, 3. Januar 2017
1 Kommentar

Dürrenmatts Hotelbrand

Im Januar bringt das Theater St.Gallen Dürrenmatts letzten Roman «Durcheinandertal» erstmals auf die Bühne. Vorbild war das Hotel «Waldhaus» im Engadin. Es brannte sechs Wochen nach der Buchpremiere ab – wie es im Buch stand. Eine Bild-Erinnerung.

Waldhaus Vulpera ca. 1984, Entrée (Bilder: Walter Büchi)

«Moses Melker – selber steinreich – hat eine Theologie der Armut entwickelt. Er möchte die Reichen von der Last des schnöden Mammons erlösen, damit sie der Gnade Gottes teilhaftig werden. Ein Gangster-Syndikat nimmt den Gedanken auf, erwirbt im Schweizer Durcheinandertal ein Kurhotel für Millionäre und lässt es zum Haus der Armut umbauen…».

So stand es im Klappentext zum Roman Durcheinandertal von Friedrich Dürrenmatt 1989. Klar ist, dass der Ort der Handlung das Fünf-Sterne-Hotel «Waldhaus» in Vulpera im Unterengadin ist. Es wurde 1895–1897 nach Plänen des Architekten Nikolaus Hartmann erbaut. Es war mit sehr edlen Materialien aufwendig ausgestattet und stand unter Denkmalschutz. Dürrenmatt kannte das Hotel seit 1957, und er kehrte mehrmals hierher zurück. Seine Spaziergänge in der Region haben ihn angeblich zu verschiedenen literarischen Stoffen inspiriert.

Das Entrée im Walhaus in leergeräumtem Zustand

Anfang der 1980er-Jahre geriet das Hotel allerdings in eine Krise. 1982 musste Nachlassstundung angemeldet werden und zwei Jahre lang – 1983 und 1984 – war es geschlossen. Doch dann wurde es von neuen Eigentümern übernommen und teilweise renoviert.

Premiere Durcheinandertal: 
6. Januar, 19:30 Uhr, Grosses Haus Theater St.Gallen. theatersg.ch

In Dürrenmatts Roman brennt das Hotel zum Schluss ab. Sechs Wochen, nachdem das Buch erschienen war, brannte auch das reale «Waldhaus» am 27. Mai 1989 in nur wenigen Stunden komplett aus. Die Untersuchungsbehörden gingen von Brandstiftung aus, doch Täter konnten nie ermittelt werden. Friedrich Dürrenmatt besuchte zusammen mit Charlotte Kerr im Herbst noch die Brandruine, bevor sie abgerissen wurde. Jahre später, 2004, wurde rund um den Hotelbrunnen und ein paar übrig gebliebene Holzstützen ein Kurpark eingerichtet.

Blick in die Sääle

Das Theater St.Gallen bringt Dürrenmatts Roman erstmals in einer Theaterfassung auf die Bühne. Und schreibt dazu: «In seinem letzten Roman kehrt Dürrenmatt noch einmal unten nach oben und oben nach unten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb bei seinem Erscheinen 1989: ‹Dieser Roman wird als Gesellschaftssatire voller Ironie, als eine Groteske mit holzschnittartigen Elementen der Räuberpistole in die Literaturgeschichte eingehen.›»

Der Hotelbrand war allerdings keine Räuberpistole – sondern bittere Realität.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Der Blick auf die Terrasse

1 Kommentar zu Dürrenmatts Hotelbrand

  • Raphy Frei sagt:

    Sicher, der Roman „Durcheinandertal“ von Friedrich Dürrenmatt ist gekonnt ! Trotzdem fing ich, obwohl ich bis 1989 ein absoluter Dürrenmatt-Fan war, ihn, – nach diesem Brand des Hotels Waldhaus in Vulpera, – an zu hassen !! Er trug doch eine Art Verantwortung, nicht Schuld, aber diese detaillierte Beschreibung in seinem Roman, kommt dem Teufel-an-die-Wand-malen gleich ! Zudem bringt man Profitgeier und Psychopathen auf düstere „Ideen“, ein Hotel in Brand zu stecken ! Ähnlich wie die Killer-Computerspiele und Horrorfilme, die meistens Jugendliche zu Terroranschlägen oder Amokläufen verleiten oder provozieren !! – Ich und Experten sind fest davon überzeugt: Hätte Dürrenmatt in seiner Handlung das Hotel Waldhaus NICHT NIEDERBRENNEN LASSEN, wäre auch in zivil das wunderschöne Grandhotel, die Perle des Historismus und Nikolaus Hartmann seniors Meisterstück, VERSCHONT GEBLIEBEN !! Ich bin Historiker und Mitglied beim Schweizer Heimatschutz Ausserdem ist unsere Gesellschaft überfordert mit historischen Grandhotels: Ein subjektives Musterbeispiel, wurde dem Harzburger Hof in Bad Harzburg (BRD) in Niedersachsen beschert: In nur 4 Jahren, wurde der 270 Zimmerkomplex (ältester teil 1874) komplett zerstört: Zuerst Vandalismus, dann brannte es 2014, 2015 und 2016 in den Dachgeschossen, sowie Treppenhäusern aus. Durch das Löschwasser stürzte bereits 2014 die Decke des ehemaligen Casinosaals ein. Nun wird es seit August 2017 bis Ende November 2017 abgebrochen, da es auch statisch unmöglich war, die Anlage zu stabilisieren oder zu retten. Das Hotel Waldhaus wurde ja mit wesentlich mehr Brandbeschleuniger vernichtet, sodass es sofort nach Beendigung der Löscharbeiten einsturzgefährdet war !!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Gutenbergstrasse 2
Postfach 2246
9001 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!