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Du sollst dir ein Bild machen

Das Buch zum «Hauptakteur des Kulturjahrs 2013», zu dem die Sonntagszeitung ihn kurzerhand ernannt hat: «Die Enthüllung des Realen» gibt kluge Einblicke in die Arbeit des Regisseurs Milo Rau.

Von  Peter Surber , 

Was er in die Finger nimmt, erregt Aufsehen und provoziert nicht nur Debatten, sondern manchmal auch handfestere Reaktionen – so wurde Milo Rau im Herbst die Einreise nach Moskau verweigert, offensichtlich eine Strafaktion nach seinen regimekritischen «Moskauer Prozessen» im Frühling. Und in St.Gallen ist die Auseinandersetzung um «City of Change» von 2011 noch in lebhafter Erinnerung.

Nähe zum Kultischen

Provokation sei aber nicht das Ziel – der Schlingensief-Satz «Provokation ist etwas für Doofe» gelte auch hier, hält im Buch Timon Beyes fest. Vielmehr ist Rau, folgt man den Autoren des Buchs, mit einem geradezu heiligen Ernst bei der Sache. Der Herausgeber, der St.Galler Publizist Rolf Bossart, bezeichnet  Raus Projekte als «Symbolisierungsakte im kultischen Sinn». Das heisst: Sie stehen nicht für etwas anders oder spielen eine andere, «wirkliche» Wirklichkeit nach, wie es der Begriff des «Reenactment» nahelegen könnte, sondern sie erschaffen ihre eigene Realität. «Rau führt in seinem Theater die Leute wieder an jenen Punkt, wo ‚es‘ getan wird.»

So waren die Moskauer Prozesse (Bild oben) keine Rekonstruktion, sondern verhandelten das, was vor der realen Justiz nicht stattfinden konnte. Und was die Zürcher Prozesse unter Anklage stellten, war vordergründig zwar die «Weltwoche», dahinter jedoch die Tatsache, dass sich die Schweiz um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem ausländerfeindlichen Populismus drückt. Hier wie dort wirkten Betroffene mit, die im Theater ihre eigene Rolle «spielten» – und sich damit existentiell aussetzten, wie Rau mit Hochachtung sagt.

Ähnliches gilt für «Breiviks Erklärung»: die hoch umstrittene Lesung der Rede, die der norwegische Massenmörder vor Gericht gehalten hatte. Ein Tabubruch – aber nicht zum Selbstzweck, sondern um «sich einer Sache zu stellen», wie es Bossart formuliert. Auf den präzisen Punkt bringt die Breivik-Schauspielerin Sascha Soydan diese Haltung: «Die Züge fahren auch dann ab, wenn wir nicht zum Bahnhof gehen.» Also nicht wegschauen; Raus Devise heisst: Du sollst dir ein Bild machen.

Woher das kommt, erklärt Rau im einleitenden langen Interview mit Bossart: Seit er denken könne, sei er «geradezu hypnotisiert von dieser Idee, dabei zu sein». Über das Persönliche hinaus steckt darin auch Zeitkritik: Was Rau dem postmodernen Dekonstruktivismus und der politischen Linken gleichermassen vorwirft, ist, dass sich diese in Analyse, Kritik und damit Distanzierung erschöpften. Seine Haltung einer «sozialen Phantasie» sei gegenteilig: «Sie ist aktiv, sie hat einen Realisierungsdrang, sie will die ganze Welt auf einmal umarmen, und vor allem will sie sie verändern.»

Konstruktion statt Dekonstruktion

So will Rau auch sein St.Galler Projekt «City of Change» verstanden wissen – als «soziale Grossplastik», welche die direktdemokratischen Mythen der Schweiz «beim Wort nahm», mit einer neuen Stadtregierung, der Abschaffung der Kantonsflagge, der Kampagne für das Ausländerstimmrecht, mit TV-Sendungen und Demokratiekonferenzen.

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Allerdings war dieses Konzept erst im Detail entfaltet worden, nachdem Rau mit der Ankündigung eines Stücks zum St.Galler Lehrermord auf heftige Proteste aus der Bevölkerung gestossen war.

Diesen ersten Teil der Geschichte reflektiert das Buch nur pauschal. Nimmt man Raus Anspruch ernst, Ereignisse «gleichsam durchs Feuer des Realen gehen zu lassen», dann waren zumindest die Befürchtungen der St.Galler Bevölkerung, das «Stück zum Lehrermord» betreffend, nicht ganz unbegründet. Und war es am Ende wohl doch die richtige Entscheidung, statt des konkreten traumatischen Ereignisses Debatten und eine Petition zu lancieren.

Zwar hat in diesem Fall Milo Raus «Theater des Realen» die Realität kalt gelassen – vom Ausländerstimmrecht hat man in St.Gallen seither nichts mehr gehört. Darüber zu lesen und nachzudenken lohnt sich aber weiterhin (oder umso mehr).

Rolf Bossart (Hg): Die Enthüllung des Realen. Milo Rau und das International Institute of Political Murder, Verlag Theater der Zeit 2013, Fr. 25.90.

 

 

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