er Bundespräsident Alain Berset ein Jahr lang. Dabei entstand jenes Foto, das durch die Medien ging: Es zeigt Alain Berset in New York, auf dem Trottoir sitzend, in Papieren lesend mit einem Stift in der Hand.
Menschen interessieren Peter Klaunzer. Als er 2014 bei der Initiativen-Einreichung ehemalige Verdingkinder fotografierte, sah er den Menschen ins Gesicht. Sie waren interessanter als die Unterschriften.
Walter Zwahlen besuchte im Oktober 2007 eine Lesung der Selbsthilfeorganisation von ehemaligen Verding-Kindern und konnte kaum fassen, dass all das in der Schweiz geschehen war. Gemeinsam mit der Selbsthilfegruppe gründete er im Juli 2008 den Verein Netzwerk-Verdingt. Die gut 40 Mitglieder sind, abgesehen von ihm selbst, alles ehemalige Verdingkinder. «Heute sind noch ca. 10’000 Verdingkinder am Leben», schätzt er und meint: «Es braucht Unabhängige, die sich um diese Schicksale kümmern, ob Verding- oder Heimkinder, Jenische oder andere Ausgebeutete.»
Uschi Waser. (Bild: Peter Klaunzer)
Die Fotoausstellung entstand in Zusammenarbeit von Keystone-SDA, dem Verein netzwerk-verdingt und dem Küefer-Martis-Huus. Angereichert wird sie durch ein umfangreiches Beiprogramm zum Thema «Verdingen». Walter Zwahlen hat für die Ausstellung vier weitere Orte im Visier, die Ostschweiz ist (noch) nicht dabei.
Begleitprogramm:
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.